Blutiger Angriff in Neumarkt-St. Veit vor Landgericht

Richter zu geschädigtem Zeugen: "Habe das Gefühl, sie nehmen uns nicht ernst"

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Im Bereich der Landshuter Straße in Neumarkt-St. Veit kam es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen zwei männlichen Personen.

Neumarkt-St. Veit/Traunstein - Im Juni 2019 kam es im Bereich der Landshuter Straße zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen zwei männlichen Personen. Dabei wurde ein 30-Jähriger schwer verletzt. Der damals 26-jährige Tatverdächtige wurde noch vor Ort vorläufig festgenommen. Er muss sich nun vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

UPDATE, 14.50 Uhr: Richter: "Habe das Gefühl, sie nehmen uns nicht ernst"

"Es ist zwar schlimm, was Ihnen passiert ist, aber ich habe das Gefühl, sie nehmen uns nicht ernst“, sagt Vorsitzender Richter Erich Fuchs zum geschädigten Zeugen. Es geht darum, ob der Zeuge wirklich Erinnerungslücken habe, was die Drohungen und die Betäubungsmitteldelikte betrifft. „Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Frechheit sich hier Zeugen hersetzen und uns anlügen“, so der Richter weiter. Er verliest das Bundeszentralregister des Zeugen, in dem diverse Betäubungsmitteldelikte vermerkt sind. Dieser hatte aber zuvor vor Gericht angegeben, nur wegen Schwarzfahrens etwas mit der Justiz zu tun gehabt zu haben. Beim Verlassen des Gerichtssaals entschuldigt sich der Zeuge beim Angeklagten. Auch der Angeklagte drückt ihm gegenüber nochmal sein Bedauern aus.


Die Verhandlung wird für heute unterbrochen und am 3. März um 9 Uhr fortgesetzt.

UPDATE, 12.06 Uhr: Geschädigter: „Er hat nicht zufällig eine Schere dabei gehabt“

Nun sagt der Geschädigte (31) aus. Er sei mit dem Angeklagten befreundet gewesen. „Wir hatten fast täglich Kontakt, haben gerne mal ein Bierchen getrunken.“ Wenn man etwas getrunken habe, sei es manchmal eskaliert. Laut Zeuge habe der Angeklagte für ihn Drogen bei Afghanen besorgt. Er gibt auch an, den Angeklagten beleidigt zu haben. Er selber wisse das nicht mehr, da er sehr betrunken gewesen sei. Aber die Polizei habe ihm mitgeteilt, dass er bedrohliche Sprachnachrichten gesendet habe. 


Er sagt auch aus, dass er den Angeklagten kurz vor der Tat gepackt hat. „Es kam dann zur Schlägerei. Ich habe erst gar nicht gemerkt, dass es Stiche waren. Erst als ich Blut gesehen habe. Ich habe dann gesagt: 'Was hast du gemacht?' und bin vor ihm geflüchtet. Ich glaube nicht, dass er per Zufall eine Schere dabei gehabt habt. Er hat mich vor dem Supermarkt abgefangen.“ Er leide noch heute unter den Folgen des Angriffs. „Meine rechte Kopfhälfte ist teilweise noch taub. Außerdem habe ich Angstzustände und Schlafstörungen. Ich habe Panik, wenn ich schwarze Leute sehe.“

UPDATE, 11.14 Uhr: Angeklagter über Geschädigten: „Er ist ein Rassist“

Nach Aussage des Angeklagten sei er vom Geschädigten vehement bedroht worden, sogar mit dem Leben, da der Geschädigte Geld für Marihuana von ihm haben wollte. „Ich habe ihm aber kein Geld geschuldet.“ Der Geschädigte habe ihn immer weiter bedroht. „Er ist ein Rassist!“

Am Tattag habe der Geschädigte ihn gepackt, als sie sich zufällig auf der Straße getroffen hatten, woraufhin der Angeklagte dann mit einer Schere auf die Schulter des Geschädigten eingestochen habe. „Warum ich die Schere verwendet habe, kann ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Auf Grund der Drohungen im Vorhinein hatte ich Angst vor dem mir körperlich überlegenen Geschädigten. Es handelte sich um eine Kurzschlussreaktion. Auf gar keinen Fall wollte ich ihn töten.“ Ihm sei dann klar geworden, dass er etwas Schlimmes gemacht habe. „Es tut mir Leid, dass ich ihn so schwer verletzt habe und ich bereue sehr, dass ich das gemacht habe.“ Die Schere habe er dabei gehabt, weil er zu einem Freund zum Haare schneiden fahren wollte.

Ein Polizeibeamte bestätigt, dass der Angeklagte vom Geschädigten eine Sprachnachricht bekommen habe, in der er drohte, ihn abzustechen. „Es sind aber gegenseitige Drohungen ausgesprochen worden. Meine Kollegen gaben an, dass der Angeklagte noch bei seiner Verhaftung Drohungen gegen den Geschädigten ausgesprochen hat.“

UPDATE, 9.58 Uhr: Angeklagter ist vor Blutrache geflüchtet

Staatsanwalt Markus Andrä verliest die Anklageschrift. Demnach soll der Angeklagte am 26. Juni 2019 vom Geschädigten in Neumarkt-St. Veit von hinten geschubst und angesprochen worden sein, weil er dem Geschädigten noch 30 Euro aus einem Drogenkauf schuldete. Es soll eine kurze Diskussion gefolgt haben, danach habe der Angeklagte den Geschädigten mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der Geschädigte habe den Schlag noch abwehren können, woraufhin der Angeklagte mit einer Schere, die er in seinem Rucksack dabei hatte, auf den Hals, Nacken und Oberkörper des Geschädigten mindestens fünf Mal eingestochen haben soll.

Der Angeklagte äußert sich zu seiner Person und zur Sache. Zunächst verliest Rechtsanwalt Martin Lämmlein eine Einlassung. Demnach ist der Angeklagte 2014 nach Deutschland gekommen, zuerst nach München. Kurz vor der Tat hat er schließlich in einer Notunterkunft in Neumarkt-St. Veit gewohnt. Geflüchtet sei er nach eigenen Angaben wegen Familienproblemen und weil er nicht zum Militär wollte. Sein Vater habe im Sudan jemanden ermordet, er sei daraufhin vor Blutrache geflohen. Mittlerweile ist er anerkannter Asylbewerber. Seit 2015 habe er Marihuana und Kräuter aus dem Internet konsumiert. 2019 seien dann noch sehr viel Alkohol und Tabletten dazugekommen. Etwa vier Mal in der Woche habe er Bier und Schnaps getrunken. „Es macht mir keinen Spaß, aber ich nehme es“, sagt der Angeklagte. Er bricht in Tränen aus. „Sobald ich Geld habe, kaufe ich Marihuana."

Erstmeldung, 18. Februar, 6 Uhr: Vorbericht

Am 26. Juni 2019 gegen 20 Uhr kam es in Neumarkt-St. Veit zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen zwei männlichen Personen, wie die Polizei damals mitteilte. Ein 30-jähriger Kasache erlitt dabei Stichverletzungen. Er wurde mit erheblichen, aber nicht lebensbedrohlichen, Verletzungen in ein Krankenhaus verbracht.

Der Tatverdächtige, ein damals 26-jähriger Sudanese, konnte damals durch Einsatzkräfte der Polizei in unmittelbarer Nähe vorläufig festgenommen werden.

Großeinsatz der Polizei in Neumarkt-St. Veit am Mittwochabend

 © fib/DG
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Unter der Sachleitung der Staatsanwaltschaft Traunstein übernahmen die zuständigen Ermittler des Fachkommissariats 1 der Kripo Mühldorf am Inn die weiteren Ermittlungen wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. Die Staatsanwaltschaft Traunstein stellte Haftantrag gegen den Tatverdächtigen. Er muss sich nun ab dem 18. Februar 2020 vor dem Traunsteiner Landgericht verantworten.

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage

Die Staatsanwaltschaft Traunstein erhob Anklage gegen den mittlerweile 27-jährigen mutmaßlichen Täter wegen versuchtem Totschlags in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Die fünfte Strafkammer legte drei Verhandlungstage fest: 18. Februar, 8.30 Uhr; 3. März, 9 Uhr und 10. März, 9 Uhr.

jb

Quelle: chiemgau24.de

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