Demjanjuk: Bergblick statt Gefängnisgitter

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Statt Gitterstäben sieht Iwan (John) Demjanjuk in seiner neuen Feilnbacher Bleibe das Alpenpanorama.

Bad Feilnbach - Der ehemalige KZ-Wachmann Iwan (John) Demjanjuk (91) hat in Bad Feilnbach eine neue Bleibe gefunden. Dort bewohnt er vorerst in einem Seniorenheim ein Zimmer im Erdgeschoss.

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Als "Teil der Nazi-Vernichtungsmarschinerie" verurteilte Richter Ralph Alt vor wenigen Wochen den ehemaligen KZ-Wachmann Iwan (John) Demjanjuk zu fünf Jahren Haft. Da der Angeklagte aber 91 Jahre alt ist und das Gericht keine Fluchtgefahr sah, wurde der Haftbefehl aufgehoben und Demjanjuks Freilassung angeordnet. In der Gemeinde Bad Feilnbach hat er nach Informationen des Oberbayerischen Volksblatts eine neue Bleibe gefunden. Dort bewohnt er vorerst in einem Seniorenheim ein Zimmer im Erdgeschoss.

Seit seiner Abschiebung aus den USA im Mai 2009 lebte Demjanjuk in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim (JVA) in München hinter sechs Meter hohen Mauern. Nach einem Zwischenstopp, vermutlich im Männerwohnheim der Landeshauptstadt, hat er nun in Bad Feilnbach nach langer Zeit hinter Gittern wieder die Natur direkt vor dem Fenster.

Seine Anwesenheit in Bad Feilnbach sorgt seit gestern für Wirbel: Der als Nazi-Verbrecher verurteilte Iwan (John) Demjanjuk.

Sein Verteidiger, Dr. Ulrich Busch aus Ratingen (Regierungsbezirk Düsseldorf, NRW) bestätigte gestern gegenüber unserer Zeitung, dass der 91-Jährige in einer Pflegeeinrichtung in der Feriengemeinde untergekommen ist. "Dies hat meines Wissens die Regierung von Oberbayern so beschlossen", so Dr. Busch. In dem Heim (privater Träger) bewohnt Demjanjuk - wie die "Bild"-Zeitung erfahren hat - weitgehend isoliert von den Mitbewohnern ein kleines Zimmer im Erdgeschoss mit Terrasse und Bergblick.

Demjanjuk war - wie berichtet - am 12. Mai vom Münchner Landgericht wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28060 Juden im Jahr 1943 im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Zugleich hob das Gericht aber den Haftbefehl auf: Dieser sei nicht mehr verhältnismäßig. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft haben Revision eingelegt. Bevor diese verhandelt werden kann, werden dem Verteidiger zufolge ein bis eineinhalb Jahre vergehen. Eine Entscheidung über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft I in München gegen die Aufhebung des Haftbefehls steht, wie Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger gestern erläuterte, überdies noch aus.

In Bad Feilnbach hält sich die Begeisterung über den neuen Bürger in Grenzen. Bürgermeister Hans Hofer (Freie Wähler) hat aus der Zeitung von Demjanjuks Anwesenheit in der Gemeinde erfahren. "Ich bin darüber nicht glücklich. Das kann sich auf unsere Kommune negativ auswirken", so der Rathauschef. Demjanjuk sei aber als freier Mann zu behandeln und das Seniorenheim müsse diese Entscheidung mit sich selbst ausmachen.

Erste Urlauber zogen nach Bekanntwerden der Neuigkeit bereits Konsequenzen. "Es sind deswegen schon etliche Zimmer-Stornierungen im Ort eingegangen", so Hofer auf Nachfrage. Die Gäste hätten mit größtem Unverständnis auf den neuen Bürger reagiert.

Demjanjuks Dienstausweis als Wachmann in Sobibor.

Demjanjuk sitzt zeitweise im Rollstuhl. "Er ist ein Pflegefall und kann sich nicht alleine anziehen oder waschen", so Verteidiger Dr. Busch, der in regelmäßigem Kontakt mit dem Mann steht. Dieser gilt seit seiner Auslieferung von den USA nach Deutschland als staatenlos. "Deutschland hat in Folge der Deportation die Verantwortung für den 91-Jährigen übernommen", so Dr. Busch. Ihm zufolge wird sein Mandant von der "Bild"-Zeitung regelrecht verfolgt: "Das grenzt an Menschen- und Kopfgeldjagd." Der Verteidiger beabsichtigt, gegen das Blatt rechtliche Schritte einzuleiten. Sein Mandant habe es verdient, in Ruhe gelassen zu werden.

Aus Datenschutzgründen gab es gestern weder von Seiten des Justizministeriums und des Sozialreferats München noch vom Bezirk Oberbayern Auskunft über Demjanjuks Aufenthaltsort.

Die Kosten in dem privaten Altenheim in Bad Feilnbach (51 Plätze) belaufen sich pro Monat (je nach Pflegestufe) auf einen Betrag zwischen 1061,87 und 2963,70 Euro. Einen Antrag auf Hilfe im Pflegebereich vom Staat kann nach Angaben von Constanze Mauermaier, Pressestelle des Bezirks Oberbayern, jeder Bürger stellen, der weder Einkommen noch Vermögen und/oder Pflegeversicherung hat. Von Pflegestufe 0 bis 3 spannt sich der Bogen hierbei von 1773 bis 2973 Euro. "Im Falle von John Demjanjuk müsste diesen Antrag die Regierung stellen. Mein Mandant hat kein Vermögen oder dergleichen", so Dr. Busch.

Silvia Mischi (Oberbayerisches Volksblatt)

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