Auto "entführt": Wo ist mein grüner Lancia?

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Seit drei Monaten ist das Auto von Angelika und Wolfgang Ziegler weg. Das Auto war auf mehrere Stunden auf einem Supermarkt-Parkplatz abgestellt, obwohl dort mehrere Schilder (kleines Bild) auf die Abschlepppraxis aufmerksam machen.

Oberaudorf - Falsch geparkt, Auto abgeschleppt: Was nach einem lästigen Missgeschick klingt, hat sich für das Ehepaar Ziegler aus Oberaudorf zu einem Albtraum entwickelt.

Seit fast drei Monaten versuchen sie, ihr Auto zurückzubekommen. Weder Polizei noch Anwalt konnten bislang helfen.

Wer auf dem Parkplatz vor der Tengelmann-Filiale in der Rosenheimer Aventinstraße sein Auto abstellt, sollte dies nur dann tun, wenn er dort auch wirklich einkauft. Diese Erfahrung haben mittlerweile schon einige Falschparker machen müssen. Denn der Parkplatz wird von einer Abschleppfirma überwacht. Im März hat unsere Zeitung über die Geschäftspraktiken des Unternehmens bereits berichtet. Die bundesweit einschlägig bekannte Firma überwacht im Auftrag von Grundstückseigentümern private Parkplätze. Wer dort unberechtigterweise parkt, lernt schnell die zweifelhaften Geschäftspraktiken kennen. So etwa zwei Parksünder, die ihre Autos im März 2010 auf dem Parkplatz in der Aventinstraße abstellten. Jeweils 270 Euro mussten sie gleich an Ort und Stelle abdrücken, um zu erfahren, in welcher Rosenheimer Seitenstraße ihr Auto abgestellt worden war (wir berichteten).

Deutlich schlimmer als die beiden Falschparker im März hat es Wolfgang Ziegler aus Oberaudorf erwischt. Am Freitag, 23. April, muss er zu einer Fortbildung. Er ist knapp dran, findet keinen Parkplatz. Kurzerhand stellt er das Auto trotz der Warnschilder auf dem Supermarkt-Parkplatz ab. Als er mittags zurückkommt, ist sein Lancia weg. Zwei Männer sprechen ihn an: Sein Auto sei abgeschleppt worden. Erst wenn er eine Gebühr von 270 Euro zahle, erfahre er, wo sich der Lancia befinde. Ziegler hat nicht genügend Geld dabei, die EC-Karte liegt zuhause in Oberaudorf. Bis 18 Uhr seien sie da, versichern die beiden. Ziegler fährt mit dem Zug nach Hause, seine Frau Angelika macht sich in die umgekehrte Richtung auf den Weg. Unterwegs holt sie Geld am Bankautomaten. Als sie nachmittags in Rosenheim eintrifft, sind die beiden Männer aber nicht mehr da. Auch von ihrem Auto gibt es keine Spur.

Wolfgang Ziegler hat zwar einen Info-Zettel ausgehändigt bekommen, aber in dem Schreiben ist keine Bankverbindungen genannt. "Wir hätten gezahlt, nur um unser Auto wiederzubekommen", versichert Angelika Ziegler. Allein, es fehlt ihnen eine Kontonummer. "Unter der angegebenen kostenpflichtigen Telefonnummer hat sich am Freitag und Samstag niemand gemeldet", sagt Angelika Ziegler. Die Zieglers gehen zur Polizei und zeigen die Abschleppfirma wegen Nötigung an. Gleich am Montag schalten die Zieglers den Rosenheimer Rechtsanwalt Christian Schluttenhofer ein. Er übernimmt die Sache, fordert die Abschleppfirma schriftlich auf, eine Kontoverbindung zu nennen. "Doch auf meine Schreiben hat nie jemand reagiert", so Schluttenhofer.

Joachim K. G., Geschäftsführer der Abschleppfirma, sagt dagegen, seine Firma habe nie Post von Schluttenhofer bekommen. "Es gibt in dieser Sache keinen Schriftverkehr", so G. Den Vorwurf der Nötigung will er nicht auf sich sitzen lassen. Er verweist auf Gerichtsurteile, die seine Firma von dem Nötigungsvorwurf freisprechen. Das Abschleppen von Autos von Privatparkplätzen ist nach seiner Interpretation der Urteile zulässig. Auch habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Nötigung, das durch die Anzeige der Zieglers ausgelöst wurde, eingestellt. Die Einstellung erfolgte allerdings unter Berufung auf Paragraf 154 der Strafprozessordnung. Demnach wird das Verfahren vorläufig nicht weiter verfolgt, wenn die zu erwartende Strafe wegen anderer laufender Verfahren nicht mehr ins Gewicht fällt. Ein Freispruch schaut anders aus.

Betreut wird die Immobilie in der Aventinstraße von einer Münchener Grundstücksverwaltung. Die zuständige Objektbetreuerin bestätigt, dass der Parkplatz auch weiterhin von der Abschleppfirma überwacht wird. "Wir hatten in der Vergangenheit massive Probleme mit Dauerparkern, die dort ihre Fahrzeuge unberechtigt abgestellt haben", so die Verwalterin. Mieter, die Parkflächen für teures Geld angemietet haben, hätten sich massiv beschwert. Seit die Abschleppfirma tätig sei, habe sich die Situation gebessert. Vor vier Wochen bekament die Zieglers dann doch noch Post von der Abschleppfirma. 300 Euro sollten bezahlt werden, ansonsten werde ein Mahnverfahren eingeleitet. Endlich, nach fast zwei Monaten, hätten die Zieglers nun eine Kontonummer. Aber jetzt wollen sie nicht mehr zahlen: "Wir wissen ja gar nicht, in welchem Zustand unser Auto ist", meint Angelika Ziegler. "Es könnte sein, dass wir die 300 Euro überweisen und einen Totalschaden zurückbekommen." Vor zwei Wochen flatterte nun ein erstes Mahnschreiben ins Haus. Jetzt ist die Forderung schon auf 349 Euro geklettert.

Für Geschäftsführer G. sind die Zieglers selbst dafür verantwortlich, dass sie ihre Auto noch nicht wiederhaben. Da sie keine Angaben über die Telefon-Hotline gemacht hätten, habe man erst eine aufwendige Halterfeststellung machen müssen. Weder auf die Rechnung noch auf die Mahnung hätten die Zieglers reagiert. Das Oberaudorfer Ehepaar hofft nun, das Auto auf dem Rechtsweg zurückzubekommen. Rechtsanwalt Schluttenhofer hat Klage eingereicht auf Rückgabe des Autos. Er rechnet mit einem Verhandlungstermin im Herbst. Mindest solange müssen die Zieglers wohl noch auf ihr Auto warten. Unterdessen laufen die Kosten für Versicherung und Steuer weiter: "Ich habe versucht, das Auto abzumelden", so Angelika Ziegler. Doch dazu bräuchte sie den Fahrzeugschein. Und der liegt im Handschuhfach.

Wer weiß, wo der grüne Lancia steht?

In anderen Fällen hat die Abschleppfirma die von ihr abgeschleppten Fahrzeuge einfach in irgendwelchen Nebenstraßen abgestellt - unauffindbar für die Eigentümer. Auch der grün-metallic-farbene Lancia Delta der Zieglers mit dem amtlichen Kennzeichen RO-WZ 429 befindet sich vermutlich irgendwo in Rosenheim. Hinweise nimmt das Oberbayerische Volksblatt unter Telefon 08031-213 213 entgegen.

Klaus Kuhn/Oberbayerisches Volksblatt

Nicht der erste Fall von Abschlepp-Abzocke im Raum Südbayern

In München gab es Ende 2009 bereits über 100 solcher Fälle, die von den Geschädigten zur Anzeige gebracht wurden. Alle standen im direkten Zusammenhang mit einem Münchner Abschleppunternehmen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, überwacht die Firma mehrer Parkplätze und Supermärkte. Wer abgeschleppt wird, der muss zahlen.

Die Polizei steht diesem Geschäftsmodel sehr kritisch gegenüber. Gegen die Münchner Firma wurden daher mehr als 100 Anzeigen wegen Nötigung aufgenommen. So unglaublich diese Geschichte aber bereits jetzt schon anmutet, es wird noch dreister. Das Unternehmen behielt den Twingo einer Rentnerin neun Monate lang. Dazu kam auch noch, dass die Handtasche der Frau - mit ihrem Ausweis und den Kreditkarten - im Fahrzeug lagen. Die Firma wollte der Rentnerin nicht sagen, wo ihr Auto abgestellt wurde. Als sie dann ihren Twingo nach neun Monaten wiederbekam, war das Fahrzeug schrottreif und die Handtasche verschwunden.

Wie kann man sich schützen?

Viele Verbraucher wissen nicht, wie sie in der Situation reagieren sollen. Waltraud Watzlawik vom ADAC meint: "Wenn sie als Verbraucher den Eindruck haben, dass das Abschlepp-Unternehmen mit unseriösen und zwielichtigen Methoden vorgeht, dann wenden sie sich umgehend an einen Anwalt. Wenn sie Mitglied eine Automobilklubs sind, dann steht ihnen auch deren Rechtsabteilung mit Rat und Tat zur Seite."

Aber wie merkt man eigentlich, ob das Unternehmen unseriös ist? "Grundsätzlich haben diese Werksunternehmen ein sogenanntes Werkvertragsrecht. Das bedeutet, das sie das Fahrzeug als Pfand behalten können, bis der Parksünder die Rechnung beglichen hat. Falls die Forderungen des Abschlepp-Dienstes aber zu hoch oder unberechtigt sind, dann können sie als Verbraucher auch dagegen vorgehen," so Watzlawik. Sie rät den Geschädigten in solch einem Fall sofort einen Anwalt einzuschalten. "Sie können selbstverständlich auch zur Polizei gehen, allerdings schreitet die Polizei bei solchen zivilen Ansprüchen nur bedingt ein. Daher würde ich auf jeden Fall zuerst den Anwalt einschalten."

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