Kinderwunsch und Schwangerschaft

Die Angst vieler Frauen: Corona-Impfung führt zu Unfruchtbarkeit? „Intellektueller Griff ins Klo“

Eine Hebamme trägt Schutzausrüstung und untersucht eine schwangere Frau.
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Eine Hebamme trägt Schutzausrüstung und untersucht eine schwangere Frau.

Seit Beginn der weltweiten Impfkampagne gegen Sars-CoV-2 werden im Internet viele Behauptungen über die Impfstoffe verbreitet. Immer häufiger ist auch zu lesen, dass die Impfung bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führen. Hier ein Faktencheck.

Landkreis - In einem Video von Bodo Schiffmann heißt es etwa, die Impfung könne bei Frauen für unbestimmte Zeit zu Unfruchtbarkeit führen. Zudem könne der Impfstoff eine überspringende Immunreaktion auslösen - eine sogenannte vom Antikörper abhängende Verstärkung (ADE). Auch vor angeblichen Nebenwirkungen durch einen enthaltenen Wirkverstärker - Polyethylenglykol (PEG) - wird im Video gewarnt.

Ähnlichkeit zwischen Spike-Protein und Syncytin-1

Menschen, die das behaupten, stützen ihre Argumentation in der Regel auf die vermeintliche Ähnlichkeit zwischen dem sogenannten Spike-Protein des Coronavirus, mit dem der Erreger an menschliche Zellen andockt, und dem körpereigenen Protein namens Syncytin-1, welches für die Bildung der Plazenta wichtig ist.

Laut einer im Video erwähnten Petition führe diese Ähnlichkeit dazu, dass die durch die Impfung erzeugten Antikörper sich auch an Syncytin-1 binden und so die Bildung der Plazenta verhindern. In der Fachsprache wird dies Kreuzreaktion genannt.

Es ist jedoch keine besondere Ähnlichkeit zwischen den Proteinen vorhanden, wie Lars Dölken, Professor für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erläutert. Für eine Kreuzreaktion eines Antikörpers müssten zwei unterschiedliche Proteine mindestens acht exakt gleiche Aminosäuren auf der Oberfläche des Proteins besitzen - in der gleichen Orientierung und direkt benachbart.

„Märchen der Molekularbiologie“

Der Abschnitt, der in beiden genannten Proteinen übereinstimmt, ist einfach zu kurz, um das Immunsystem zu einer Fehlerkennung zu verleiten. Ähnlich wird dies auch vom Molekularbiologen Martin Moder in einem Video dargelegt. Die Behauptung, das Spike-Protein sei dem Syncytin-1 so ähnlich, dass die Antikörper versehentlich das Syncytin-1-Protein angreifen könnten, bezeichnet Moder als „intellektueller Griff ins Klo“ und „Märchen der Molekularbiologie.

Auch die Leiterin der Forschungsgruppe Biochemie und Bioorganische Chemie an der Universität Leipzig, Annette Beck-Sickinger, erklärte der Freien Presse, dass es überhaupt keine besondere Ähnlichkeit zwischen den beiden Proteinen gebe, so „dass eine Kreuzreaktion des Impfstoffs im Grunde unmöglich ist“.

Dölken gibt darüber hinaus zu bedenken: „Würde der Impfstoff unfruchtbar machen, träfe dies in besonderem Maße auf die Infektion selbst zu.“ Heißt im Umkehrschluss, dass nicht nur die Impfung sondern ebenso die Infektion an sich Unfruchtbarkeit hervorrufen würde und alle Frauen, welche bereits infiziert waren, nun unfruchtbar sind.

Dies konnte jedoch in Studien an mit Sars-CoV-2 infizierten Schwangeren nicht nachgewiesen werden: Deren Ergebnissen zufolge lässt sich keine erhöhte Zahl an Abbrüchen feststellen - weder bei asymptomatischen noch bei symptomatischen Verläufen einer Covid-19-Erkrankung.

Eine Kreuzreaktion ist insgesamt sehr unwahrscheinlich: Laut Aussage Dölkens würde es selbst dann nicht ausreichen, wenn 30 Prozent der Aminosäuren an unterschiedlichen Stellen des Proteins übereinstimmten. Zudem sei die im Facebook-Video genannte Methode (Aminosäuren-Sequenzvergleich) ohnehin nicht geeignet, um eine Kreuzreaktion der Proteine vorauszusagen.

Keinerlei Hinweise oder Berichte

Dass Impfstoffe gegen das Coronavirus Unfruchtbarkeit hervorrufe, betitelt auch Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, für „ein Gerücht“. „Es macht biologisch keinen Sinn und es gibt medizinisch keine Hinweise, dass dieses Gerücht wirklich stimmt und dass die Fruchtbarkeit beeinträchtigt wird durch die Impfung und die Antikörper, die gegen das Spike-Protein gebildet werden“. Und weiter: „Es gibt keinerlei Hinweise oder Berichte, dass das zu einer Unfruchtbarkeit bei Frauen geführt hätte - da werden ja auch Antikörper gebildet.“

Auch Schwangere könnten sich impfen lassen. Zwar würden Impfstoffe in frühen Studienphasen nicht an Schwangeren getestet. „Das heißt aber nicht, dass das Unternehmen hier eine spezielle Gefahr sehen würde“, sagte Ciesek. Es sei vielmehr „das normale Vorgehen“, dass man neue Präparate nicht an sensiblen Gruppen wie Kleinkindern oder Schwangeren teste. «Die Erkrankung ist prinzipiell gefährlicher für Schwangere als die Impfung.“

Weitere Gerüchte um Nebenwirkungen

Der Video-Beitrag von Bodo Schiffmann behandelt weitere angebliche Nebenwirkungen des Impfstoffes: Eine vom Antikörper abhängende Verstärkung (antibody-dependent enhancement - ADE) soll demnach eine überschießende Immunantwort auslösen. Diese Wirkung eines Impfstoffes wurde bisher unter anderem für das HI- und das Ebola-Virus dokumentiert. Ein definitiver Nachweis einer solchen Reaktion bei humanen Coronaviren konnte hingegen bisher nicht erbracht werden.

Der ebenfalls im Beitrag kritisierte Stoff Polyethylenglykol (PEG) - auch Macrogol genannt - ist eine in der Pharma- und Kosmetikindustrie häufig eingesetzte Verbindung. PEG kann sich an verschiedene Stoffe binden und erhöht deren Molekülmasse. So wird unter anderem eine veränderte Wasserlöslichkeit oder eine längere Verweildauer im Körper erreicht. Bei Kosmetikprodukten wird PEG als Lösungsmittel eingesetzt.

Fakt: Eine ADE wurde für bei Menschen vorkommende Coronaviren bisher nicht nachgewiesen. Der Stoff PEG ist in vielen Medikamenten enthalten, bisher ist keine stark schädliche Wirkung bekannt.

mz

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