Bergwacht Chiemgau stellt Bilanz 2017 vor

19 Tote, Hunderte Verletzte und fast 1.000 Einsätze

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Bad Reichenhall - Sie führt Tag und Nacht bei jedem Wetter den Rettungsdienst im alpinen und unwegsamen Gelände durch: Die Bergwacht Bayern ist eine ehrenamtliche Gemeinschaft im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und als einzige Organisation für den Bergrettungsdienst im Freistaat zuständig. Jetzt wurde die Einsatzbilanz für 2017 vorgestellt:

Zu den 15 Bereitschaften in der Region Chiemgau (Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein und Altötting) gehören aktuell rund 600 aktive Einsatzkräfte, die im vergangenen Jahr zu 986 Einsätzen ausrücken mussten, 60 (rund 6,4 Prozent) mehr als 2016. 

Bei einem Pressegespräch am Dienstagnachmittag auf dem Predigtstuhl stellten Regionalleiter Dr. Klaus Burger, sein Stellvertreter Thomas Lobensteiner, Geschäftsführer David Pichler, der Leiter der Such- und Lawinenhundestaffel, Stefan Strecker sowie Technikbus-Chef Alexander Beaury die facettenreiche und in Teilbereichen hochspezialisierte Arbeit der Bergwacht vor und beleuchteten die Entwicklung der Einsatzzahlen während der vergangenen Jahre.

Die Bergwachten stehen vor großen Herausforderungen

Rückläufige relative Einsatzzahlen, mehr Blockierungen 

„Die absoluten Zahlen sind mit wetterbedingten Schwankungen während der letzten Jahre weitgehend konstant geblieben; da allerdings immer mehr Menschen im Gebirge unterwegs sind und der Bergsport boomt, können wir allgemein sogar von rückläufigen relativen Unfallzahlen ausgehen“, freut sich Dr. Burger. Die Bergwacht beobachtet allerdings, dass die Zahl der so genannten mentalen und objektiven Blockierungen zunimmt – also immer mehr Menschen aus Bergnot gerettet werden müssen, die eigentlich unverletzt und auch nicht akut erkrankt sind, allerdings im steilen Gelände überfordert sind, an ihre psychischen, körperlichen und bergsteigerischen Grenzen stoßen, also schlichtweg feststecken. 

„Ursächlich sind fast nie schlechte oder fehlende Ausrüstung, sondern vor allem Selbstüberschätzung, oft bedingt durch mangelnde Fitness, Bergerfahrung und Übung“, erklärt Burger, der als neutraler Retter an sich die Einsätze nicht bewerten will, sich aber in der Pflicht sieht, die Öffentlichkeit präventiv auf häufige Ursachen und verkannte Gefahren hinzuweisen, da sich dadurch die ein oder andere Notlage vermeiden lässt, vor zeitkritische und lebensrettende Informationen wie hohe Lawinengefahr, vereiste Pisten, die frühe Dunkelheit nach der Zeitumstellung oder auch mal nur der Hinweis, das Handy vor der Tour zu laden, um verlässlich für sich oder andere die Rettungskette in Gang setzen zu können.

19 Bergtote in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen

Er erinnert sich an jahreszeitbedingte Einsätze, wenn im Frühling Sommerwanderer in vom Tal aus nicht erwarteten Altschnee-Feldern feststecken oder ohne Stirnlampe in die Dunkelheit geraten, aber auch an Mountainbiker, die in absturzgefährliches Gelände geraten oder an die vielen internationalen Touristen ohne Berg-Bezug, die nur ganz kurz den Königssee oder Watzmann besuchen wollen und dann im steilen Gelände scheitern. 

Die absolute Zahl der Einsätze spiegelt nie den tatsächlichen Aufwand wieder, denn an komplexen, größeren Rettungen sind oft 30 oder mehr Einsatzkräfte beteiligt; bei Suchaktionen auch mehrere Tage hintereinander“, berichtet Burger, der den rund 600 ehrenamtlichen Bergrettern der gesamten Region für ihr leidenschaftliches, außergewöhnliches Engagement dankt: „Unsere Leute leben für ihr Ehrenamt, bringen enorm viel Zeit für Aus- und Fortbildung ein, sind zu den oft unmöglichsten Zeiten bei manchmal sehr widrigen Verhältnissen im Gelände unterwegs, wobei sie auf Verständnis und Unterstützung von Familie, Freunden und Arbeitgebern angewiesen sind – allen dafür ein herzliches Vergelts Gott! Bergwacht ist Leidenschaft, daraus erwachsend unsere besondere Tatkraft und Schlagkraft! Kommt wegen Nebel oder Sturm kein Hubschrauber durch oder ist die Einsatzstelle nicht per Geländefahrzeug erreichbar, so vervielfacht sich der Zeit-, Personal- und Materialaufwand schnell um ein Vielfaches. „Was sonst fliegerisch nur ein bis zwei Stunden dauert, wird bei schlechtem Wetter rasch zu einer sehr komplexen und langwierigen Rettungsaktion – wie in alten Zeiten, als die Bergretter generell zu Fuß auf- und absteigen mussten“, erläutert Dr. Burger.

19 Bergtote im Jahr 2017

Im vergangenen Jahr gab es 19 Bergtote in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen; 2016 waren es 22. „Das sind regionale Schwankungen, die einfach davon abhängen, wie viele Leute unterwegs sind. Bayernweit blieb die Zahl aber mit rund 80 bis 100 Toten jährlich während der letzten Jahre ziemlich konstant“, berichtet Geschäftsführer David Pichler. Die 986 (2016: 926) Einsätze der Bergwachten in der Region Chiemgau für verletzte, erkrankte oder in Bergnot geratene Menschen verteilen sich auf:

  • 387 beim Skifahren auf der Piste (2016: 313)
  • 211 beim Wandern (2016: 216)
  • 146 beim Bergsteigen (2016: 140)
  • 64 sonstige Einsätze (zum Beispiel Arbeitsunfälle; 2016: 61)
  • 58 beim Snowboardfahren (2016: 51)
  • 33 beim Bergradeln (2016: 37)
  • 30 Sucheinsätze (2016: 41)
  • 29 beim Klettern (2016: 50)
  • 26 bei Skitouren (2016: 14)
  • 16 beim Gleitschirmfliegen (2016: 12)
  • 13 beim Langlaufen (2016: 12)
  • 9 Lawineneinsätze (2016: keiner)
  • 7 beim Rodeln (2016: 4)
  • 4 beim Schneeschuhwandern (2016: 4)
  • keiner beim Höhlenbegehen (2016: 1)
  • keiner beim Berglaufen (2016: 1)
  • keiner beim Skispringen (2016: 5)
  • keiner beim Drachenfliegen (2016: 5)
  • keiner beim Canyoning (2016: keiner)
  • keiner beim Eisklettern (2016: keiner)
  • keiner bei Katastrophen (2016: 1)

Dabei wurden 254 der Einsätze mit Hubschrauber-Unterstützung abgewickelt, also entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nur rund ein Viertel; in den meisten Fällen ist die Bergwacht zu Fuß im unwegsamen Gelände unterwegs.

Pressemeldung BRK BGL

Quelle: BGland24.de

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