70 Prozent haben keine abgeschlossene Berufsausbildung

Wie geht das - schnelle Jobs für Flüchtlinge?  

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Nürnberg - Wie kann man Flüchtlinge schnell in Arbeit bringen? Selbst Forschern fehlen dafür wichtige Informationen über die Neuankömmlinge: Welche Allgemeinbildung bringen sie mit, und welche Fachkenntnisse? Bisher behilft man sich daher mit Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Nach und nach kommen immer mehr Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt an. Die meisten finden jedoch erstmal keinen Job, sondern landen in der Arbeitslosigkeit. Im April waren laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) 136 000 Männer und Frauen aus den sogenannten Asylzugangsländern erwerbslos gemeldet - 64 000 mehr als vor einem Jahr. Die anfängliche Hoffnung, die Menschen schnell in Jobs zu bringen, wurde von der Realität eingeholt. Es dauert einfach Zeit, deutsch zu lernen. Zudem haben gut 70 Prozent der Flüchtlinge keine abgeschlossene Berufsausbildung, wie Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt.

Viel wissen jedoch selbst Experten nicht über die Neuankömmlinge. Das IAB in Nürnberg geht davon aus, dass im vergangenen Jahr etwa 600 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter nach Deutschland kamen. In diesem Jahr könnten noch einmal 200 000 bis 300 000 dazu kommen. Lediglich einige geben freiwillig Auskunft über ihre Bildung, wenn sie ihren Asylantrag stellen. Demnach haben 25 Prozent der Menschen mit guter Bleibeperspektive nur eine Grundschule oder gar keine Schule besucht.

Gezielte Erfassung von Bildung und Kenntnissen fehlt bisher

46 Prozent gaben an, auf ein Gymnasium oder eine Hochschule gegangen zu sein. Die Allgemeinbildung scheint demnach besser zu sein als die beruflichen Qualifikationen. Eine gezielte Erfassung von Bildung und (Fach-)Kenntnissen der Asylbewerber fehlt bislang - was die Unterstützung der Menschen erschwert. Eine Studie des IAB soll nun Abhilfe schaffen. Ergebnisse wird es jedoch erst im Herbst geben.

Bis dahin behilft man sich mit Erfahrungen aus der Vergangenheit: Die Angehörigen der letzten großen Flüchtlingsbewegung in den 90er-Jahren hätten ein ähnlich schlechtes Ausbildungsniveau gehabt, sagt Brücker. Damals kamen die meisten Menschen vom Westbalkan, aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan und der Türkei. Es dauerte 15 Jahre, bis etwa 70 Prozent dieser Flüchtlinge dauerhaft Arbeit gefunden hatten.

Große Verdienstunterschiede im Vergleich mit Deutschen

Nur ein knappes Zehntel der Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter fand gleich im ersten Jahr einen Job. Diese Quote entspricht in etwa den Erfahrungen aus einem aktuellen BA-Modellprojekt, in dem Zuwanderer gezielt nach ihren Qualifikationen gefragt und entsprechend gefördert wurden: Von den etwa 1400 Teilnehmern konnten bis Dezember 2015 nur etwa 160 in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden.

Auch beim Verdienst gab es bisher große Unterschiede zwischen Flüchtlingen und Deutschen: Selbst nach 15 Jahren lag der Lohn von Geflüchteten im Schnitt bei 80 Prozent des Lohns von Einheimischen. „Flüchtlinge haben viele Nachteile. Sie haben weniger Berufserfahrung, geringere Qualifikationen und schlechtere Sprachkenntnisse. Und sie sind im Schnitt jünger“, erklärt Brücker.

Die mittleren Stundenlöhne der Geflüchteten hätten in den ersten Jahren bei rund 13 Euro gelegen, später bei 16 Euro. Dies sei zwar deutlich weniger als bei Einheimischen, aber immer noch über dem Mindestlohn. Brücker sieht deshalb in den 8,50 Euro pro Stunde auch keine Integrationsbremse wie etwa Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

"Wohnsitzauflage" behindert laut Experten Arbeitssuche

Und noch eine häufige Forderung wird von den Erkenntnissen der Forscher infrage gestellt: Dass Flüchtlinge an einem bestimmten Wohnort bleiben sollen. Diese „Wohnsitzauflage“ behindere die Arbeitssuche, sagt Brücker. Denn dafür sei Mobilität nötig. Ohne solche Auflagen siedelten sich Migranten meist in Ballungsräumen wie München, Frankfurt oder Stuttgart an - wo die Arbeitslosigkeit unterdurchschnittlich sei. In Großstädten hätten im vergangenen Jahr 23 Prozent der Menschen aus Asylzugangsländern einen Job gehabt, in ländlichen Regionen nur knapp 15 Prozent. „Die Menschen wissen selbst am besten, wo sich entwickeln können“, sagt Brücker.

Und in Ballungsräumen entstehende Netzwerke von Menschen aus den gleichen Herkunftsländern hätten auch einen Vorteil: „60 Prozent der Flüchtlinge finden ihren ersten Job durch Familienangehörige, Freunde und Bekannte.“ Auch die Einstiegslöhne seien meist höher als bei Jobcenter-Angeboten. Der Nachteil der Netzwerke: Spracherwerb und soziale Integration könnten erschwert werden.

Verdrängungseffekte nur bei schlecht qualifizierten Migranten

Eine große Zahl von Flüchtlingen führt nach den Erkenntnissen der Forscher zudem nicht zu sinkenden Löhnen und stark steigender Arbeitslosigkeit. Lediglich bei schlecht qualifizierten Migranten könne es Verdrängungseffekte geben. Für eine Arbeitsmarktintegration der Zuwanderer sind aus Sicht Brückers schnelle Asylverfahren nötig, längere Aufenthaltstitel und mehr Bildungsangebote. Gute Sprachkenntnisse erhöhten Beschäftigungswahrscheinlichkeit und Löhne deutlich - ein deutscher Berufsabschluss noch um einiges mehr.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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