Therapeutin Dorothea Perkusic im Interview

Wenn ich den Verdacht habe, dass mein Kind Nacktfotos von sich versendet...

Bayern - Im Interview mit rosenheim24.de hat Therapeutin Dorothea Perkusic über die Verbreitung von Kinderpornografie unter den Jugendlichen gesprochen. Hier folgt Teil 2 des Gesprächs:

Wenn ich den Verdacht – oder bereits Beweis – habe, dass mein Kind Nacktfotos von sich versendet – wie spreche ich es darauf an?

Dorothea Perkusic: Zunächst ist es wichtig zu versuchen ruhig zu bleiben. Dem Kind keine Vorwürfe zu machen, sondern Vertrauen zu schaffen und aufzuklären. Empfehlen möchte ich dazu den Film „Homevideo“ anzuschauen. Hier werden die Konsequenzen deutlich gemacht, was passiert wenn private Videos oder Fotos ungewollt geteilt werden. Eltern sollten versuchen Verständnis und schützende Offenheit dem Kind gegenüber aufzubringen. Die Zeiten haben sich verändert und heutzutage gehört es eben dazu, Fotos zu machen, diese zu verbreiten oder zu veröffentlichen und sich selbst darzustellen. Jedoch müssen die Grenzen zum eigenen Schutz klar aufgezeigt und erklärt werden.

Wie spreche ich das Thema Sexting und Pornselfies als Elternteil überhaupt richtig an, ohne es dadurch „noch interessanter“ zu machen?

Dorothea Perkusic: Durch das Ansprechen wird es denke ich nicht unbedingt interessanter sondern vielmehr bewusster durch das Aufzeigen von Konsequenzen. Dennoch haben wir als Eltern leider nicht alles im Griff. Wir können uns bemühen und dennoch manches nicht verhindern.

Sehen Sie auch die Schulen in der Pflicht, hier mehr Medienkompetenzen zu vermitteln?

Dorothea Perkusic: Dies halte ich für sehr wichtig. Schließlich kann es gar nicht genug Aufklärung in diesem Bereich geben. Zudem kann innerhalb von Schulen eine viel größere Reichweite erzielt werden, denn nicht alle Eltern sprechen mit ihren Kindern über Vertrauliches und umgekehrt. Erziehung und Fürsorge muss bei den Eltern beginnen. Die dürfen dabei aber nicht allein gelassen werden. Daher ist die Unterstützung bei der Aufklärung und im Umgang mit solchen Situationen von schulischer Seite in jedem Fall sinnvoll und wichtig!

Für viele Mädchen bedeutet eine Weiterverbreitung der Aufnahmen eine hohe psychische Belastung. Wie die kriminologische Forschungsgruppe der bayerischen Polizei in ihrer Analyse schreibt, sei es sogar zu Selbstverletzungen von Mädchen gekommen. Was ist hier – aus psychologischer Sicht – zu tun? Welche Unterstützung brauchen Kinder und Jugendliche, deren Intimität dermaßen massiv verletzt wurde?

Dorothea Perkusic: Es ist wichtig betroffenen Mädchen unmittelbar Hilfe zukommen zu lassen. Dafür gibt es Beratungsstellen und Telefone an die sich Kinder und Jugendliche anonym wenden können, wenn die Scham zu groß ist, es den Eltern zu erzählen. Ansonsten rate ich zum direkten Weg zu einem Jugendpsychologen, damit Betroffene nicht in Rückzug und Depression rutschen.

Viele Kinder und Jugendliche, deren Aufnahmen weiterverbreitet wurden, wenden sich aus Scham nicht an Vertrauenspersonen. Wie kann ich meine Kinder ermutigen über so eine Situation mit mir zu sprechen, was tue ich als Elternteil?

Dorothea Perkusic: Bei Betroffenen können wie gesagt Scham, Schuldgefühle und Depressionen auftreten. Manche werden auch mit Inhalten erpresst, öffentlich bloßgestellt und erniedrigt zu werden. Dadurch wird das Opfer unter Druck gesetzt, in ein schlechtes Licht gerückt und die Beziehungen und Freundschaften zu anderen Personen können aus der Angst heraus massiv darunter leiden. Eltern sollten Ihren Kindern im aufklärenden Gespräch versichern können, dass sie für ihre Kinder da sind und sie lieben und unterstützen werden, völlig egal was passiert. Es gibt für alles eine Lösung und den Kindern diese Sicherheit und Hilfe im Vorfeld, für alle Probleme die auftreten können, zu vermitteln ist essentiell. Es ist Liebe und der Schutz der unseren Kindern nicht nur zusteht, sondern den sie auch dringend brauchen. Leider ist dieser Idealfall nicht der Regelfall. Eine Möglichkeit kann auch sein, den Kindern Telefonnummern von neutralen Vertrauenspersonen zu geben. Das kann ein Vertrauenslehrer oder Schulpsychologe sein, eine Therapeutin oder die Seelsorge. Wenn die Scham und Angst so groß sind, kann dies vielleicht fürs Erste eine Alternative sein um sich auf neutralem Boden mitteilen zu können.

Immer wieder kommt es zur viralen Verbreitung von Videos von Jugendlichen, die an öffentlichen Orten sexuelle Handlungen vornehmen (in Umkleidekabinen, bei Dorffesten...) und dabei heimlich gefilmt werden. Die Opfer erleiden dadurch meist einen enormen Schock. Wie kann ich meine Kinder vor solchen Gefahren der neuen digitalen Welt warnen ohne ihnen die Unbeschwertheit ihrer Jugend zu nehmen? Kein Elternteil möchte schließlich verschreckte Kinder, die überall Angst davor haben gefilmt zu werden.

Dorothea Perkusic: Ich denke es geht darum, Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und nicht darum, Unsicherheit, Angst und Schrecken zu verbreiten. Auch Junge Menschen haben ein Gespür dafür, was gut ist und was eher nicht. Wir müssen unsere Kinder darin bestärken, sich selbst, ihrem eigenen Gefühl und ihrer Wahrnehmung zu vertrauen und danach zu handeln und sich gegebenenfalls auch zur Wehr zu setzen.

Sehr geehrte Frau Dorothea Perkusic vielen Dank für das Gespräch

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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