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Expertenmeinungen über Corona-Dunkelziffer

Hälfte der Infektionen nicht entdeckt? Forschende sehen Impfung trotzdem als Lösung

Coronavirus - Impfaktion Bielefeld
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Viele Corona-Neuinfektionen werden nicht erkannt. Diese Zahl wird als Dunkelziffer bezeichnet.

Abseits der erfassten Corona-Fälle gibt es eine unbekannte Zahl nicht erkannter oder gemeldeter Infektionen: Die Dunkelziffer. Was meinen Experten, was das für das Vorgehen gegen SARS-Cov-2 bedeutet?

Deutschland - Die Lage ist angespannt. In Bayern gelten ab 15. November nochmals schärfere Regeln und die Situation an den Kliniken der Region wird von Tag zu Tag kritischer, was zu hitzigen Debatten über die „Pandemie der Ungeimpften“ (Plus-Artikel) führt. Bei täglich neuen Rekorden der Zahl der gemeldeten Neuinfektionen sowie der 7-Tage-Inzidenzen, bleiben nach aktuellen Erkenntnissen viele Infektionen noch immer unerkannt. Diese sogenannte Dunkelziffer beschäftigt die Wissenschaft.

Hälfte aller Corona-Infektionen nicht erkannt: Dunkelziffer beschäftigt Forschende

Es wird zum Teil davon ausgegangen, dass aktuell ungefähr die Hälfte aller Infektionen nicht entdeckt wird. Kurz gesagt, dass die Dunkelziffer etwa so groß ist wie die Zahl der erfassten Fälle. Es wird auch davon ausgegangen, dass mit mehr gemeldeten Neuinfektionen der Anteil der Dunkelziffer steigen dürfte - bei mehr Neuinfektionen also vergleichsweise noch mehr Infektionen nicht erkannt werden.

Dass bei Geimpften Infektionen weniger oft erkannt wird als bei Ungeimpften, davon geht Jan Fuhrmann vom Institut für Angewandte Mathematik der Universität Heidelberg bei seinen Berechnungen aus. „Das liegt daran, dass Geimpfte erstens nur selten einen negativen Test brauchen, zweitens häufiger einen nahezu asymptomatischen Krankheitsverlauf haben und drittens oft der Fehleinschätzung unterliegen, sie könnten sich dank der Impfung gar nicht mehr infizieren“, erklärt der Experte für mathematische Biologie.

Haben kostenlose Bürgertests einen Einfluss auf die Corona-Dunkelziffer?

Wie viel Einfluss der Wegfall der kostenlosen Bürgertests auf die Dunkelziffer hatte, sei schwer einzuschätzen, so Fuhrmann: „Allerdings wurde bei Einführung der Bürgertests argumentiert, dass nur ein sehr kleiner Teil der entdeckten Fälle diesen Tests zu verdanken war.“ Dabei wird auf die Gruppe der bereits Geimpften verwiesen: „Im Umkehrschluss hätte deren Wegfall dann auch keinen großen Einfluss, zumal die Dunkelziffer unter Geimpften davon weitgehend unberührt bleiben dürfte.“ Fuhrmann geht davon aus, dass aktuell etwa nur 50 Prozent aller Neuinfektionen auch entdeckt werden.

Vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen meldet sich Viola Priesemann mit einer sehr ähnlichen Annahme, stellt jedoch klar: „Der genaue Wert der Dunkelziffer ist für die Vorhersage der Krankenhausbelastung und für eine Abschätzung des Trends nicht relevant - solange sie sich nicht recht plötzlich stark ändert.“ Sowohl die Inzidenz, als auch Hospitalisierung und die Intensivbelegung seien „ausreichend, um die Dynamik abzuschätzen“. Daraus könnten die folgenden Maßnahmen gewählt werden, so Priesemann. Den umstrittenen Wert der Inzidenz sieht sie nach wie vor als hilfreichen Indikator: „Man sieht in der Inzidenz den extrem starken Anstieg. Die Intensivbelegung folgt etwas geglättet.“

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen sieht den Grund für den Anstieg der Rate der Dunkelziffer nicht nur in geringeren Testpflichten.

Dass die Rate der Dunkelziffer nicht nur wegen geringerer Testpflichten steigt, meint Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen: „Sondern auch, weil Geimpfte und Genese sicherlich in der Summe weniger getestet werden und eben auch anteilig weniger schwere Symptome haben und so eher nicht als infiziert erkannt werden.“ Laut Fuhrmann bedeutet eine höhere Dunkelziffer für den weiteren Verlauf „dass insbesondere Kontaktnachverfolgung einen immer kleineren Beitrag zur Kontrolle der Epidemie leisten kann.“

Nicht nur Corona-Inzidenz steigt: Zunahme der Positivrate im November

Was bei der Debatte um die 7-Tage-Inzidenz mittlerweile zum Tragen kommt, ist, dass neben ihr im Wochenvergleich in Deutschland auch der Anteil positiver Testergebnisse zugenommen hat. Dieser Anteil wird auch als Positivrate bezeichnet. Sie stieg von 12,4 Prozent auf 16,2 Prozent in der ersten Novemberwoche an, wie der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) in der vergangenen Woche mitteilte. „Das Infektionsgeschehen in Deutschland nimmt drastisch zu“, hieß es.

Oft wird von Kritikern der Kennzahlen behauptet, dass steigende Positivraten unweigerlich mit der Zunahme der durchgeführten Tests zusammenhänge. Niedrige Raten bedeuten laut Robert Koch-Institut (RKI) jedoch, dass sehr sensitiv getestet werde und auch Personen mit leichten Symptomen erfasst würden. Eine höhere Rate hat somit auch Einfluss auf die Dunkelziffer. Die Gesamtzahl an Tests stieg laut ALM im Wochenvergleich nur leicht an, auf rund 1,1 Millionen.

Forschende für Impfung: „Boosterimpfungen katapultieren den Impfschutz nach oben“

Auf die große Bedeutung der Impfungen in der Pandemie verweisen die Forschenden in jedem Fall - auch hinsichtlich anderer Länder. Laut Zeeb seien beispielsweise in Portugal bei Impfquoten von deutlich über 80 Prozent die Infektions- und Behandlungszahlen gering und sehr gut beherrschbar, so Zeeb. Aber auch dann lasse die Immunität nach.

Für Zeeb bleibt, den Impfschutz zu erhöhen, weiterhin eine Daueraufgabe: „Die Boosterimpfungen katapultieren den Impfschutz erneut deutlich nach oben, die Effektivität des Schutzes vor einem schweren Verlauf liegt nach vorliegenden Daten sogar über der kurz nach der zweiten Impfung, und auch der Schutz vor Ansteckung und Weitergabe einer Infektion ist sehr ausgeprägt und deutlich besser als bei Geimpften ohne die Auffrischung.“

Für Priesemann ist Israel ein Musterbeispiel. Im Sommer sei es dort gelungen, die Welle bei einer ähnlichen Impfquote wie in Deutschland zu stoppen. Rund 50 Prozent der Menschen haben eine Boosterimpfung bekommen. Weil der Immunschutz mit der Zeit nachlasse, sei die dritte Impfung wichtig. Im Gegensatz zu nur zwei Impfungen führe das zu mehr Schutz und drücke auch die Zahl der Hospitalisierungen.

In Israel habe die dritte Impfung in allen Altersgruppen einen sehr starken Effekt für die Schutzwirkung gehabt. „Der Effekt wäre in Deutschland möglicherweise nicht ganz so stark, da der erste Impfabstand länger war und die Impfungen nicht ganz so lange her sind wie in Israel“, erklärt Priesemann. „Aber wir erwarten auch hier eine deutliche Wirkung.“

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mda mit Material der dpa

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