Haben Auer- und Haselwild genug Lebensraum?

Forstwirtschaft kann Raufußhühnern das Überleben ermöglichen

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Auerwild am Obersalzberg
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Berchtesgaden - Die Sanierung der Kehlsteinwege sorgt bei vielen Leuten für Unmut und Kritik. Seitdem die Sanierungsarbeiten nun dazu geführt haben, dass oberhalb der Scharitzkehl eine neue Straße gebaut wird, wird wieder stärker diskutiert.

Die Sanierung der Kehlsteinwege beschäftigt viele Menschen. Je weiter die Sanierungsmaßnahmen fortschreiten und die neue Forststraße kurz vor der Fertigstellung steht, melden sich immer mehr Tierfreunde und prangern die Zerstörung des Lebensraumes zahlreicher Tierarten an

Insbesondere um den Lebensraum von Auer- und Haselwild geht es den Kritikern dabei. Aber wobei geht es eigentlich in der Diskussion um Auer- und Haselwild?

Wer ist überhaupt das Auerwild?

Auerwild

Das Auerhuhn, bzw. viel eher der Auerhahn gilt als der größte Hühnervogel Europas. Es gehört zur Population der Rauhfußhühner. Die Tiere gelten in Mitteleuropa als stark gefährdet und stehen auch in Deutschland auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Der Nationalpark Berchtesgaden ist einer der wenigen Lebensräume des Auerhuhns in Europa. Die Tiergattung ist sehr scheu und stellt große Anforderungen an seine Umgebung. Das Auerwild liebt Staubbäder und kleinere Wasserstellen. Es bevorzugt lichte Bergmischwäldern mit hohem Anteil an Nadelholz. Vorhandene Lichtungen werden als Balz-, Start- und Landeplätze sowie für die Futtersuche genutzt. Das Auerwild ernährt sich überwiegend von Pflanzen und frisst gerne Kräuter, Knospen, Samen und Blätter von Laub- und Nadelbäumen. 

Im Sommer machen Früchte von Zwergsträuchern wie Heidelbeeren den größten Teil der Nahrung aus. Insbesondere die Jungvögel sind auf die eiwiß- und energiereiche Kost wie Insekten angewiesen. Dabei spielen zum Beispiel auch Waldameisen eine wichtige Rolle. Die Vögel sind tagaktiv und halten sich meist am Boden auf, die Nächte verbringt das Auerwild gerne auf Schlafbäumen.

Diese Tiergattung ist sehr standortbezogen und bleibt - sofern möglich seinem Geburtsort relativ treu. Selbst in den Wintermonaten entfernt er sich in der Regel nicht weiter wie rund 30km von seinem Revier weg.

Und was hat es mit dem Haselwild auf sich?

Haselwild

Auch das Haselwild gehört zur Gruppe der Rauhfußhühner. Es ist ein kleiner scheuer Waldvogel, der sich in strukturreichen Laub- und Mischwäldern heimisch fühlt. In Mitteleuropa findet man das Haselhuhn eher selten. Da es ein ausgeprägter Standvogel ist, bleibt eine natürliche Wiederbesiedlung von Regionen häufig aus, selbst wenn diese mittlerweile wieder geeignete Lebensräume bieten. In aufwändigen Wiederansiedlungsprogramme, wird seit einiger Zeit versucht, die Haselhühner in Teilen Mitteleuropas wieder heimisch zu machen.

Das Haselhuhn bevorzugt unterholzreiche Wälder mit einer vielseitigen Artenzusammensetzung. Dazu gehört eine ausgeglichene Mischung aus Laubbäumen, einer nicht zu dichten Kraut-, Hochstauden- und Zwergstrauchschicht, die den Vögeln Beeren als Nahrung anbieten, sowie Dickichte. 

Das Haselhuhn ernährt sich überwiegend pflanzlich. Im Frühjahr und Sommer frisst es überwiegend grüne Teile, Blüten und Samen von Stauden und Sträuchern. Im Spätsommer und Herbst ernährt es sich überwiegend von Beeren und im Spätherbst und Winter sowie im Frühjahr kommen noch die Kätzchen, Knospen und Endtriebe von Laubbäumen und Sträuchern dazu. 

Bei der Ernährung der Küken spielen auch tierische Bestandteile eine wichtige Rolle. Die jungen Haselhühner fressen zunächst überwiegend Spinnen, Käferlarven, Heuschrecken, Raupen und Ameisen. Ab etwa der dritten Lebenswoche beginnen sie auch kleinere Blätter sowie Samen zu fressen. Erst im Frühherbst besteht kein Unterschied mehr zur Ernährung der erwachsenen Vögel.

Gespräch mit Dr. Daniel Müller

"Der Lebensraum für die Rauhfußhühner hat sich bei uns sehr verbessert. Und es gehört zu unserem Selbstverständnis dazu, dass wir sehr auerwildbewusst sind", so Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller im Gespräch mit BGLand24.de. 

Und ergänzt: "Der forstliche Wegebau wird von uns immer mit den Naturschutzbehörden abgestimmt. Außerdem machen wir auch regelmäßige Ortsbegehungen. Man findet bei uns zum Beispiel auf jedem Gebirgsstock Auerhühner. Die haben auch überhaupt kein Problem mit irgendwelchen Forststraßen".

Wenn nicht durch den Forst, wer gefährdet dann den Bestand? 

Auch dazu haben wir Dr. Daniel Müller befragt: "Wesentlich dramatischer für das Auerwild ist die Bedrohung der Tiere im Winter durch Schneeschuhgeher oder Skitourengeher. Oder durch Mountainbiker, die sich ihre Wege suchen. Um die Tiere zum Beispiel auf Kuppen, also in ihren Balzgebieten zu schützen, bauen wir in bestimmten Bereiche relativ grobe Wege, die nicht für Mountainbiker geeignet sind. 

Außerdem sorgen wir auch immer wieder dafür, dass viele der Wege in einer Sackgasse enden. Dadurch sorgen wir dafür, dass die Tiere ungestörter sind, weil viele Bergsportler diese Wege dann gar nicht erst einschlagen". 

Und was sagen die Wildtierbiologen dazu?

Aus den Reihen der Wildtierbiologen ist die Kritik groß an der Lebensraumgestaltung: "Über viele Jahrhunderte hat die traditionelle Nutzung unserer Wälder dem Auerwild Lebensräume geschaffen. Seit ein paar Jahrzehnten dagegen arbeitet die moderne Forstwirtschaft gegen unsere Raufußhühner

Auerhahn und –henne brauchen Wälder, in denen Licht auf den Boden fällt – auf mindestens ein Drittel der Waldfläche. Wichtig sind auch Nadelbäume, ob Fichte, Kiefer oder Tanne. Laubbäume dürfen im idealen Auerwildlebensraum nicht die Führung übernehmen. Je dichter und dunkler ein Wald wird, desto ungeeigneter ist er für das Auerwild", so die Wildtierbiologin Dr. Christine Miller.

Und ergänzt: "Leider arbeitet die Forstindustrie heute gegen diese seltene Vogelart: Da sollen dichte „Dauerwälder“ entstehen, Freiflächen werden zugepflanzt, lichte Althölzer mit Gewalt verjüngt und Laubbäume im Bergwald gefördert. Auf der Strecke bleiben Ameisen und überhaupt der Insektenreichtum, den die Hennen als Kükenfutter im Sommer brauchen. 

Und schließlich tut der massive Maschineneinsatz, vor allem von Harvestern, ein Übriges um dem Auerwild im Bergwald das Leben schwer zu machen. Da helfen dann auch die Kieselsteine auf der LKW-befahrbaren Forststraße nicht mehr. Intensivste Forstwirtschaft und ein natürlicher Bergwald mit Auerhahn, Ameise und Co. passen nicht zusammen. 

Den Schwarzen Peter dem Tourismus in die Schuhe zu schieben, lenkt dabei nur ab: Denn ohne Lebensraum, keine Hühner, vor allem kein Hühner mit Nachwuchs. In allen Bergwäldern der Alpen und Mittelgebirge kommen alle Fachleute zu dem selben Ergebnis: Die Forstwirtschaft hat es in der Hand, den Raufußhühner das Überleben zu ermöglichen

Beim Auerwild gehört dazu: weniger Bäume pro Quadratmeter Waldfläche (Bestockungsgrad senken), Bäume älter werden lassen (Umtriebszeit verlängern), Fichten Zwergsträucher und Ameisen fördern und die natürlichen Helfer, wie das Rotwild, bei diesen artenreichen Waldbildern nicht bekämpfen".

So geht es mit der Sanierung der Kehlsteinwege weiter

Lesen Sie morgen auf BGLand24.de was es Neues zu den Sanierungsmaßnahmen auf den Kehlsteinwegen gibt und warum die richtige Auswahl der Deckschicht für Auerwild  lebensnotwendig ist.

Quelle: BGland24.de

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