Weitere persönliche Geschichten unserer Leser

Coronakrise in Bayern: Der Spagat im Homeoffice und Angst vor der Ungewissheit

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Zahlreiche Leser haben der OVB24-Redaktion ihre persönlichen Geschichten in der Coronakrise erzählt.

Landkreis - Es ist eine Ausnahmesituation, wie sie bisher fast noch niemand erlebt hat. Doch wie geht ihr mit der aktuellen Coronakrise um? Zahlreiche Leser/-innen haben der Redaktion ihre persönlichen Erlebnisse geschildert.

Die Corona-Pandemie schränkt zunehmend den Alltag der Menschen ein und bringt das öffentliche Leben allmählich zum Erliegen. Doch wie erlebt Ihr die Coronakrise? Wir haben Euch gefragt und gebeten, uns Eure positiven oder negativen Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen zu erzählen. Zahlreiche Leser/-innen haben sich auf unseren Aufruf gemeldet:


Wir haben Eure Geschichten gesammelt

Ralf aus Kolbermoor

Jetzt muss ich doch auch mal etwas loswerden zu den Ausgangsbeschränkungen. Gleich vorab: Unser Verhalten war definitiv nicht korrekt und es wird für die Dauer der Ausgangsbeschränkungen auch nicht mehr vorkommen. Nun zu meiner Geschichte. Meine Frau und meine Schwägerin arbeiten beide im Einzelhandel und haben dementsprechend jede Menge zu tun. Mein Schwägerin ist verwitwet und hat einen Schäferhund, mit dem sie alleine in einer Wohnung ohne Garten wohnt. Nun haben wir gesagt, dass für die nächste Zeit wir uns gegenseitig helfen und auch versuchen, dass nicht jeder in verschiedene Geschäfte zum Einkaufen muss. Das heißt, meine Frau und meine Schwägerin besorgen die Dinge, die man braucht, wo sie arbeiten und ich dann den Rest.


Vor kurzem kam dann an einem Nachmittag meine Schwägerin mit ihrem Hund zu uns, um die Einkäufe zu holen und brachte ihrerseits auch etwas für uns mit. Leider haben wir dann noch gemeinsam Kaffee getrunken. Darauf hat unser Nachbar gedacht, er verständigt die Polizei wegen eines Verstoßes gegen die Ausgangsbeschränkungen. Wie gesagt, es war ein Verstoß, aber wir werden das auch nicht mehr machen. Aber ich denke, es ist weit von den kritisierten "Corona Partys" entfernt.

Auf der anderen Seite ist beim Sohn des Nachbarn, der noch zu Hause lebt, die Freundin auf Besuch. Das wiederum verstößt nicht gegen die Auflagen, aber ist genauso kritisch zu sehen, was die Verbreitung von Corona angeht. Es ging bei seinem Anruf also wohl nicht darum, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Aber so ist es eben in Zeiten wie diesen. Wir werden das auch überstehen und wenn alles vorbei ist, dann werden wir mit den netten Nachbarn, die wir ohne Zweifel auch haben, und natürlich mit meiner Schwägerin eine richtig schöne Party feiern.

Übrigens: Die Polizisten waren sehr nett und verständnisvoll und an dieser Stelle auch von uns einen Dank an all diejenigen, die in dieser ungewöhnlichen Zeit anderen Menschen helfen.

Gudrun aus Bayern

Ja, wir sind alle angespannt, keiner weiß momentan wirklich, wie es mit uns in Bayern, in Deutschland und in der Welt weitergehen wird. Und auch mein Mann und ich kennen den dreifachen Spagat im Home-Office mit zwei Töchtern im Grundschulalter, die tägliche Herausforderung von eigener Arbeit, Heimunterricht und Betreuung. Vor allem erschwert durch die immer wiederkehrenden Fragen nach der besten Freundin, nach den Großeltern oder auch nur nach einer Beschäftigung, denn ihnen sei doch so langweilig. 

Dennoch bin ich ein Mensch, der sich bemüht, alles von zwei Seiten zu sehen. Und damit möchte ich die Tragik dieser Pandemie mit den vielen Todesfällen nicht klein reden. Aber jenseits der erschreckenden Zahlen gibt es auch noch eine andere Seite: Ich finde es einfach toll zu sehen, was uns dieser Ausnahmezustand zeigt und bringt. Ich höre oft nichts. Es ist ruhig! Die Vögel zwitschern. Es scheint, als begeisterten sich die Vögel so an unserer Stille, dass sie ihren eigenen Klangteppich ohne Verkehrslärm ausbreiten. 

Ich sehe, dass im Heimunterricht die Eigenmotivation deutlich wird. Hier kann sich niemand hinter faulen Ausreden verstecken. Derjenige, der etwas tut, sieht seine Arbeit, derjenige der nichts macht, sieht eben genau das Ergebnis – nichts. Im Unterricht sitzen und Anwesenheit durch physische Präsenz vorschützen, geht jetzt nicht mehr. Und das Beste dabei: Die Eltern bekommen es direkt mit, sofern sie es mitbekommen wollen. Ich merke, dass sich unsere Kontaktsinne schärfen. Zum einen überlege ich mir, mit wem ich wie in Kontakt treten will, zum anderen achten viele gemeinsam darauf, dass der Kontakt zu älteren Mitbürgern gerade eben nicht ganz weg bricht, sondern gezielt anders gestaltet wird. Da sehe ich erwachsene Kinder, die jetzt regelmäßig mehrmals wöchentlich sich Zeit nehmen bei den Eltern anzurufen und ältere Eltern, die sich endlich nicht mehr ganz dem neuen Medium, dem Internet mit all seinen Möglichkeiten, verwehren. 

Ich sehe und lese von einer Hilfsbereitschaft, die wir oft im Alltag vergessen zu leisten. Aber jetzt ist sie da. Im Kleinen und doch ganz groß. Dadurch lernen sich Nachbarn kennen, obwohl man schon jahrelang Wand an Wand wohnt. Ich sehe Familien, Eltern mit Kindern, Paare, Geschwister, die sich wieder gegenseitig sehen und schätzen, die miteinander lachen, miteinander spielen, die sich zusammenraufen, zusammen nach draußen gehen. Ganz ohne Ablenkung. Ich sehe und höre, wie sich Freunde bei Freunden melden und nach ihrem Befinden fragen, obwohl man sich seit Jahren kaum gesehen oder gehört hat. Es scheint so, dass keiner allein ist. Ob alt oder jung. 

Ich sehe, wie politische Handlungsträger endlich zeigen, was Entschlossenheit und gute Kommunikation wert ist. Und ich sehe, wie Populisten mit ihrem Taktieren sich der Lächerlichkeit preisgeben und im Moment dem Untergang geweiht sind. Ich sehe eine Arbeitswelt, welche sich in vielen Bereichen veränderungsbereit zeigt. Aus der Notwendigkeit heraus freut sich nun jeder Arbeitgeber, der früher glaubte, ohne Präsenzkultur ginge es nicht, dass dank Home-Office sein Betrieb wenigstens zum Teil weiter existieren kann. Während leider jene, die auf echte Präsenz angewiesen sind, starke Einbußen hinnehmen müssen.

Ich sehe oft den wahren Menschen, der sich zeigt. Zum Guten, wie auch zum Schlechten, denn wer sich jetzt nicht an Empfehlungen hält, dem das Gemeinwohl egal ist, den erkennt man genauso klar, wie den, der genau das Gegenteil lebt, zum Teil auch noch gegen Widerstand der Verklärten. Ich sehe und schätze es sehr, dass es uns gut geht. Dass wir ein Dach über dem Kopf haben, mit fließendem Wasser, einer Möglichkeit zu heizen und einer relativ gesicherten Versorgung. Und hygienischen Verhältnissen, wovon andere, zum Beispiel auf Lesbos oder woanders in der Welt nur träumen können. Das ist nicht selbstverständlich. 

Ich schätze und sehe unser Gesundheitssystem, das leider inzwischen durch jahrelange Missachtung ein wenig gelitten hat, mit anderen Augen. Wie wichtig ein Arzt, eine Ärztin, ein Pfleger und eine Krankenschwester doch sind! Und im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt wird die Sozialversorgung hier solidarisch getragen und damit für jeden erschwinglich. Oh Mann, bin ich froh darüber. 

Ich sehe, dass unsere Umwelt und unser Klima sich erholt. Was Greta Thunberg und auch sonst kein Mensch schaffte, geht auf einmal. Wir sind alle noch nicht gestorben, obwohl wir kaum mehr fliegen. Uns mag das Toilettenpapier und Schutzmasken ausgehen, warum auch immer, aber wir wissen, China liefert nicht mehr stetig nach, und – schwups - können andere Betriebe hier in Deutschland umsatteln. Das Klima und die Umwelt danken es uns, und zwar so schnell, dass wir den Effekt unmittelbar sehen können. Das hätte man vor einem halben Jahr nie im Leben geglaubt. Und Ich höre einen neuen Gruß „Servus und bleib g'sund“! Vielleicht sind diese Punkte wenig tröstlich, wenn gerade ein geliebter Mensch an Covid-19 verstorben ist oder um sein Leben noch kämpft. Aber diese Nachricht richtet sich an jene, die zu Hause zu verzweifeln scheinen und nicht wissen, wie lange sie diesen Zustand noch ertragen können. Jene könnten sich auch am Positiven erfreuen. Und den anderen Mut machen. "Servus und bleibt's g'sund", Gudrun.

Ute aus Prien am Chiemsee

Es gibt etwas, was mich sehr bewegt und wo ich unsicher bin, ob ich dafür Verständnis haben soll oder nicht. Ob es wichtig ist oder nicht, ich weiß es nicht. Mein Lebensgefährte wurde 18. März mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Wir alle hatten Angst um sein Leben und ich habe es eigentlich immer noch. Er wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

Als Person mit intensivem Kontakt wurde ich vom Gesundheitsamt Rosenheim angerufen und befragt. Mir wurde behördliche Quarantäne angeordnet, in der ich mich bereits freiwillig befand und ein Test in Aussicht gestellt. Ich habe dem Gesundheitsamt alle Kontakte zugearbeitet, die mein Freund und ich oder auch unabhängig voneinander hatten. Alle Kontakte aus dem Zuständigkeitsbereich München und Traunstein wurden umgehend über ärztliche Bereitschaftsdienste getestet. Mir wurde eines Morgens dann gesagt, dass man keine Kapazitäten hätte, mich zu testen und das obwohl ich den intensivsten Kontakt aus dem Personenkreis hatte und erste leichte Symptome da waren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dafür Verständnis zeigen soll. Im Rahmen meiner Tätigkeit hatte ich alleine Kontakt zu mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen. 

Ich frage mich außerdem, wie hoch die Dunkelziffer im Landkreis Rosenheim ist, wenn ein Großteil der nachweislich mit Corona-Patienten im Kontakt gewesenen Personen nicht getestet wird. Vermutlich werde ich erst getestet, falls ich ähnlich schwere Symptome wie mein Freund entwickeln sollte. Er ist 56 Jahre alt und hat keine nennenswerten Vorerkrankungen. Ich bin genau so alt und habe keine Vorerkrankungen.

Offensichtlich ist der Landkreis und die Stadt Rosenheim in Bezug auf die Ermittlung der infizierten Personen überfordert, wo hingegen Traunstein und München entweder mehr Kapazitäten haben oder besser organisiert sind. Ich kann das Ganze nicht wirklich zuordnen und fühle mich ziemlich hilflos und allein gelassen.

Ilona aus Nürnberg 

Am Mittwoch, 18. März, haben wir in unserer Werkstatt für Menschen mit beschränkter Arbeitsfähigkeit die Nachricht erhalten, dass wir jetzt bis zum 19. April freigestellt sind. Alle haben unbewusst damit gerechnet, aber wir haben alle noch Scherze gemacht und alle möglichen Kontaktmöglichkeiten getestet! Einen kleinen Schubs mit dem Po fanden wir lustig, dennoch gab es Tränen, weil wir eine so großartige Gemeinschaft haben! Unsere Hoffnung, weiter arbeiten zu dürfen, hat sich nicht erfüllt. Aber wir sind uns sehr bewusst, was für ein besonderer Schatz die ehrliche empathische Verbindung für Menschen bedeutet! 

Diese Kraft trägt uns und ist die Chance, wieder gesund zu werden! Mir wird immer mehr klar, dass wir uns nicht als Benachteiligte empfinden sollten, sondern als ein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft, der auch durch ihren außergewöhnlichen Fleiß glänzt! Nehmen wir die Chance wahr, festzustellen, was wirklich in uns steckt, um dann gestärkt die Normalität zu gestalten. Wir haben auch eine Notfallgruppe für Gespräche und dürfen unsere Betreuer anrufen. An dieser Stelle möchte ich mich auch für die professionelle Unterstützung bedanken.

Evelyn aus dem Landkreis Kronach

Seit Dienstag, 10. März, habe ich den Weg zu meinem Hausarzt (zunächst) nicht mehr gewagt. Mir ging es gesundheitlich bereits seit November nach einer starken Bronchitis nicht sonderlich gut. In unserer Firma, im Großraumbüro, hatten wir seit Anfang März bereits Symptome wie Halsschmerzen, Husten und Niesen, jedoch ist niemand zuhause geblieben. 

Mein Arzt hat mich bei meinem Besuch erstmal drei Tage krank geschrieben, Diagnose: "Akute Bronchitis". Da es mir danach zunehmend schlechter ging, habe ich am darauffolgenden Montag telefonisch Kontakt zu meinem Hausarzt aufgenommen. Dieser stellte mir sehr unkompliziert eine Verlängerung meiner Krankmeldung für eine Woche aus, ohne dass ich in die Praxis kommen musste. Inzwischen war ich sehr geschwächt, da mich ein starker, trockener Husten, Durchfall, Atemnot und erhöhte Temperatur plagten. 

In diesen Tagen denkt man sehr ausgiebig darüber nach, gerade wenn man schwer Luft bekommt, könnte ich am Coronavirus erkrankt sein? Auch von Bekannten und Arbeitskollegen kam die Aufforderung, mich doch bitte auf Corona testen zu lassen. Da es mir zunehmend schlechter ging, bekam ich am Donnerstagabend dann doch noch einen Termin bei meinem Hausarzt. Nun verschrieb er mir ein Makrolid Antibiotika, da ich ein anderes nicht vertrage. Auf meine Frage, ob ich einen Corona-Test machen kann, erhielt ich nur die Aussage, ich würde die beiden Kriterien zum Testen nicht erfüllen.

So bin ich nun seit dem 10. März in Eigenquarantäne. Mir geht es immer noch nicht viel besser. Ich werde jedoch wohl nie erfahren, ob ich an Corona erkrankt bin/war, da ich nicht getestet werde/wurde. Deshalb glaube ich, dass in Deutschland die Statistik nicht stimmen kann, denn die Zahlen aller Erkrankten, die jedoch nicht getestet worden sind, wird für immer eine Dunkelziffer bleiben. Ich wünsche allen Erkrankten von Herzen gute Besserung. Und mein Appell an alle Gesunden: Bitte bleibt zuhause!

Die nächsten persönlichen Geschichten werden am Freitag, 27. März, in einem neuen Artikel veröffentlicht 

Weitere persönliche Geschichten unserer Leser: 

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Wie erlebt Ihr die Coronakrise? Erzählt uns Eure Geschichte

Erzählt uns, was Euch bewegt und schickt eine Mail an termine@ovb24.de (Kennwort: "Corona" im Betreff). Die OVB24-Redaktion freut sich über Eure Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen. 

Natürlich könnt Ihr uns auch mitteilen, was Euch sorgt und ängstigt in diesen Tagen und gerne auch, was Euch in dieser Zeit Freude macht. Bitte sendet uns neben Euren Zeilen, Fotos oder Videos auch unbedingt Euren kompletten Namen und Euren Wohnort.

Wir wollen unsere Reichweite aber auch nutzen, um Menschen miteinander zu verbinden und zur Nachbarschaftshilfe aufrufen. Deswegen haben wir sechs Facebook-Gruppen ins Leben gerufen: #rosenheim24 / #chiemgauhältzusammen / #innsalzachhältzusammen / #bglandhältzusammen / #wasserburghältzusammen / #mangfallhältzusammen

Coronavirus im Freistaat Bayern

Das Coronavirus breitet sich rasant aus. Im Freistaat Bayern hat das Virus 52 Todesopfer (Stand: Donnerstag, 26. März, 15 Uhr) gefordert.  Auch in den Landkreisen Mühldorf und Altötting gibt es bereits je einen Todesfall, in den Landkreisen Traunstein und Rosenheim sogar zwei. Restaurants bleiben geschlossen, ausgenommen ist die Lieferung und Ausgabe von Speisen für zu Hause. 

Zudem hat Ministerpräsident Markus Söder am Freitag, 20. März, eine weitreichende Ausgangsbeschränkung in Bayern verkündet. Seit Samstag, 21. März, ist das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Dazu zählen unter anderem der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche von Lebenspartnern, aber auch Sport und Bewegung an der frischen Luft - dies aber nur alleine oder mit den Personen, mit denen man zusammenlebt.

Bleibt gesund! #wirhaltenzusammen

jg

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