Bischof Dr. Rudolf Voderholzer zu Gast in Altötting

Voderholzer: Kirche oder Wissenschaft?

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Im fast voll besetzten Kultur- und Kongressforum erhielt der Bischof durchwegs Applaus von den Vertretern der regionalen Wirtschaft
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Altötting - Am Donnerstag stellte sich Dr. Rudolf Voderholzer der Frage: "Kirche und Wirtschaft – Zwei sich fremde Welten?" Welche Anliegen dem Bischof dabei am wichtigsten sind:

Kirche und Wirtschaft - brauchen sie einander? Welche Rolle spielen die meist grundverschiedenen Weltanschauungen in beiden Systemen? Können Glaube und Materialismus gar voneinander lernen? Diesen Fragen stellte sich der Bischof von Regensburg, Dr. Rudolf Voderholzer am Donnerstag im fast voll besetzten Kultur- und Kongressforum in Altötting. Zahlreiche Vertreter der heimischen Wirtschaft waren der diesjährigen Einladung der IHK und der Landräte der Kreise Altötting und Mühldorf zum Wirtschaftsempfang gefolgt.

"Ich will keine Predigt halten, ich habe ein paar Anliegen", begann Dr. Rudolf Voderholzer seine knapp einstündige Festrede. Nach den kurzen einleitenden Worten von Landrat Erwin Huber, zog der Bischof erste Parallelen zwischen der Kirche und der freien Wirtschaft. Er selbst könne sich als Verantwortlicher für knapp 9.000 Mitarbeiter mit der Rolle als Unternehmer ganz gut identifizieren, so Voderholzer, zumal zentrale Begriffe der Wirtschaft wie zum Beispiel Personalführung, ähnlich in den Strukturen der Kirche ihre Anwendung fänden. Auch das große Gut, Fertigkeiten weiterzugeben, sehe er in beiden Welten als zentrale Botschaft und die Grundlage für den Erfolg.

Familie, Flüchtlinge und Freizeit

Mit einigen kleineren und einem zentralen Anliegen trat der Bischof vor die versammelten Wirtschaftsvertreter und zeigte auch dort weitere Ähnlichkeiten zwischen beiden Welten auf. Die Ehe und die damit verbundene Familie seien sowohl im Bereich der Arbeit als auch beim Glauben eine tragende Säule, so Voderholzer. "Ohne Sicherheit gibt es auch keinen Hausbau", fasste der Bischof seine Gedanken zusammen. Er wünschte vor allem für jüngere Arbeitnehmer mehr Arbeitsplatzsicherheit und sprach sich gegen die aktuell zu beobachtende Tendenz von immer mehr befristeten und begrenzten Arbeitsverträgen aus.

Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und Altöttings Landrat Erwin Schneider

Ein weiteres zentrales Thema, dass auch die Kirche mit enormer Wucht getroffen Habe, sei die aktuelle Flüchtlings- und Asylproblematik. Aktuell lasse der Glaubensmann prüfen, ob seine neue Bischofs-Wohnung in Regensburg nach ihrer Fertigstellung zur Unterbringung von Flüchtlingsfamilien verwendet werden könnte. "Wir müssen selbst mit einem guten Beispiel vorangehen und unsere Gastfreundschaft halten", forderte Voderholzer auch die Wirtschaft auf, der Herausforderung entgegenzutreten und den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Zuhause zu bieten. Ein reiches und wohlhabendes Land wie Deutschland, müsse allen Menschen die anklopfen auch Wärme anbieten, so Voderholzer weiter. Dabei erinnerte er auch an die Flüchtlingswelle nach dem zweiten Weltkrieg, während der viele Vorfahren der heute in Deutschland lebenden Bevölkerung froh über die Aufnahme "in Sicherheit" gewesen waren.

Doch nicht nur die Krisen in der Welt, die aktuell für 51 Millionen Menschen auf der Flucht verantwortlich seien, beschäftigten den Bischof in seiner Festrede. Auch die immer spürbar werdende "Krise des Glaubens", die sich vor Allem in der stark gestiegenen Zahl der Kirchenaustritte bemerkbar mache, ließ den Bischof einen Apell an die Versammlung richten. Besonders in Briefen von jüngeren Leuten lese Voderholzer vermehrt, dass man den "Kinderglauben" nicht mehr mit den Ansätzen der modernen Wissenschaft in Einklang bringen könne. Besonders in der Neuzeit sei dieser Trend in der vom Handwerk und der Industrie geprägten Bevölkerung verstärkt zu erkennen. Dabei stellte der Bischof jedoch fest, dass sich das naturwissenschaftliche und technische Weltbild und der Glaube grundsätzlich nicht ausschließen würden. Ganz im Gegenteil: "Die biblischen Zeugnisse fragen nicht nach dem Wie, sondern eher nach Woher oder Wohin. Oder auch warum überhaupt", stellte Voderholzer die Unterschiede beider Ansätze gegenüber. "Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott," zitierte Voderholzer in diesem Zusammenhang den deutschen Physiker Werner Heisenberg. Schließlich würde die Wissenschaft auch in den Ansätzen der Kirche gründen, nach dem "Ursprung und festen Regeln" im Gefüge der Natur zu suchen.

Sonntagsneurose oder Standortnachteil?

Sein eigentliches Augenmerk legte der Bischof jedoch auf eine Entwicklung, die er mit großer Sorge und Unmut verfolge. Laut einer Studie des Hamburger Professors Wolfgang Maennig fühlten sich besonders Akademiker im mittleren Alter am Wochenende unwohl. Ob dieses Ergebnis bei den 20.000 Befragten daher rühre, dass die Männer am Wochenende nicht produktiv arbeiten könnten oder sogar Angst vor dem Stress der kommenden Woche hätten, konnte Voderholzer nicht beantworten. Er forderte die Anwesenden trotzdem, oder gerade deswegen, dazu auf, den Sonntag weiter verstärkt unter Schutz zu stellen. "Wir brauchen einen Tag der Freiheit", so Voderholzer, zumal dieser Rhythmus auch bereits in der göttlichen Schöpfungsgeschichte verankert sei. Diese "Säule der Zivilisation" dürfe sich aber im Bereich der Wirtschaft keinesfalls zu einem negativen Standortfaktor auswachsen. Es könne für eine Gemeinde oder Stadt nur positiv sein, wenn die Familien am Sonntag Zeit für sich hätten und sich nicht um die Arbeit sorgen müssten, so Bischof Voderholzer.

Quelle: innsalzach24.de

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