16-Jährige hilft sofort

Die Lebensretterin aus der Grünen Lagune

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Sabine Kirchmaier-Gilg hat Selina Yektas auf Facebook aufgespürt, um auf die Wichtigkeit von Erste-Hilfe-Kursen aufmerksam zu machen
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Ampfing - In der Grünen Lagune wäre Anfang Juli beinahe ein Mann ertrunken. Als er aus dem Wasser gezogen wurde, reagierte eine junge Frau sofort: Selina (16) aus Waldkraiburg.

Nachdem Anfang Juni ein 34-Jähriger im Naturbad "Grüne Lagune" in Ampfing ertrunken war, wäre es am Freitag, 3. Juli, beinahe wieder zu einem tödlichen Badeunfall gekommen: Ein 51-Jähriger Ampfinger wurde - wohl gerade noch rechtzeitig - aus dem Wasser geholt.

Augenzeugen zufolge haben sich dabei gleich mehrere Badegäste vorbildlich verhalten und mit angepackt. Danach war der 51-Jährige aber noch nicht gerettet: Er hatte keinen Puls mehr, musste unbedingt reanimiert werden. Ausgerechnet die jüngste Helferin, die 16-jährige Selina Yektas aus Waldkraiburg, zeigte einen kühlen Kopf und reagierte goldrichtig.

"Da müssen wir helfen"

Selina war gerade mit ihrer Freundin im Naturbad unterwegs, als der Ampfinger aus dem Wasser geholt wurde. "Da waren Männer im Wasser, die haben 'Hilfe' geschrien und den Mann aus dem Wasser gezogen", erinnert sich Selina heute. "Ich habe zu meiner Freundin gesagt, dass wir hinrennen müssen und helfen müssen." Eine Frau, die unter den ersten Helfern war, wollte den 51-Jährigen in die stabile Seitenlage bringen - ein Fehler, wie Selina erkannte. "Eine Frau wollte die stabile Seitenlage machen, hat vorher aber nicht geschaut, ob der Mann noch Puls hat."

Die 16-Jährige sprach die Helfer darauf an, sagte, dass sie zwei Wochen zuvor einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht habe. Selina übernahm sofort die Verantwortung, begann mit einer Herzmassage. Schnell spuckte der 51-Jährige Wasser, schnappte nach Luft. Bald darauf lösten weitere Helfer Selina ab, beatmeten den Ampfinger mit einer in der Grünen Lagune für Notfälle bereitliegenden Handpumpe.

"Sie greift da ein in einer Seelenruhe"

Der 51-Jährige kam schließlich mit dem Hubschrauber in eine Münchner Klinik. Der Ampfinger lag zunächst im Koma, ist aber inzwischen aufgewacht. Ihm steht wohl eine schwere, mehrmonatige Reha bevor, doch der Badeunfall hätte noch viel schlimmer ausgehen könnten. Seine Ehefrau ist allen Helfern sehr dankbar, zu Selina steht sie seit dem Vorfall in Kontakt.

Die Ampfingerin Sabine Kirchmaier-Gilg war an jenem Freitag ebenfalls in der Grünen Lagune. Selinas beherztes Eingreifen hat sie nachhaltig beeindruckt. "Sie war so ruhig. Das fand ich einfach unglaublich", erzählt Kirchmaier-Gilg. "Sie greift da ein in einer Seelenruhe." Alle Erwachsenen seien aufgeregt gewesen, sie habe dagegen den Mut gehabt, eine beginnende Erste Hilfe zu unterbrechen, weil sie einen Fehler gesehen hat.

Zeugin will jetzt selbst einen Kurs machen

Sabine Kirchmaier-Gilg war es, die Selina nach dem Vorfall überhaupt erst ausfindig gemacht hat. Die 16-Jährige ist mit ihrer Mutter und ihrem Bruder bald nach dem Badeunfall nach Hause gefahren. Kirchmaier-Gilg war es aber wichtig, sich bei Selina zu bedanken - und die Öffentlichkeit auf die Wichtigkeit von Erste-Hilfe-Kursen aufmerksam zu machen. "Ich muss auch wieder einen machen. Das war mir eine Lehre", sagt Kirchmaier-Gilg.

Selina selbst sieht ihren Einsatz nur als kleinen Beitrag. Die Hauptleistung habe der vollbracht, der den 51-Jährigen aus dem Wasser gezogen hat, findet Selina. Ihre Eltern Hüseyin und Evi sind freilich stolz, geben sich zugleich aber selbstkritisch. Gewusst, was zu tun ist, hätte er schon. Ob er aber auch richtig gehandelt hätte, wisse er nicht, sagt Vater Hüseyin.

"Wir haben eine qualifizierte Wasseraufsicht"

Die Familie Yektas ist genau wie Sabine Kirchmaier-Gilg aber auch besorgt. Sie sind sich nicht sicher, ob die offiziellen Aufseher in der Grünen Lagune die Situation ohne die vielen helfenden Hände der Badegäste so gut bewältigt hätten. Die Rettung aus dem Wasser, die Reanimation, all das haben schließlich federführend die Badegäste übernommen.

Hans Leitner, Hauptamtsleiter der Gemeinde Ampfing, ist den spontanen Helfern dankbar. "Vielleicht war das Glück im Unglück." Zugleich sagt Leitner aber, dass man sich nicht darauf verlasse. "Wir haben eine qualifizierte Wasseraufsicht jeden Tag in der Lagune und bei größerem Andrang auch zwei." Diese Aufsicht habe einen Rettungsschein und beherrsche Erste-Hilfe-Maßnahmen. "Das sind also nicht irgendwie Krethi und Plethi, sondern das sind wirklich Fachleute vor Ort."

"Es können nicht mehrere Köche werken"

Dass am 3. Juli Badegäste die Erste Hilfe übernommen haben, ist Leitner zufolge dem Zufall geschuldet, dass gleich drei Krankenschwestern zum Notfall hinzugekommen seien. Auch Selina hat ja sofort von sich aus Hilfe angeboten. Die Badegäste seien nicht von der Wasseraufsicht aufgefordert worden, sondern hätten von sich aus die Regie übernommen. "Und es können ja nicht mehrere Köche gleichzeitig am Patienten werken", sagt Leitner.

15 Jahre lang habe es in der Lagune keine ernstzunehmenden Badeunfälle gegeben - jetzt leider gleich zwei hintereinander. Wie Leitner erklärt, sei ständig eine Badeaufsicht vor Ort. "An heißen Sommertagen sind immer zwei vor Ort, die nur die Wasserfläche beobachten und sonst gar nichts." Außerdem habe man bis zu drei Leute von der Sicherheitswacht, die Kontrollgänge durch die ganze Anlage machen. "Wir sind uns unserer Verkehrssicherungspflicht bewusst", so Leitner. Jede Gefahr könne man aber nicht ausschließen. "Wenn da einer lautlos untergeht, kann nur noch der Zufall helfen, dass jemand gerade auf diesen Vorfall aufmerksam wird."

Selina träumte nachts von der Rettung

Am 3. Juli war jemand auf den 51-Jährigen aufmerksam geworden - und es waren Badegäste wie Selina vor Ort, die richtig reagierten. Spurlos an Selina vorübergegangen ist ihr Rettungseinsatz nicht: "Ich habe zwei Nächte davon geträumt." Inzwischen hat die 16-Jährige das Erlebnis aber gut verarbeitet. Vielleicht war es auch ein Stück weit Schicksal, dass Selina schon jetzt ihren Führerschein macht und gerade zwei Wochen vor dem Badeunfall den dafür vorgeschriebenen Erste-Hilfe-Kurs besucht hatte. Und in die Grüne Lagune wollte Evi Yektas mit ihrer zwei Kindern an jenem Freitag eigentlich auch nicht. "Selina wollte unbedingt in die Lagune", erzählt ihre Mutter und ihr Vater sagt: "Vielleicht hat sie da sein müssen."

Quelle: innsalzach24.de

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