Renaissance des Skibergsteigens

Corona wirkt wie Turbobeschleuniger: Tourenski-Boom im Sporthandel

Tourenskifahrer gehen eine Tour im Gebiet bei Garmisch-Partenkirchen.
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Tourenskifahrer gehen eine Tour im Gebiet bei Garmisch-Partenkirchen. Die coronabedingte Schließung der Skigebiete wird in diesem Winter zu einer Renaissance des Skibergsteigens mit Muskelkraft führen. Das lässt sich an den Verkaufszahlen des Sporthandels ablesen.

München/Heilbronn - Wer einen Berg hinunterfahren will, muss zuerst hinauf. Die Corona-Pandemie befeuert den Retrotrend im Wintersport: Skifahren wie anno dazumal ohne Lift und Gondel.

Die coronabedingte Schließung der Skigebiete wird in diesem Winter zu einer Renaissance des Skibergsteigens mit Muskelkraft führen. Das lässt sich an den Verkaufszahlen des Sporthandels ablesen. Demnach ist der Absatz von Alpinski eingebrochen, die nur für die Abfahrt geeignet sind. Der Verkauf von für Aufstieg und Abfahrt gleichermaßen geeigneten Tourenski hingegen boomt. „Einige Händler in Süddeutschland sprechen vom Faktor eins zu zehn“, sagt Stefan Herzog, Präsident sowohl des Verbands Deutscher Sportfachhandel als auch dessen europäischen Pendants Fedas. „Zehn Paar verkaufte Tourenski auf ein Paar Alpinski.“

Das Wintersportgeschäft allgemein litt schon vor schärferen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie unter der Corona - und zwar keineswegs nur der Verkauf von Alpinski. „Wenn wir den Zeitraum Anfang Oktober bis Ende November betrachten, so lässt sich in den Bereichen Alpinski, Snowboard, Eissport und Rodeln ein deutliches Minus im hohen zweistelligen Bereich über alle Kategorien erkennen“, berichtet Frank Geisler, der beim Sporthändlerverbund Intersport das Tagesgeschäft verantwortet.

„Das sind allesamt Sportarten, bei denen man sich mit vielen anderen Personen zum Teil auf kleinem Raum bewegt oder Skilifte benötigt.“ Der Bereich Tourenski hingegen liegt demnach mit knapp 50 Prozent im Plus, der Langlauf bewegt sich auf dem Niveau des Vorjahres. „Die positive Entwicklung ist insbesondere von Textilien und Ausrüstung für Skitouren und Langlauf getrieben“, sagt Geisler.

Corona wirkt wie ein Turbobeschleuniger für den Retrotrend

Das bedeutet faktisch eine Rückkehr zum Skifahren, wie es in den Alpen vor der Ära des Massentourismus vielerorts bis in die 1960er Jahre üblich war - ohne Lift und ohne Gondeln. Um mit Ski bergauf gehen zu können, müssen Felle auf die Lauffläche geklebt werden, die das Zurückrutschen verhindern. Vor der Abfahrt werden die Felle im Rucksack verstaut.

„Die Tendenz ist schon in den Vorjahren dahin gegangen, aber nicht in dieser Dimension“, sagt Herzog. Obwohl der Winter noch gar nicht richtig begonnen hat, ist das im Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen bereits zu beobachten: Dort werden die Pisten vorsorglich beschneit und präpariert - für den Fall, dass die Saison doch noch starten kann. Am vergangenen Wochenende tummelten sich Tausende auf den Pisten, obwohl kein einziger Lift fuhr - für das Skigebiet bedeutet das Kosten, denen keine Einnahmen gegenüberstehen. Ab 18. Dezember soll das Parken dann 15 Euro kosten.

Zum Kummer der Skigebietsbetreiber verlagert sich der Freizeit-Wintersport in allen Alpenländern von Frankreich bis Slowenien schon seit einigen Jahren weg von der Piste ins freie Gelände. Corona wird wohl wie ein Turbobeschleuniger für den Retrotrend wirken. „Wichtige Winter-Trendthemen werden Skitouren, Langlauf, Schneeschuhwandern bzw. Winterwandern sein“, sagt Intersport-Manager Geisler.

„Individualsport gewinnt an Bedeutung“

„Da ist man unabhängig von Warteschlangen am Skilift, unabhängig von Restriktionen in der Lift-/Personenbeförderung und trotzdem mitten in der Winterlandschaft aktiv. Wir glauben, dass Corona hier das Mindset von vielen ändert, Individualsport gewinnt an Bedeutung.“ Geislers Einschätzung teilen viele in der Outdoorbranche. Für die Sporthändler ist der neuerliche Shutdown ebenso eine Hiobsbotschaft wie für die Winterurlaubsorte und Skigebiete. „Das Winterhalbjahr ist für den Sportfachhandel das wichtigere“, sagt Herzog.

Abgesehen von Corona machten schon vor der Pandemie die gestiegenen Durchschnittstemperaturen Probleme. Das gilt vor allem in den Mittelgebirgen, in denen der Schnee 2019/20 gänzlich fehlte.

Ein kleiner Trost: Wenn es nicht schneit, sind auch in der kühlen Jahreszeit Scharen von Läufern und Freizeitradlern unterwegs. „Warum sollte sich der Trend aus dem Frühjahr mit Individual-Sportarten aber nicht auch jetzt im Winter so fortsetzen?“, meint Geisler dazu. „Insbesondere in den Bereichen Running und Fitness spüren wir weiterhin eine sehr hohe Nachfrage.“

dpa

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