Ehe-Hölle endet mit Tragödie

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Häusliche Gewalt hat viele schreckliche Gesichter. 2009 registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in seinem Zuständigkeitsbereich genau 1239 Fälle. Die Grafik zeigt den Anteil der einzelne Deliktsbereiche. In Extremfällen enden sie mit tödlichen Tragödien.

Rosenheim - Die Ex-Frau erschlagen, den Sohn erhängt - der Doppelmord von Rosenheim ist in seiner unfassbaren Brutalität ein Einzelfall. Die Vorgeschichte der Tragödie um Lacramioara M. (37) und ihren Sohn Marcus (3) allerdings nicht.

So ist beispielsweise das Rosenheimer Frauenhaus stets "ausgebucht" mit Frauen, die - so wie die Rumänin - um ihr Leben und das ihrer Kinder fürchten müssen, weil sie sich nicht mehr schlagen und misshandeln lassen wollen. Gewaltexzesse, Trennungen, Versöhnungen, Kontaktverbote, Scheidungen, Vaterschaftstests, Streit ums Sorgerecht - ebenso schmerzhafte und nervenaufreibende Etappen in verhängnisvollen Ehen, die vielen Frauen, der Polizei und den Familiengerichten nicht fremd sind. 47 Frauen und 55 Kinder suchten allein im Jahr 2009 Zuflucht im Rosenheimer Frauenhaus. Im laufenden Jahr waren es bereits 45.

"Der überwiegende Teil von ihnen kommt aus dem Raum Rosenheim und Traunstein", erklärt Brigitte Steiner, Leiterin des Frauenhauses, das seit seiner Gründung im Jahr 1990 schon über 2000 Frauen geholfen hat, sich aus dem Teufelskreis körperlicher wie psychischer Gewalt zu befreien und ein neues Leben aufzubauen.

Ob Lacramioara M. und ihr Sohn Marcus noch am Leben wären, wenn sie ihren Ex-Mann, den mutmaßlichen Doppelmörder Franz Müller (48), am 30. August nicht in ihre Wohnung gelassen hätte? Details zur Biografie, zu den Gewalttaten Müllers und zur Beziehung hüten Polizei und Staatsanwaltschaft bislang wie ein Geheimnis - "aus datenschutzrechtlichen Gründen", wie es heißt.

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Fest steht aber, dass Müller vor Jahren beim Rosenheimer Familiengericht anzweifelte, der Vater von Marcus zu sein. Das Verfahren verlief jedoch im Sand, weil es der 48-Jährige nicht weiter verfolgte. Dann pochte er plötzlich auf das Sorgerecht für seinen Sohn - aber auch hier blieb es bei einem einmaligen Vorstoß, wie rumänische Bekannte des Opfers berichten.

Als sich Lacramioara M. vor Jahren von ihrem Mann scheiden ließ, blieb ein Stuhl im Rosenheimer Familiengericht leer: Zu diesem Zeitpunkt saß der Wiederholungstäter Müller, der bereits seine erste Frau Claudia halb tot geprügelt hatte, in München-Stadelheim im Gefängnis. Später kam er in die Justizvollzugsanstalt nach Bernau. Als er wieder freigelassen wurde, erwirkte Lacramioara M. ein Annäherungsverbot für ihren Ex-Mann aus Siebenbürgen, der inzwischen deutscher Staatsbürger ist.

Trotzdem, so berichten Bekannte, ließ sie ihn gelegentlich wieder in ihre Wohnung am Fuß des Brückenbergs. War das auch am 30. August der Fall oder lauerte ihr Müller im Treppenhaus auf, um Mutter und Kind in den Keller zu zerren, wo sich das grausame Drama abspielte? Niemand weiß es. Außer Zweifel steht nur, dass es sich um eine Beziehungstat handelt - verübt von einem Mann, der nicht akzeptieren wollte, dass sich seine Ex-Frau von ihm getrennt hatte. Psychiater stufen den Täter als abgestumpfte, gekränkte, dissoziale Persönlichkeit ein, die besessen von Eifersucht und Rache-Gedanken war. Ob Alkohol im Spiel war, wie in vielen anderen Beziehungstragödien, die sich in den letzten Jahren in der Region ereigneten, wird vermutlich nicht mehr zu klären sein.

rosenheim24 hat mit Brigitte Steiner, der Leiterin des Frauenhauses Rosenheim, über die Morde, das Thema häusliche Gewalt und wichtige Warnzeichen gesprochen:

Dass sich manche Frauen trotz zwischenzeitlichen Kontaktverbots von ihren gewalttätigen Männern oder Ex-Männern wieder zu einem Neuanfang oder einer Aussprache überreden lassen, kommt immer wieder vor. Eine Bewohnerin des Rosenheimer Frauenhauses berichtet: "Nachdem ich von meinem Freund geschlagen worden bin, habe ich hier zu neuem Selbstbewusstsein gefunden." Den Rat, nicht mehr zurück zu gehen, befolgte sie aber nicht. "Ich habe mir gedacht: Wir reden über alles, und dann wird es schon besser werden."

Der Fall Müller - eine Chronologie

Aber das Gegenteil war der Fall. "Ich wurde grün und blau geschlagen." Nach sechs Wochen kam sie wieder ins Frauenhaus zurück. "Ich werde mir so etwas nie mehr gefallen lassen", sagt sie. "Wenn wir Frauen in Gewaltbeziehungen bleiben, sind wir total abhängig. Wir geben uns total auf, und der Mann bettelt so lange, bis du wieder zurück gehst."

1239 Fälle von häuslicher Gewalt registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd 2009 - 120 weniger als 2008. Meist sind die Opfer die Frauen, bei jedem dritten Konflikt spielt Alkohol eine Rolle, in 30 Prozent der Fälle sind Kinder im Raum, wenn geschlagen, gedroht und genötigt wird.

Auf der Suche nach dem seit fast drei Wochen flüchtigen Franz Müller gibt es indessen weiterhin keine heiße Spur. Am Donnerstagabend, als ein Rumäne bei Heufeld in ein Maisfeld flüchtete, um sich einer Polizeikontrolle zu entziehen, sah es zunächst danach aus, dass es sich um den 48-Jährigen handeln könnte. Aber nach der Festnahme stellte sich heraus, dass es sich nicht um Müller, sondern einen 36-jährigen Mann handelte. Die Suche zog sich über zwei Stunden hin. Hubschrauber kreisten, ein Großaufgebot umstellte und durchsuchte das Feld. Sogar Bahnstrecke und Staatsstraße wurden kurz gesperrt. Warum er flüchtete und heftigsten Widerstand leistete (die spätere Überstellung in ein Klinikum wegen psychischer Auffälligkeit erforderte mehrere Begleitkräfte) ist noch nicht bekannt.

Die Soko "Hochgern" versucht indessen weiter, das soziale Umfeld Müllers zu durchleuchten. Als falsch erwies sich die Meldung, der Tatverdächtige habe öfter eine Gaststätte im Rosenheimer Ortsteil Fürstätt besucht. Richtig ist, dass er sich im Trinker-Milieu in der Innenstadt bewegte.

von Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

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