Afghanistan: "Zeitdruck ist groß"

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Arbeitet sich seit einer Woche wieder in den Dienst am Heimatstandort Bad Reichenhall ein: Oberst Peter Utsch.

Bad Reichenhall - Der stellvertretende Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall, Oberst Peter Utsch, ist nach einem halben Jahr aus dem Afghanistan-Einsatz zurückgekehrt.

Ende August 2011 war Utsch von der Brigade in die Provinz Badachschan nach Faizabad verabschiedet worden. Er leitete dort das Wiederaufbauteam (PRT). Seit Mitte Februar ist er wieder zurück in der Heimat.

"Ich hatte die Führung von rund 400 Soldaten unter mir", erklärt er gegenüber BGLand24. In einem persönlichen Gespräch will er Einblicke in seine Arbeit und die Situation vor Ort geben. Zwei Dinge sind ihm dabei besonders wichtig: "Ich wünsche mir für unsere Soldaten in der schwierigen Misson intensiveren Rückhalt aus der Bevölkerung und unser Staat ist gut beraten, weiter auf Afghanistan zu setzen."

Ist es schon der richtige Zeitpunkt?

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Ich hatt’ einen Kameraden

Letzteres bezieht er auf die Abzugspläne 2014. "Nach meinem ersten Einsatz in Afghanistan 2009 war ich überzeugt davon, dass es richtig ist, was wir da machen. Das bin ich auch immer noch, aber durch den schnell geplanten Abzug befürchte ich, dass sich die Strukturen wahrscheinlich noch nicht tragen werden", macht Utsch seinen Standpunkt deutlich. Die Frage sei einfach: Ist es schon der richtige Zeitpunkt? Der 55-Jährige glaubt es nicht. Appelliert aber zeitgleich an die deutsche Bundesregierung, in Sachen Diplomatie und wirtschaftlicher Unterstützung weiter auf Afghanistan zu setzen. "Der Afghane ist deutschfreundlich. Wir haben dort ein gutes Standing, das sollten wir nicht verschenken."

In seinem Einsatz hat der Vater zweier erwachsener Kinder viel Kontakt zu afghanischen Entscheidungsträgern gehabt. Zwei- bis dreimal die Woche besuchte er die verschiedensten Persönlichkeiten, immer mit Dolmetscher und sechs Soldaten, die einzig für seine Sicherheit zuständig waren. "Ich habe zu keiner Zeit Angst gehabt, dass mir was passieren könnte", betont er im BGLand24-Interview. "Wenn die Leute sie einladen, kann man sicher sein, dass man ungeschoren hin- und wieder zurückkommt. Das ist der Gastgeber-Ehrenkodex." Trotzdem hat der Oberst jeden Besuch mit seinem Sicherheitspersonal genau geplant. "Die Sicherheit steht an erster Stelle."

Die Sicherheit steht an erster Stelle

Die Sicherheit der deutschen Soldaten ist auch in der Bevölkerung immer wieder ein Thema. Laut Utsch seien die Fahrzeuge mittlerweile auf einem Standard der wirklich gut sei. Natürlich wäre es besser, wenn die Soldaten in der Heimat bereits mehr Zeit zum Üben mit den entsprechenden Fahrzeugen und Geräten hätten. Das sei verbesserungswürdig. Ansonsten ist der 55-Jährige davon überzeugt, dass die deutschen Soldaten einen guten Dienst in Afghanistan leisten und ausreichend geschützt seien. Der Rückhalt aus der Bevölkerung könnte allerdings besser sein.

Großer Rückkehrerappell in Bad Reichenhall

Rückkehrerappell in Bad Reichenhall

"In anderen Ländern wird die Sinnhaftigkeit eines Einsatzes nicht auf dem Rücken der Soldaten ausgetragen", versucht er seinen Standpunkt zu erläutern. "Ich weiß, dass es nicht gelingen wird, mehr Begeisterung in der Bevölkerung für diese Operation auszulösen. Aber für die Soldaten würde ich mir wünschen, dass die Mission etwas mehr wahrgenommen werden würde." Vor allem im Ausblick auf das Jahr 2013, in dem die Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall und Bischofswiesen erneut im Ausland Dienst tun werden.

Auf die Abwesenheit einstellen

Er selbst wird dann wahrscheinlich in der Heimat die Stellung halten. Das wird vor allem bei seiner Frau und seinen Kindern Freude auslösen. "Ich bin mir sicher, dass für meine Familie der schlimmste Moment ist, wenn man sich verabschieden muss." Dann beginne für die Daheimgebliebenen eine Zeit der Ungewissheit, bis sie wissen, dass er gut angekommen sei, man regelmäßig telefonieren und Kontakt halten könne. "Man muss sich auf seine Abwesenheit von zu Hause einstellen", gibt Oberst Utsch betroffenen Soldaten einen Rat mit auf den Weg. "Probleme, die bestehen oder während der Abwesenheit entstehen könnten, sollte man abarbeiten. Dann kann man sich im Ausland voll auf seinen Einsatz konzentrieren."

Utsch selbst ist froh, den Einsatz erfolgreich hinter sich gebracht zu haben. Während seiner Kommandeurszeit hat er das Lager in Faizabad an das Auswärtige Amt, also von militärischer in zivile Führung, übergeben. Die Gesamtsicherheitsverantwortung hat die afghanische Armee in der Provinz Badachschan übernommen. Das Modell soll jetzt zeigen, ob Afghanistan soweit ist, sich wieder selbst zu bestimmen. Der Oberst ist sich sicher, dass es sich in Badachschan bewährt. Ob aber andere Provinzen bereits soweit sind, wagt er zu bezweifeln.

cz

Quelle: BGland24.de

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