Weitere persönliche Geschichten unserer Leser

Corona in Bayern: Rassismus, Jammern auf höchstem Niveau und "die Reise unseres Lebens"

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Zahlreiche Leser haben der OVB24-Redaktion ihre persönlichen Geschichten in der Coronakrise erzählt.

Landkreis - Es ist eine Ausnahmesituation, wie sie bisher fast noch niemand erlebt hat. Doch wie geht ihr mit der aktuellen Coronakrise um? Zahlreiche Leser/-innen haben der Redaktion ihre persönlichen Erlebnisse geschildert.

Die Corona-Pandemie schränkt zunehmend den Alltag der Menschen ein und bringt das öffentliche Leben allmählich zum Erliegen. Doch wie erlebt Ihr die Coronakrise? Wir haben Euch gefragt und gebeten, uns Eure positiven oder negativen Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen zu erzählen. Zahlreiche Leser/-innen haben sich auf unseren Aufruf gemeldet:


Wir haben Eure Geschichten gesammelt

Daniela aus Bernau am Chiemsee

Ich bin selbstständig und begleite normalerweise Menschen in ihrem Alltag und Urlaub (sozialer Bereich, kein Escort). Aufgrund der aktuellen Situation und meiner Autoimmunerkrankung (Risikogruppe) habe ich nun keine Arbeit mehr. Die Zeit ist für mich sehr schwer, da ich gerne andere Menschen unterstütze und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubere. Zudem bin ich immer gerne und viel unterwegs, auch das ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann nichts planen und auch finanziell kann ich nur auf die Unterstützung vom Staat hoffen. Das Grundeinkommen würde uns allen besonders in solchen Situationen helfen, vor allem auch psychisch.


Ich hoffe, dass es bald wieder positivere Nachrichten und einen Neustart mit mehr Rücksicht, Liebe und der Wertschätzung des eigenen Lebens und der Umgebung gibt. Mein Fazit: "Sei dankbar für die Vergangenheit, freue dich auf die Zukunft und schätze die Gegenwart". Bleibt alle gesund und denkt positiv!

Natalie aus Bad Aibling

Ich bin 40 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner vierköpfigen Familie in Bad Aibling. Die aktuelle Situation erleben wir weniger besorgt als entsetzt. Wo sind aktuell der gesunde Menschenverstand und auch die Menschlichkeit geblieben? Neben den bereits geschilderten Situationen beim Einkaufen ("Hamstern") als auch im Umgang mit den aktuellen Alltagshelden, wie Angehen von Supermarktmitarbeitern, 110-Anrufe wegen Fragen zu Kaffeerunden im Bekanntenkreis usw., erleben wir noch ganz andere "menschliche Besonderheiten".

Sofern mein Mann nämlich die Straße betritt, springen viele Menschen (ja, sorry, bisher ausschließlich die der mittleren bis älteren Generation) panisch zur Seite. Vor ein paar Tagen rannte ein Mann nahe der Kirchzeile sogar auf die Straße! Gut, dass aktuell wenig Autos fahren!

Gerne weisen wir daher nochmal auf einen echt wichtigen Punkt hin: "Es gibt keine Robert-Koch- oder WHO-Leitlinie, dass dunkelhäutige (!) oder anderweitig 'ausländisch-aussehende' Menschen, Corona-Infizierte aufgrund ihres Aussehens sind. Ein 'normaler' Abstand, analog Robert-Koch-Institut, ist vollkommen ausreichend! Auch ist das Wegscheuchen meines Mannes mittels Fingergeste auf einem fünf Meter breiten Feldweg nicht notwendig!"

Andererseits danke ich auch all diesen Mitbürgern für ihren selbstlosen "Einsatz". Wir vier sind sicher mit unserem Familienoberhaupt - vor jeglicher Berührung, solange viele vor uns wegrennen! Also danke, dass Ihr uns schützt! Wäre es nicht so entsetzlich traurig, könnte man wirklich lachen. Ich hoffe, wir können das auch später, wenn es alle Mitbürger gesund und munter überstanden haben. Wir wünschen das nämlich allen! Egal, wie alt, woher und welchen Geschlechts!

Johann aus Teising

Einerseits bin ich froh, dass ich erwerbsunfähig berentet bin und nicht mehr im Berufsleben stehe, anderseits fehlt mir besonders jetzt doch auch noch der persönliche Umgang mit meinen Nachbarn, Freunden und Vereinskollegen. Wir jammern auf höchstem Niveau bzw. waren jahrzehntelang sehr verwöhnt, in der Freiheit und Gestaltung der Freizeit. Jeder versuchte seine Bekannten mit seinen Aktivitäten zu übertrumpfen, mit Luxus und Überfluss. Auch die wirtschaftlichen Ziele sind auf Wohlstand ausgerichtet, darunter zunächst die größtmögliche Güterversorgung als materiellen Wohlstand.

Dass jenes nicht mehr mein Mittelpunkt ist, ertrage ich täglich am eigenen Körper - durch Schmerzen, die ich nur mit Morphin betäuben kann. Ich erlebe aber auch seit meiner Erkrankung eine andere Betrachtungsweise der materiellen Dinge. Diese sind nicht mehr der Mittelpunkt, sondern ich erfreue mich in der Familie, der Natur und nicht mehr in der Konsumgesellschaft. Man sieht erst, beziehungsweise jammert, wenn etwas nicht mehr automatisch abläuft und die Geschäfte mit einer Warenvielfalt überfüllt sind. Es ist doch alles nicht so wichtig, es wird keiner deswegen verhungern. Vielleicht denkt mal jeder, der derzeit zu Hause ist, darüber nach, wie verwöhnt wir in der Gesellschaft eigentlich sind. Das, was wichtig ist im Leben, sind Familie und Partnerschaft. Darum einfach innehalten und über die Wichtigkeit der Dinge nachdenken.

Eva aus Chieming

Coronavirus - mit so etwas hat niemand gerechnet. Ich finde es eigentlich eine sehr bedrückende Situation, weil man nicht einschätzen kann, was passieren wird. Ich habe zwei Kinder (11 und 14 Jahre alt), die natürlich in die Schule gehen würden. Ich arbeite eigentlich in Vollzeit - derzeit wurde meine Arbeit aber auf sechs Stunden reduziert. Es wird sich herausstellen, ob wir als Großhandel weitermachen. 

Das Schwierige, was bei uns an erster Stelle steht, ist, dass mein Mann seinen alten Vater im Irak im Februar besuchte. Zu dem Zeitpunkt war es mit dem Virus noch nicht wirklich schlimm. Doch als er wieder nach Hause fahren wollte, musste er feststellen, dass die Türkei die Grenze geschlossen hatte. Ich habe mich beim Auswärtigen Amt, Botschaften und Ähnlichem erkundigt, doch niemand wusste von einer Schließung. Einen anderen Weg oder Flüge gibt es nicht. Seither sitzt er im Irak fest und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Da er schon seit 20 Jahren einen deutschen Pass besitzt, habe ich ihn mittlerweile bei der Rückholaktion registriert, doch leider steht der Irak nicht auf der Liste. Eine ziemlich belastende Situation - doch wir schaffen das! Nicht aufgeben und bitte bleibt alle Zuhause.

Sarah aus Rosenheim

Meine vierjährige Tochter Maria hat seit dem ersten Kindergartentag eine allerliebste Freundin namens Emma! Die beiden sind ein Herz und eine Seele, spielen jeden Tag zusammen im Kindergarten und auch privat besuchen sie sich gegenseitig zum spielen. Jetzt, nach einigen Tagen ohne Kita und auch ohne private Besuche scheint die Sehnsucht unendlich groß zu sein. Maria beschließt für ihre Freundin ein Bild zu malen und eine Kleinigkeit zu basteln. Zusammen mit ihrer Mama schreibt sie noch paar liebe Worte für die kleine Emma auf, um sie ein wenig aufzumuntern. 

Die kleine Maria aus Rosenheim schrieb ihrer Kindergartenfreundin einen Brief und bastelte ihr einen Stern.

Maria übernimmt kurzerhand die Rolle des Postboten, bei Wind und Wetter schnappt sie sich ihren Regenschirm und macht sich auf, um ihrer Freundin die wichtige Post vorbei zu bringen. Die kleine Emma erblickt ihre Freundin Maria am Fenster und will sie sofort zum Spielen hereinlassen. Leider ist das in der aktuellen Lage einfach nicht möglich und die beiden müssen sich mit einem kurzen Ratsch am Fenster begnügen. Wenn diese ganze Corona-Welle einen positiven Aspekt hat, dann den, dass wir unseren Kindern die Wertigkeit einer handgeschriebenen Post und einer kleinen Geste, wie einen gebastelten Stern, wieder nahe bringen können.

Alle wichtigen Artikel im Überblick: Coronavirus: Der große Wegweiser durch unsere Berichterstattung

Bleibt alle gesund und macht weiter so #miasanmia

Maria aus Bayern

Wir haben am Sonntag erfahren, dass wir einen lieben und tollen Kollegen durch das Coronavirus verloren haben! Es war eine Schocknachricht für uns alle. Viele haben jetzt Angst, Unsicherheit und Trauer in sich. Einige hatten noch Kontakt zu ihm, andere eher weniger. Da wurde mir jetzt klar, wie nah das alles jetzt auch bei uns ist! Ich gehöre eher zu den Menschen, die es mit Vorsicht betrachteten, aber jetzt sage ich auch, dass wir zuhause bleiben müssen.

Versucht bitte keinen zu verurteilen, der sich angesteckt hat oder Menschen, die ängstlich sind, zu belächeln. Denn jeder von uns machte vorher Urlaub, war beim Skifahren und hatte andere verschiedene Kontakte. Seid froh, wenn euch nichts fehlt, aber verurteilt niemanden, der einfach nur 'lebte'. Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen. 

Stefanie aus dem Landkreis Rosenheim

Ich habe eine Reise mit unerwartet vielen Abenteuern hinter mir. Aber von vorne: Wir sitzen beim Mittagessen in einem kleinen Restaurant mitten im Atlas-Gebirge. Nach dieser Nachricht ist fast jedem der Appetit vergangen. Die Auswirkungen des Coronavirus sind nun auch in Marokko angekommen. Ohne lange Vorwarnung machte Marokko von jetzt auf gleich Grenzen und Flughäfen bis vorerst Ende März dicht. Keine Ausreise war mehr möglich. Da saßen wir nun vor vollen Tellern. Um nicht unhöflich zu wirken, aßen wir mehr oder weniger auf.

Wir, eine Gruppe Reiseverkäufer, waren erst am Mittwoch, 11. März, mit dem Reiseveranstalter Chamäleon aus Berlin zu unserer Erfahrungsreise nach Marokko gestartet. Selbst wir hätten uns ein solches Ausmaß, das Corona nun nimmt, nie erträumen lassen. Noch dazu ist die letzte Katastrophe, die Thomas-Cook-Pleite, auch noch nicht ganz verdaut.

Noch unmittelbar in der Mittagspause erhielten wir die Nachricht, dass sich um unsere Ausreise gekümmert wird und auch das Auswärtige Amt bereits involviert wurde. Dies galt übrigens auch für eine weitere Reisegruppe von Chamäleon, die ebenfalls mit uns am selben Tag von Frankfurt aus nach Casablanca gestartet war. Mit dieser Nachricht im Gepäck ging es weiter zu unserem Übernachtungscamp. Nach Marrakesch und somit in die Nähe eines internationalen Flughafens, hätten wir es ohnehin vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr geschafft. Im Camp angekommen dann die Nachricht, dass unsere Flüge gecancelt wurden und Chamäleon versucht, uns drei Tage nach dem eigentlichen Reiseende über die Schweiz nach Deutschland auszufliegen.

Um trotzdem keine Zeit zu verlieren, entschied sich unser Reiseleiter am nächsten Morgen dann zum Abbruch der Reise und zur direkten Weiterfahrt nach Marrakesch. Da wir mitten im Atlas unterwegs waren, mussten wir jedoch ein weiteres Mal zwischen übernachten. Nach Ankunft in Marrakesch - zwischenzeitlich wurde auch für die Schweizer Grenzen die Schließung angekündigt - dauerte es noch zwei Tage bis wir mit einem Evakuierungsflug der Condor nach Hause gebracht wurden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Reise unseres Lebens.

Wenn ich noch einen kleinen Appell anführen dürfte: Da wir und auch ganz viele unserer Reisebürokollegen in ganz Deutschland derzeit für Null arbeiten, Mehrarbeit leisten, die nicht vergütet wird und noch dazu einige Veranstalter bereits Provisionsrückzahlungen für stornierte Reisen angekündigt haben, würden wir uns freuen, wenn Sie Ihre gebuchten Reisen nicht stornieren, sondern nur umbuchen. Sollten Sie stornieren müssen, seien Sie so lieb und denken an das örtliche Reisebüro Ihres Vertrauens. Damit helfen Sie uns, Arbeitsplätze in Ihrer Region und unser aller Heimat zu sichern.

Die nächsten persönlichen Geschichten werden am Samstag, 28. März, in einem neuen Artikel veröffentlicht.  

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Wie erlebt Ihr die Coronakrise? Erzählt uns Eure Geschichte

Erzählt uns, was Euch bewegt und schickt eine Mail an termine@ovb24.de (Kennwort: "Corona" im Betreff). Die OVB24-Redaktion freut sich über Eure Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen. 

Natürlich könnt Ihr uns auch mitteilen, was Euch sorgt und ängstigt in diesen Tagen und gerne auch, was Euch in dieser Zeit Freude macht. Bitte sendet uns neben Euren Zeilen, Fotos oder Videos auch unbedingt Euren kompletten Namen und Euren Wohnort.

Wir wollen unsere Reichweite aber auch nutzen, um Menschen miteinander zu verbinden und zur Nachbarschaftshilfe aufrufen. Deswegen haben wir sechs Facebook-Gruppen ins Leben gerufen: #rosenheim24 / #chiemgauhältzusammen / #innsalzachhältzusammen / #bglandhältzusammen / #wasserburghältzusammen / #mangfallhältzusammen

Coronavirus im Freistaat Bayern

Das Coronavirus breitet sich rasant aus. Im Freistaat Bayern hat das Virus 85 Todesfälle (Stand: Samstag, 28. März, 15 Uhr) gefordert. Auch in den Landkreisen Rosenheim, Mühldorf und Altötting gibt es bereits mehrere Todesfälle. Im Raum Rosenheim sind mittlerweile sieben Personen, Traunstein zwei und in den Landkreise Mühldorf und Altötting ist jeweils eine Person verstorben. Restaurants bleiben geschlossen, ausgenommen ist die Lieferung und Ausgabe von Speisen für zu Hause. 

Zudem hat Ministerpräsident Markus Söder am Freitag, 20. März, eine weitreichende Ausgangsbeschränkung in Bayern verkündet. Seit Samstag, 21. März, ist das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Dazu zählen unter anderem der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche von Lebenspartnern, aber auch Sport und Bewegung an der frischen Luft - dies aber nur alleine oder mit den Personen, mit denen man zusammenlebt.

Alle wichtigen Informationen zu Corona in der Region findet ihr in unserem Ticker vom Samstag.

Bleibt gesund! #wirhaltenzusammen

jg

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