Die Meinungen unserer Leser

Atommüll-Endlager in der Region: „Wenn mein Garten der einzig mögliche Ort wäre, warum dann verweigern?“

Landkreis - Radioaktiver Abfall vor der Haustür? Die Suche nach einem geeigneten Atommüll-Endlager sorgt für Diskussionen. Einige Leser haben uns ihre Meinungen zu einem möglichen Endlager in der Region geschildert: 

Insgesamt 90 Gebiete haben in Deutschland laut einem Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüll-Endlager. Auch Areale bei Mühldorf am Inn, Rosenheim, Burghausen oder im Chiemgau kommen dafür in Frage.

Ministerpräsident Markus Söder verkündete dazu in einer Pressekonferenz am Montag, 28. September: „Niemand muss Panik haben, weil die Standort-Entscheidung erst 2031 getroffen wird und das Lager erst 2050 in Betrieb gehen soll. Aber ich verstehe sehr wohl, dass viele Menschen ab dem heutigen Tage sehr verunsichert sind.“ Wir haben Euch gefragt, wie eure Meinungen zu einem Atommüll-Endlager sind der Region bei uns sind: 

Das sind eure Meinungen zu einem möglichen Atommüll-Endlager in der Region:

Anm. der Red.: Der Inhalt der Leserbriefe gibt ausschließlich die Meinung der Einsender wieder und spiegelt nicht die Ansicht(en) der Redaktion wieder.

Heinz-Jürgen Pohl aus Prien am Chiemsee:

Alle wollen/brauchen Strom, je billiger je lieber, viele haben gegen AKWs protestiert (auch ich)! Doch die damalige Politik und der Gedanke, dass die Wissenschaft das sicher in der Hand hat, überzeugten leider die falschen Protagonisten. Und jetzt? Dass wir den Atommüll produziert haben, ist Fakt. Dass das Material (Millionen Jahre) gelagert werden muss, ist Fakt. Nur will es keiner gerne in seinem Garten haben.

Wenn mein Garten aber der einzige Ort der Bundesrepublik wäre, wo dies möglich ist, warum dann verweigern oder jammern? Glaubt wirklich jemand daran, dass in ein paar hundert oder tausend Jahren es noch irgendjemanden interessiert, was mal vor dem Atomlager an der gleichen Stelle war? Dass sich lokale Politiker positionieren/solidarisieren, ist verständlich. Eine Entscheidung darüber, wo ein Lager geeignet ist oder nicht, sollte man aber der Wissenschaft überlassen- auch sie hat (hoffentlich) dazu gelernt. Vielleicht, in naher Zukunft, findet man andere Lösungen, aktuell gibt es aber nur die eines Endlagers. Jetzt den Finger heben und „nein“ sagen ist etwas spät, vor 50 Jahren wäre das sicher besser gewesen!

Franz-Josef Trainer aus Bad Aibling:

Unser Leser Franz-Josef Trainer aus Bad Aibling zeigt sich wenig begeistert über ein mögliches Atommüll-Endlager in der Region.

Ein Atommüll-Endlager wäre wirklich jammerschade und würde unsere herrliche Region, in der wir leben dürfen, enorm abwerten. Diese sollten wir schützen und unseren Kindern und Enkeln so sauber wie möglich übergeben.

Richard J. Herler aus Bad Homburg vor der Höhe:

Es ist schon bemerkenswert, wie ohne mit der Wimper zu zucken, die Politiker von der Sicherheit für 1 Million Jahre schwadronieren. Vielleicht sollten alle einmal darüber nachdenken, was sich in der vergangenen Jahrmillion auf dem Planeten alles ereignet hat.

Man hält uns Bayern offenbar für so blöd, dass wir nicht merken, dass die Mär von der „neutralen“ Standortsuche nur verschleiern soll, was offenbar längst beschlossen ist. Nämlich dass man den Atommüll am liebsten bei den doofen Bayern abladen möchte. Sollte das stattfinden, würde der Empörungssturm die heute in Bayern regierenden Politiker restlos hinwegfegen. Warum macht man keine Volksabstimmung, dann wüssten die sogenannten Volksvertreter, was die Vertretenen vom Endlager in Rosenheim, im Chiemgau oder in Altötting halten.

Dr. Harald Breitkreutz aus Feldkirchen-Westerham:

Zunächst einmal ist festzustellen, dass ein Endlager für nukleare Reststoffe, wie es die Bundesregierung derzeit vorsieht, im Prinzip unnötig und falsch ist. Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Zusammensetzung des „Atommülls“ zu werfen. Wirklich relevant sind in diesem Zusammenhang nur die hochradioaktiven Stoffe, das heißt die abgebrannten Brennelemente der Kernreaktoren und einige wenige weitere Stoffe in deren direkter Umgebung. Der Rest ist nur schwach- bis mittelaktiv und stellt für die Endlagerproblematik kein relevantes Gefahrenpotential dar. Die hochradioaktiven Stoffe wiederum lassen sich nach ihren Halbwertszeiten – also der Zeit, nach dem die Radioaktivität auf die Hälfte des ursprünglichen Niveaus abgeklungen ist – grob in zwei Gruppen teilen: Auf der einen Seite die Spaltprodukte, auf der anderen Seite die Actinoide inklusive der Transurane.

Spaltprodukte entstehen, wenn ein Uran- oder Plutoniumkern in einer Kernreaktion in zwei Teile gespalten wird – bei dieser Reaktion wird die Wärme frei, die in Kernkraftwerken genutzt wird, um Strom zu erzeugen. Sie stellt den Hauptteil der Reaktionen dar, das heißt aus ihr resultiert ein Großteil der radioaktiven Abfälle. Spaltprodukte haben - von wenigen, unbedeutenden Ausnahmen abgesehen - Halbwertszeiten im Bereich von wenigen Stunden bis einigen Jahrzehnten. Danach stehen als Endprodukt stabile Atomkerne, die keine weitere Strahlung abgeben. Setzt man als Faustregel 10-20 Halbwertszeiten an, so kann man sicher schließen, dass die Aktivität der Spaltprodukte nach 500-1000 Jahren auf ein ungefährliches Niveau abgesunken ist. Als „ungefährlich“ bezeichne ich hier eine Rest-Radioaktivität, wie sie auch in der Natur vorkommt, beispielsweise in Erzlagerstätten oder auch Salzstöcken.

Transurane sind die Stoffe, die entstehen, wenn ein Urankern statt in zwei Hälften gespalten zu werden durch Neutroneneinfang in einen anderen Kern umgewandelt wird. Dabei entsteht hauptsächlich Plutonium. Die verschiedenen Plutonium-Kerne weisen die „berühmten“ Halbwertszeiten von bis zu einigen zehntausend Jahren auf, woraus sich mit der obigen Faustregel die anvisierte Endlagerdauer von 1.000.000 Jahren ergibt.

Nun gibt es einen bedeutenden Unterschied zwischen diesen Spaltprodukten und den Transuranen: Während die Spaltprodukte wirklich weitestgehend guten Gewissens als Abfall bezeichnet werden können, sind die Transurane weniger Abfall als vielmehr Ressource. Für die Spaltprodukte wird also ein Endlager benötigt, dessen Sicherheit aber nur für die zuvor genannten 500-1000 Jahre gewährleistet sein muss. Das ist geologisch gesehen ein sehr kurzer Zeitraum und stellt daher kein Problem dar. Die Transurane können dagegen zusammen mit dem unverbrauchten Uran der abgebrannten Brennelemente prinzipiell in einem neuen Brennelement wiederverwendet werden. Das funktioniert in den bestehenden Kernreaktoren nur in begrenztem Umfang (sog. „MOX“-Fuel). Moderne Kernreaktoren der vierten Generation sind aber genau darauf ausgelegt, diese Stoffe als Brennstoff komplett wiederverwenden und auch noch effizienter nutzen zu können. Das ist insofern wichtig, als dass das unverbrauchte Uran zusammen mit den Transuranen rund 95% der Masse im verbrauchten Brennelement ausmacht – dementsprechend haben heutige Kernreaktoren auch nur etwa 5% des prinzipiell in den Brennelementen steckenden Potentials abgeschöpft. Dass eine solche Weiterverwendung möglich ist, demonstriert bereits heute der russische BN-800 Reaktor im Regelbetrieb. Als Ergebnis der Weiterverwendung erhält man schließlich wiederum Spaltprodukte, vergleichsweise weniger Resturan, und weitere Transurane.

Um das Resturan und die Transurane nutzbar und die Spaltprodukte endlagerfähig zu machen, müssen sie voneinander getrennt werden. Der dafür benötigte Prozess ist als „Wiederaufarbeitung“ bekannt und dürfte ein noch heißeres Eisen sein als die Endlagerung. Mit der Wiederaufarbeitung wurde in der Anfangszeit einiges an Schindluder getrieben und es kam zu zahlreichen schweren Zwischenfällen. Dieses Negativ-Image haftet der Wiederaufarbeitung bis heute an, obwohl sie sich inzwischen zu einem komplett durchindustrialisierten, zuverlässigen und strengstens kontrollierten Prozess gemausert hat. Im französischen La Hague – eine Anlage, die ich schon selbst besuchen durfte – wird dies Tag ein Tag aus so durchexerziert, mit eindrucksvollen Resultaten. Auch wenn die heutigen Wiederaufarbeitungsprozesse sicher noch nicht perfekt sind, reduzieren sie doch das Gefahrenpotential der Abfälle erheblich und trennen in hohem Maße die wertvollen von den nutzlosen Bestandteilen. Das finale Ziel, dem man schon ein sehr großes Stück entgegengekommen ist, ist der geschlossene Brennstoffkreislauf, das heißt dass alles Uran (oder Thorium), das seinen Weg in einen Kernreaktor findet, letztlich in Form von Spaltprodukten endet und so endgelagert wird – und nicht als Rest- oder Transuran.

Was Deutschland also bräuchte, wäre ein Ende des Verbots der Wiederaufarbeitung. Die abgebrannten Brennelemente deutscher Kernreaktoren könnten dann – wir früher – nach Frankreich gebracht werden, in La Hague entsprechend aufgearbeitet werden, und dann nach Deutschland zurückgebracht werden. Die verglasten Spaltprodukte würde man in ein 1000-Jahre-Endlager stecken, die Transurane und das unverbrauchte Uran für die Wiederverwendung vorhalten. Es ist vom derzeitigen Entwicklungsstand abzusehen, dass die entsprechenden Kernreaktoren in spätestens 15 Jahren, eher früher, Marktreife erlangen. Neben einem deutlich höheren Sicherheitsniveau würden diese gleich zwei weitere Probleme erledigen: Zum einen würden sie dem „Atommüll“ den Zahn ziehen – 1000 Jahre Endlagerung statt einer Million – zum anderen würden sie eine äußerst CO2-arme, zuverlässige und sichere Energiequelle darstellen – je nach Auslegung für Strom, Wärme oder sogar Wasserstoff. Es sei an dieser Stelle noch der Hinweis erlaubt, dass selbst unter Hinzunahme der Unglücke von Tschernobyl und Fukushima die Kernkraft die geringste Todesfallquote je kWh aufweist.

Für die Region Rosenheim bedeutet das: Ein Atommüll-Endlager, wie es derzeit geplant wird, wird so - wenn irgendwann einmal die Vernunft in die Diskussion zurückkehren sollte - nicht kommen. Falls doch, so geht bei korrekter Auslegung auch hier kein relevantes Gefahrenpotential davon aus – die Asse ist da kein repräsentatives Beispiel, wäre aber vielmehr mal eine eigene, sachliche Betrachtung wert. Viel sinnvoller wäre es, die Wiederaufarbeitung erneut zu beginnen und sich im Angesicht des Klimawandels auf die meistversprechende Option Kernkraft zurück zu besinnen, so wie dies eine Vielzahl anderer Länder (z.B. die Niederlande) tun und es auch vom Weltklimarat IPCC empfohlen wird – ein Detail, das in dessen Berichten gerne übersehen wird.

Mit Marienberg gebe es ja sogar einen potentiell geeigneten Standort nahe Rosenheim, auch wenn sich die Begeisterung dafür in engen Grenzen halten dürfte. Der „Abfall“ hingegen ist größtenteils Ressource, und man kann basierend auf dem jetzigen Forschungsstand mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass kommende Generationen diese Ressource zu nutzen wissen werden. Das dann noch nötige Endlager für die übrig gebliebenen Spaltprodukte sollte dann niemanden mehr erschrecken. Da im gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Klima jedoch nicht davon auszugehen ist, dass sich eine Sach- und faktenbasierte Diskussionsweise zu diesem Thema bald wieder durchsetzt, bleibt nur zu hoffen, dass das kommende Endlager für den „Gesamtmüll“ wenigstens so gestaltet wird, dass die Reststoffe rückholbar eingelagert werden und man sich somit nicht sogar doppelt an den kommenden Generationen versündigt: Indem man ihnen tatsächlich ein Müllproblem für 1.000.000 Jahre aufbürdet, und ihnen gleichzeitig noch die wertvolle Ressource vorenthält.

Zum Abschluss sei zur Veranschaulichung des „Problems“ noch ein Bild gebracht: Der bis 2040 in Deutschland insgesamt anfallende „Atommüll“ entspricht einem Würfel mit 27m Kantenlänge. Davon machen die Spaltprodukte einen Würfel mit 9m Kantenlänge aus, die Transurane einen mit 6m Kantenlänge. Schließt man den Brennstoffkreislauf auch nur annähernd, so würde man aus nur 1 cm³ Uran etwa 135.000 kWh Strom und nochmals etwa die doppelte Menge an Wärme gewinnen können. Dabei hätte man im Vergleich zum Kohlekraftwerk rund 54 Tonnen CO2 eingespart.

Atommüll-Endlager in der Region: Schickt uns eure Leserbriefe

Das Thema Atommüll-Endlager bewegt die Bevölkerung. Aber was ist eure Meinung dazu? Seid ihr für ein Endlager in der Region, sollte es hier definitiv keins geben oder muss man hier differenzieren? Wir sind auf eure Meinung gespannt. Schickt uns eueren Leserbrief zum Thema per Mail an termine@ovb24.de (Kennwort: „Atommüll-Endlager“ im Betreff).

Bitte sendet uns neben euren Zeilen auch unbedingt euren Namen und euren Wohnort, auch ein Foto von euch könnt ihr gerne mitschicken. Wir veröffentlichen eure Leserbriefe samt kompletten Namen und Wohnort anschließend in einem Artikel.

Anm. der Red.: Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften entsprechend zu kürzen oder die Veröffentlichung gegebenenfalls ohne Angabe von Gründen zu verweigern.

jg

Rubriklistenbild: © Philipp Schulze/dpa

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