"Hetzjagd" oder "berechtigte Sorge"?

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Ampfing - Eine hässliche Geschichte spaltet die Gemeinde Ampfing im Isental derzeit in zwei Lager. Es geht um die angebliche sexuelle Belästigung eines Kindes durch einen Jugendlichen.

Ereignet hat sich der Vorfall am ersten April-Wochenende diesen Jahres. Die nüchternen Fakten stellen sich dazu so dar: Ein Jugendlicher aus dem Ort hat an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ein siebenjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft fotografiert. Die Eltern des Kindes bekamen das mit und verlangten von dem Buben, die Bilder anschauen zu dürfen. Was sie sahen, schockierte sie so sehr, dass sie die Polizei riefen. Ihr Verdacht: Die Fotos haben einen sexuell motivierten Hintergrund.

Die Polizeistreife, die binnen kurzer Zeit vor Ort war, sichtete die Fotos ebenfalls. Die Einschätzung der Beamten lautete: "Diese Fotos haben keinen strafrechtlichen Charakter." Zur Sicherheit nahmen die Beamten die  Speicherkarte der Kamera jedoch mit und zeigten die Fotos der zuständigen Staatsanwaltschaft. Auch deren Urteil lautete: "Kein strafrechtlich relevanter Charakter".

Die Strafverfolungsbehörden gaben die Speicherkarte deshalb an den Buben zurück - ungelöscht. Es kam weder zu einer Anzeige noch zu weiteren Ermittlungen. Stattdessen bekam das Mühldorfer Jugendamt die Empfehlung, sich der Sache anzunehmen.

Dieses teilte auf Anfrage von Innsalzach24 mit: "Wir stehen im Kontakt mit beiden Familien und sind bemüht, deren Hilfe- und Unterstützungsbedarf bestmöglich zu entsprechen. Die weitere intensive Betreuung aller Beteiligten werden wir natürlich sicherstellen."

In Wohlgefallen löste sich die Sache dennoch noch nicht auf. Denn die Eltern des Mädchens waren durch das Verhalten des Buben ihrem Kind gegenüber weit mehr alarmiert als die Behörden. Der Vater der Siebenjährigen gegenüber Innsalzach24: "Er hat nur Bilder von dem Po meiner Tochter gemacht! Aus einer Entfernung von etwa zwei Metern. Und eines, wo sie sich selber würgt." Weder er noch seine Frau empfänden das als normal.

Beide betonen: "Wir wollen dem Buben nicht schaden, aber es muss hier etwas unternommen werden. Es muss ihm geholfen werden. Was würden Sie tun, wenn es Ihr Kind gewesen wäre, das so fotografiert worden wäre?"

Auf der Speicherkarte der Kamera hätten sich außerdem  Bilder von weiteren Kindern befunden. Anders als die Aufnahmen von ihrer Tochter, waren diese Bilder aber aus großer Distanz aufgenommen worden. Der Vater der Siebenjährigen: "Wir werden jetzt vor der Schule ständig von Eltern angesprochen, die wissen wollen, ob ihre Kinder auch auf den Fotos waren und wer der Bub ist." Die Identität des Jugendlichen würden sie aber auf keinen Fall preisgeben.

Allerdings veröffentlichten sie auf einer nach dem Vorfall gegründeten Facebook-Gruppe Warnungen an Ampfinger Eltern und schilderten den Fall hier sehr detailliert. Die Facebook-Gruppe hat bereits 40 Mitglieder, darunter längst auch Menschen, die die Eltern der Siebenjährigen erst über diese Gruppe kennengelernt haben.

Der Vater des Buben sieht seinen Sohn nun einer "Hetzjagd" ausgesetzt. Zumal die Mutter des Mädchens auch noch eine Flugblattaktion im Ort angekündigt hatte. "Zum Glück ist sie hier wohl zur Besinnung gekommen. Es soll endlich Ruhe einkehren. Ich möchte meinem Sohn ein normales Leben ermöglichen", sagt er.

Aus seiner Sicht war das Einschalten der Polizei "eine völlig überzogene Reaktion". "Die Beamten haben doch ganz klar festgestellt, dass die Bilder keinen sexuellen Hintergrund haben. Mein Sohn hat den Fotoapparat zu Weihnachten bekommen. Es ist doch verständlich, dass er jetzt damit fotografiert. "  

Der Ampfinger betont, dass er selbst es gewesen sei, der das Jugendamt sofort nach dem Vorfall informiert habe. "Wir sind ständig mit den Sachbarbeitern dort in Kontakt wegen gesundheitlicher Probleme meines Sohnes." Der Jugendliche leidet an einer psychischen Störung, die etwa drei bis zehn Prozent aller deutschen Kinder haben. Eine Krankheit, die behandelt werden muss, weil sie sonst für die betroffenen Kinder und deren Familien belastend ist. "Es gibt jetzt Gott sei Dank viele, die zu uns halten", sagt der Vater des Buben.

Unterstützung bekommt er auch von einer örtlichen Mitarbeiterin der Opfer-Organisation "Weißer Ring e.V.". Sie hat die Fotos gesehen und kennt den Buben persönlich. Ihr Urteil: Keine sexuelle Belästigung, kein sexueller Hintergrund. Die Eltern des Mädchens hätten sich im vorliegenden Fall getäuscht.

 "Natürlich müssen Eltern wachsam sein und auf Anzeichen achten, ob ihr Kind sexuell belästigt worden ist. Aber bevor sie die Behörden oder die Öffentlichkeit einschalten, müssen sie sich absolut sicher sein. Denn ein unschudig Bezichtigter ist auch ein Opfer", sagt die Vertreterin des Weißen Rings.

Im Moment sind nun beide Familien bemüht, Ruhe in die Sache zu bringen. Sie arbeiten beide mit Jugendamt und Gemeinde zusammen, um die Sache zu klären.

ck/Innsalzach24.de

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