Denkmalschutz-Diskussion um Villa Schön 

„Ein Stück der Geschichte Berchtesgadens geht verloren“

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Die Villa Schön ist kein Denkmal – weil sie von innen mehrfach verändert wurde. „Das heißt aber nicht, dass sie deshalb abgerissen werden muss“, sagt Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil.

Berchtesgaden – In Berchtesgaden ist eine Debatte um eine Villa aus dem 19. Jahrhundert entstanden, die ein Unternehmer abreißen und durch Wohnhäuser ersetzen lassen möchte. Der Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil, über die „verständliche Aufregung in der Bevölkerung“, die Neuaufnahme von Denkmälern im Berchtesagdener Land, wie etwa jener des Hochstaufen-Gipfelkreuzes, sowie fehlendes Personal in der Denkmalpflege.

Wie wichtig ist die bayerische Denkmalpflege heutzutage, wie wichtig sind Denkmäler für den Freistaat?

Prof. Mathias Pfeil: Der Wert der Denkmalpflege ist gerade heute wieder von hoher Bedeutung. Verschiedene Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das Bedürfnis der Menschen nach Stabilität und Sicherheit steigt. Dies sind die Folgen sich verändernder politischer und vor allem auch gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Die Basis hierfür ist ein Ort, der Heimat vermittelt. Denkmäler, die gebaute Umgebung, vermitteln genau dieses Gefühl von Heimat und Identität. Der verantwortungsvolle Umgang mit unseren Denkmälern ist daher wichtig. Jede Zerstörung, jeder Abriss eines Baudenkmals bedeutet auch den Verlust von Heimat und Identität und wird in der Bevölkerung bewusst wahrgenommen. Und die Menge an Denkmälern ist endlich. Gerade einmal 1,5 Prozent der gesamten Bebauung in Bayern sind denkmalgeschützt. Der Erhalt des baulichen Erbes gelingt aber nur gemeinsam, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Behörden, Planern und den Eigentümern. Denkmalpflege ist also wichtig – nicht nur im Freistaat Bayern, sondern überall.

Viele Denkmäler sind einzigartige Zeugnisse vergangener Zeiten. Im Berchtesgadener Land gibt es viele davon. Gibt es Denkmäler, die Priorität haben und als wichtiger eingestuft werden als andere? Welche sind das?

Pfeil: Denkmäler sind nicht nur das Schöne, das künstlerisch Wertvolle, wie Kirchen, Klöster und Schlösser. So vielfältig wie die bayerische Denkmallandschaft, ist auch das Spektrum der Denkmalliste. Sie umfasst die baulichen Zeugnisse des einfachen Lebens, des harten Arbeitens, der Technik- und Industriegeschichte genauso, wie bäuerliche Baukultur oder anspruchsvolle Villenarchitektur. Jedes einzelne dieser Denkmäler ist von gleicher Bedeutung. Natürlich versuchen wir besonders bei den Denkmälern, die von Leerstand bedroht sind, Lösungen zu erreichen, die ihre Erhaltung sicherstellen. Bayern und das Berchtesgadener Land zeichnen sich durch eine besondere Vielfalt aus, die es zu erhalten gilt.

Erst kürzlich wurde die Liste der im Berchtesgadener Land befindlichen Denkmäler aktualisiert...

Pfeil: Die Ersterfassung der Denkmäler in der Bayerischen Denkmalliste erfolgte gemäß des Auftrags des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes seit dem Inkrafttreten von 1973. Die Bayerische Denkmalliste ist ein nachrichtliches Verzeichnis aller bekannten Bau- und Kunstdenkmäler, Bodendenkmäler sowie beweglicher Denkmäler, das vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege erstellt und seither fortgeschrieben, also verbessert und ergänzt wird. Sie bildet damit eine zuverlässige Grundlage für den Vollzug des Denkmalschutzgesetzes, etwa bei Instandsetzungen. Der tagesaktuelle Stand ist seit Jahren jederzeit online über den bayerischen Denkmal-Atlas unter www.denkmal.bayern.de einsehbar. Diese Transparenz hat auch dazu geführt, dass sich viele Menschen mit dem Thema Denkmäler beschäftigen, für die Bedeutung sensibilisiert wurden und sich auch aktiv für den Schutz und Erhalt einsetzen.

Nach welchen Kriterien gingen Sie bei der Denkmallistenaktualisierung vor?

Pfeil: Das Projekt der Nachqualifizierung und Revision der bayerischen Denkmalliste hatte die Aktualisierung der Denkmalliste zum Ziel. Die Denkmäler wurden fotografiert, in einer Datenbank erfasst, auf Kartengrundlagen gebäudescharf kartiert und die Listeneinträge präzisiert. In Einzelfällen erfolgt eine Begehung. Derzeit umfasst die Bayerische Denkmalliste etwa 109000 Baudenkmäler, dazu zählen auch die 873 Ensembles, und rund 51000 Bodendenkmäler.

Wie schaut es im Berchtesgadener Land aus?

Pfeil: Für den Landkreis Berchtesgadener Land sind 1301 Objekte als Einzeldenkmal und 19 Ensembles erfasst. Bei der Überarbeitung der Denkmalliste für den Landkreis haben sich leider zahlreiche Streichungen vor allem von Bauernhäusern aus der Denkmalliste ergeben. Verschiedene Objekte konnten aber auch neu in die Denkmalliste eingetragen werden. Besonders erwähnenswert ist die evangelische-lutherische Pfarrkirche 'Zum guten Hirten' in der Ramsau, die der Architekt Gustav Gsaenger im Jahr 1958 hier eindrucksvoll in die Landschaft komponiert hat. Im Gemeindegebiet von Schönau am Königssee wurden der barocke Kaser der Regenalm sowie die benachbarte königliche Hofjagdhütte, die 1848 unter König Maximilian II. errichtet worden war, in die Denkmalliste nachgetragen. Das Gipfelkreuz auf dem Hochstaufen sowie verschiedene Villen der Bäderzeit kamen in Bad Reichenhall hinzu. Diese beispielhaft herausgegriffenen Nachträge zeigen eindrücklich das breite Spektrum der Denkmalliste.

Wer ein Denkmal besitzt und etwas verändern möchte, muss strengen Regeln folgen und viel Geld in die Hand nehmen. Eine Verpflichtung, ein Denkmal zu erhalten, besteht aber nicht. Wieso ist das so?

Pfeil: Es gibt natürlich auch die rechtliche Verpflichtung, ein Denkmal zu erhalten, man kennt ja den Begriff 'Eigentum verpflichtet'. Das gilt auch für Denkmäler: Das bayerische Denkmalschutzgesetz fordert in Artikel 4, dass Baudenkmäler instand zu halten, instand zu setzen, sachgemäß zu behandeln und vor Gefährdung zu schützen sind, soweit den Eigentümern das zumutbar ist.

Mehrere Tausend Denkmäler in Bayern stehen leer oder sind im Begriff zu verfallen. Würden Sie sagen, dass die Denkmalpflege mehr Gelder benötigt, um dagegen vorgehen zu können?

Pfeil: Mehr Gelder sind natürlich nie schlecht, wichtiger wäre jedoch eine ausreichende Personalausstattung und hier hapert es – bei der Fülle an zusätzlichen Aufgaben, die keine Pflichtaufgaben sind, – eben schon. Gerade unsere Initiativen zur verstärkten Öffentlichkeitsarbeit, zum Erklären unserer Belange, sind sehr personalintensiv. Für die Erhaltung der Denkmäler ist es wichtig, dass sie wertgeschätzt werden. Entscheidend ist das Bewusstsein für den Wert des Alten.

Ist dieses Bewusstsein vorhanden?

Pfeil: Dieses Bewusstsein zu stärken, ist mein vorrangiges Ziel in der bayerischen Denkmalpflege. Hierzu haben wir seit 2015 im Rahmen der Kampagne 'Denkmalschutz und Denkmalpflege 2020' Initiativen entwickelt, die sich dem Bewahren durch Erklären, Erläutern und Unterstützen widmen. Dazu zählt zum Beispiel das 'Kommunale Denkmalkonzept': Das ist eine Road Map für die Denkmalpflege für Kommunen, die wir dabei unterstützen, ihre historische DNA zu identifizieren und Konzepte zu entwickeln, wie sie diese erhalten und nutzen können. Eine weitere Initiative ist das Bürgerbüro Denkmalpflege. Zum ersten Mal werden sich ab Sommer dieses Jahres zwei wissenschaftlich ausgebildete Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigen, Bürgerinnen und Bürger die Baudenkmalpflege näher zu bringen, Fragen zu beantworten, Probleme zu lösen, bevor sie drängend werden. In der Bodendenkmalpflege haben wir etwas Vergleichbares mit zwei Betreuern für die ehrenamtlich Tätigen schon seit einigen Jahren, aus dem anfänglichen Modellprojekt 'Ehrenamt in der Bodendenkmalpflege' ist inzwischen eine feste Einrichtung geworden.

In Berchtesgaden ist dies schon mehrfach passiert: Aber was blüht Personen, die ein Denkmal ohne Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege verändern oder es gar abreißen?

Pfeil: Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ist die beratende Denkmalfachbehörde im Freistaat. Die Denkmalschutzbehörden, die Bescheide – wie die denkmalschutzrechtliche Erlaubnis zur Veränderung eines Denkmals – erlassen, sind die Unteren Denkmalschutzbehörden der Landratsämter und kreisfreien Städte. Ein Denkmal ohne die erforderliche Erlaubnis zu verändern, ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von bis zu 250.000 Euro belegt werden kann. Die Entscheidung darüber, wie eine solche Ordnungswidrigkeit geahndet wird, treffen die Unteren Denkmalschutzbehörden.

In Berchtesgaden ist eine Debatte um eine Villa entstanden, von der man erwartet hatte, ein Denkmal zu sein. Können Sie die Aufregung in solchen Fällen nachvollziehen?

Pfeil: Die Aufregung kann ich sehr gut verstehen, denn mit dem Abbruch der sogenannten Villa Schön geht auch ein Stück Geschichte Berchtesgadens verloren. Das Gebäude steht an prominenter Stelle und ist vielen Menschen als Teil der gebauten Umwelt bewusst. Auch, wenn das Landhaus die Kriterien des Denkmalschutzgesetzes nicht erfüllt, heißt das nicht, dass es deshalb abgerissen werden muss. Immerhin prägt es seit über 100 Jahren das Gesicht Berchtesgadens an dieser Stelle.

Dieses Interview führte Kilian Pfeiffer

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Quelle: BGland24.de

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