Tierschützer und Landwirte fordern endlich Veränderungen 

Billigfleisch: So leiden Tiere unter dem Profitstreben - "40 Prozent wachen beim Zerlegen auf"

Deutschland - Die massenhaften Corona-Infektionen in der Tönnies-Fleischfabrik haben nicht nur zu einem Lockdown im Landkreis geführt und ein Schlaglicht auf die Missstände in Schlachthöfen geworfen, sondern auch eine alte Debatte neu entfacht: die über das Billigfleisch. Die Rufe nach Veränderungen in der Branche werden wieder lauter.

Nachdem der Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück - mehr als 1500 Mitarbeiter hatten sich mit dem Virus SARS-Cov-2 infiziert - die Missstände in dem weltweit agierenden Konzern offengelegt hat, ist nicht nur Ruf des 64-Jährigen Betreibers Clemens Tönnies gehörig ruiniert, sondern auch die Rufe nach Veränderungen in der Branche werden wieder lauter. 

Pro Jahr schlachtet und verarbeitet Deutschlands größter Fabrikant für Schweinefleisch allein hierzulande fast 17 Millionen Schweine, 2019 erzielte der Konzern erstmals mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz. Doch wie sind solche Zahlen möglich? Für viele Landwirte und Tierschützer scheint die Situation klar. 

Billigfleisch: Preisargument schlägt Gewissensbisse?

Egal ob Gammelfleisch, SARS oder Vogelgrippe: Skandale und Pandemien haben miese Arbeits- und Tierrechtsbestimmungen in der Branche wiederholt zum Thema gemacht; teils änderte sich dadurch zumindestkurzfristig das Konsumverhalten. Langfristig jedoch schlägt zumeist das Preisargument auch letzte Gewissensbisse.

Tierschützer fordern seit Jahren ein Umdenken. Schon vor einem Jahr erschüttern Videoaufnahmen von misshandelten Milchkühen im Allgäu auch die Verbraucher.  Die Videosequenzen, die der Tierrechtsverein Soko Tierschutz Anfang Juli 2019 der ARD und der "Süddeutschen Zeitung" zugespielt hatte, zeigen, wie Tiere geschlagen und getreten werden. Eine kranke Kuh liegt am Boden und röchelt vor sich hin. Eine andere wird mit ihrem Bein an einem Schlepper befestigt und wie ein lebloser Gegenstand durch den Stall gezogen. Gegen fünf Allgäuer Betriebe wird derzeit ermittelt

"Wir brauchen Veränderung"

"Wir brauchen Veränderungen, so wie in den letzten Jahrzehnten können wir nicht weitermachen", meint Hans Foldenauer, Sprecher des Bunds Deutscher Milchviehhalter. Zunehmender Wettbewerbsdruck und immer größere Betriebe dienten nur dazu, die Ernährungsindustrie mit billigen Rohstoffen zu versorgen.

Tierarzt Jürgen Schmid sieht das ähnlich: "Es gibt diese Probleme in allen Größen von Betrieben. Da ist es ein bisschen enttäuschend, dass bisher nichts passiert ist." Auch Friedrich Mülln, Vorsitzender des Vereins Soko Tierschutz, sieht die Betriebsstrukturen als größtes Problem: "In dem Moment, wo die Behörden ihren Job machen, bricht das System der industriellen Tierhaltung zusammen."

Mülln von Solo Tierschutz beschreibt erschreckende Szenen

Im Interview mit focus.de über die erschreckenden Zustände in manchen Betrieben wird Friedrich Mülln noch deutlicher: "Es passiert häufig, dass Kühe, denen ein Bein oder das Horn abgesägt wird, während dieses Prozesses aus ihrer Betäubung wieder aufwachen und dann natürlich den vollen, kaum vorstellbaren Schmerz spüren. Dass sich Länder wie Deutschland so etwas leisten, ist ein unfassbarer Skandal."

Weiter meint er im Gespräch: "Tiere bekommen vom Kopfschlächter einen Bolzenschuss ins Gehirn, der aber genau sitzen muss. Das Problem: Die Stelle, an der der Bolzen eindringen muss, ist so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Da passiert es eben oft, dass danebengeschossen wird, zumal die Tiere sich ja wehren und nicht stillstehen. Manche Tiere bekommen mehrere Schüsse ins Gehirn, bis sie betäubt sind. Aber durch das Adrenalin und die Todesangst wachen sie oft viel schneller wieder auf, als geplant. Sie werden lediglich betäubt und nicht getötet, damit das Blut nicht ausläuft. Dadurch wird das Fleisch schmackhafter."

Die Betäubung der Tiere sei so katastrophal, dass nach den Erfahrungen des Soko Tierschutz - die Organisation hatte auch die Skandal im Tierversuchslabor LPT bei Hamburg aufgedeckt - bis zu 40 Prozent aller Tiere während des Zerlegungsprozesses wieder aufwachen.

mz

Rubriklistenbild: © SOKO Tierschutz

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