Eine beispiellose Tragödie

Rosenheim - Auch drei Wochen, nachdem Lacramioara M. (37) und ihr Sohn Marcus (3) qualvoll sterben mussten, ist der Doppelmord von Rosenheim das beherrschende Thema in der Stadt.

Tödliche Beziehungsdramen hat es in den letzten Jahren viele gegeben in der Region. Dass ein Vater, getrieben von Eifer- und Rachsucht aber nicht nur seine Ex-Frau erschlägt, sondern auch den Sohn erhängt, wie am 30. August geschehen, ist

Spurensuche: Ein Polizist im Umfeld des Tatortes Hochgernstraße.

zumindest im Raum Rosenheim beispiellos.

Der Fall Müller - eine Chronologie

Tag 1, 30. August: In diesem Wohnhaus findet die Polizei die Leichen von Lacramioara M. und ihrem dreijährigen Sohn Marcus . Zuvor war bei der Polizei ein Notruf einer Anwohnerin eingegangen. © Reisner
Seit Montag wird der dringend tatverdächtige Franz Müller, Ex-Ehemann des Opfers, von der Polizei gesucht. © Polizei
Tag 1, 30. August: Die Polizei versiegelt den Tatort. © tj
Tag 2, 31. August: Eine Freundin des Opfers beschreibt Franz Müller als gewalttätigen Menschen. © cs
Tag 2, 31. August: Die Polizei richtet die Soko "Hochgern" mit 25 Mitarbeitern ein. © cs
Tag 2, 31. August: Die Polizei sucht die Umgebung des Tatorts nach Spuren ab. © cs
Tag 3, 1. September: Die Polizei startet eine Plakataktion im Stadtgebiet, um den Fahndungsdruck zu erhöhen. © cs
Tag 3, 1. September: Hinweise aus der Bevölkerung gehen ein, es wird eine Kleingartenanlage durchsucht. © Reisner
Tag 4, 2. September: Die Suche nach Franz Müller läuft auf Hochtouren - hier in der Umgebung seiner Wohnung.
Tag 5, 3. September: Die Polizei durchsucht das Areal des Rosenheimer REAL-Marktes sowie das Umfeld im südlichen Stadtbereich. © Reisner
Tag 5, 3. September: Ein Waldstück in der Aisingerwies wird durchsucht - ohne Erfolg. © Reisner
Tag 6, 4. September: Die Fahndungsplakate werden erneuert und ausgetauscht; 3.000 Flugblätter werden verteilt. © Polizei
Tag 7, 5. September: Die Polizei schließt den Selbstmord von Franz Müller nicht mehr aus. © Polizei.
Tag 8, 6. September: Die Suche in der Pürstlingstraße. © Eß
Tag 8, 6. September: Die Schlößlstraße zwischen Rosenheim und Großkarolinenfeld wird per Helikopter abgesucht. © Eß
Vor dem Wohnhaus stehen Kerzen und Stofftiere zum Gedenken an die Toten. © Eß
Tag 11, 9. September: Seit elf Tagen suchen Beamte im Großraum Rosenheim nach Franz Müller. © Kartographischer Verlag Huber und Suererer
Aufruf der Polizei an die Bevölkerung: Wer kennt den mutmaßlichen Doppelmörder von früher? © Polizei
Tag 16, 14. September: Die Polizei gibt ein Vergleichsbild von Franz Müllers Tätowierung heraus. © Polizei
Ganzkörperbild des Tatverdächtigen aus diesem Sommer © Polizei
Die Kripo Rosenheim sucht mit Hilfe des ZDF in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" nach Franz Müller. © dpa
Dienstag, 21. September 2010: Zwischen 19 und 20 Uhr birgt die Polizei in einem Schuppen in der Äußeren Münchener Straße eine Leiche. Der Mann hatte sich erhängt. Schnell taucht die Vermutung auf, dass es sich bei dem Toten um Franz Müller handeln könnte. © Reisner
Mittwoch, 22. September 2010: Ein Obduktion soll die Identität des gefundenen Toten endgültig klären. Nach Informationen des OVB hat jedoch schon ein erster Fingerabdruck-Abgleich ergeben: Der Tote ist Franz Müller. © Barth

Der grausame Doppelmord in der Hochgernstraße weckt Erinnerungen an weitere furchtbare Tragödien, die auf Beziehungskrisen und Trennungen zurückzuführen sind. Ein Blick zurück auf Bluttaten, die in den letzten zehn Jahren Trauer und Fassungslosigkeit im Raum Rosenheim und im Chiemgau auslösten, zeigt: Neben der abscheulichen Brutalität, mit der Mutter und Kind ermordet wurden, gibt es noch eine weitere Besonderheit des Doppelmordes in der Hochgernstraße: Während die Ermittler die Täter ansonsten rasch gefasst hatten (manchmal bereiteten sie ihrem Leben auch selbst ein Ende), sucht die Soko "Hochgern" im aktuellen Fall nun schon seit drei Wochen nach dem mutmaßlichen Doppelmörder Franz Müller (48), den Ex-Mann von Lacramioara M. und Vater von Marcus.

Die erschütterndsten Beziehungs-Bluttaten der zehn letzten Jahre in der Region:

Mit Brauseschlauch erwürgt

November 2009: Ein Tunesier (22) erwürgt in Rosenheim seine Freundin an deren 25. Geburtstag mit einem Brauseschlauch.

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Motiv: krankhafte Eifersucht. Er wurde vergangene Woche wegen Totschlags zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

Messerstich im Wodka-Rausch

Juni 2009: Eine 44-jährige Rosenheimerin würgt im Wodka-Rausch ihren 41-jährigen Saufkumpan und sticht ihm ein Messer in den Oberschenkel. Der Mann verblutet. Tatort: Die Küche ihrer Wohnung in Rosenheim-Kastenau. Das Urteil: Sechseinhalb Jahre Haft für die alkoholkranke Frau.

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Furchtbare Bluttat in Rimsting

Dezember 2009: Aus Eifersucht ersticht ein Pakistani (37) seine Frau (46) in deren Wohnung in Rimsting. Der Täter ruft selbst die Polizei, gesteht und lässt sich widerstandslos festnehmen. Das Opfer wies eine Vielzahl von Stichen auf. Das Motiv: Eifersucht. Kurz vorher hatte sich die Frau von ihm getrennt und war in eine eigene Wohnung gezogen.

Fast zu Tode gewürgt

Juni 2009: In Übersee endet eine Trennung fast tödlich. Als die junge Frau (25) ihren Freund (34) bittet, endlich aus der Wohnung auszuziehen, würgt er sie bis zur Bewusstlosigkeit und flüchtet nach Thailand. Die 25-Jährige überlebt. Der Mechaniker, 1989 aus Mecklenburg-Vorpommern in den Westen gezogen, wird wenige Tage später am Flughafen festgenommen und muss wegen gefährlicher Körperverletzung für fast vier Jahre hinter Gitter.

Eine Frau sticht zu

Januar 2009: Stark angetrunken (mit über zwei Promille) rammt eine 31-jährige Frau in Rosenheim ihrem ebenfalls alkoholkranken Ex-Freund (41) ein Messer in die Schulter. Das Gericht bejaht eine bedingte Tötungsabsicht und verhängt eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren.

Viel Alkohol im Spiel

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September 2008: Er war der "beste Freund" des Täters. Dennoch wurde ein Russlanddeutscher (43) in seiner Rosenheimer Wohnung von einem Landsmann (42) erschlagen und erwürgt. Der 42-Jährige wird zu acht Jahren Gefängnis wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Opfer (3,3 Promille) und Täter hatten sich mit Wodka betrunken.

Tödliches Drama unter Frauen

September 2007: Bei einem Streit im Schlafzimmer erstickt eine 34-jährige Frau in Bernau ihre 30-jährige Lebensgefährtin, eine Rosenheimerin, mit einem Kopfkissen. Auch hier war viel Alkohol im Spiel. Das Urteil: Fünf Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Todessturz vom achten Stock

Juni 2007: Eine Schottin (48) stürzt ihren englischen Lebensgefährten (49) vom achten Stock eines Wohnblocks in der Rosenheimer Salinstraße in die Tiefe - so das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen, das sich auch auf Geständnisse stützt. Der Brite ist sofort tot. Im Prozess jedoch wird die vermeintliche Täterin (sie war wie ihr Freund stark angetrunken) vom Mordvorwurf freigesprochen.

Ingenieur tötet Lehrerin

Mai 2007: Zwei Tote sind bei einer Familientragödie in Rosenheim zu beklagen. Ein Elektro-Ingenieur ersticht seine Ehefrau (32), eine Grundschullehrerin in Großkarolinenfeld, mit einem Küchenmesser. Dann fährt er nach Rheinland-Pfalz und erschießt sich mit einer Pistole auf einem Parkplatz.

"Große Liebe" endet tragisch

März 2007: In Edling endet eine "große Liebe" mit dem Tod. Ein 37-jähriger Diplom-Kaufmann erschlägt seine Frau, eine 36-jährige Chefsekretärin, und täuscht danach einen Raubüberfall vor. Voraus ging ein "schon länger ambivalentes und zwiespältiges Verhältnis", so der Richter. Der Täter muss für sieben Jahre ins Gefängnis.

Tödliche Schüsse in Flintsbach

Mai 2006: In Flintsbach erschießt ein 42-jähriger Mann nach einer Beziehungskrise seine Freundin (36) in der gemeinsamen Wohnung und erschießt sich dann selbst.

Lebenslang für Doppelmörder

Juni 2005: Ein grausamer Doppelmord erschüttert München und den Chiemgau. Ein Kroate (22) ersticht seine Ex-Freundin, eine Münchner Kosmetikschülerin (20) und deren gleichaltrige Freundin in Neuperlach. Zusammen mit seinem Vater zerstückelt er die Leichen, packt sie in Plastiktüten und wirft sie bei Ruhpolding aus dem fahrenden Auto. Das Mordmotiv ist Eifersucht. Der Täter wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Blutbad von Neubeuern

April 2001: In Neubeuern richtet ein Kosovo-Albaner (33) ein entsetzliches Blutbad an: Er fährt mit dem Taxi zur Firma seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau (34), schießt auf drei Menschen und richtet die Tatwaffe, einen Revolver, dann auf sich selbst. Der Firmenchef und die Frau des Schützen überleben, ihre Freundin (32) erliegt Stunden später ihren schweren Kopfverletzungen. Der Todesschütze stirbt noch am Tatort. Der Amokläufer hatte seiner Frau zuvor das Leben zur Hölle gemacht, ihr immer wieder aufgelauert und Morddrohungen ausgestoßen.

Oberbayerisches Volksblatt

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