Im Februar 2013 trat er zurück

Benedikt XVI. "bereitet sich auf den Tod vor"

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Papst Benedikt bei einer Messe in Erfurt. Sein Privatsekretär Georg Gänswein sagt, der emeritierte Papst bereite sich auf den Tod vor.

München - Die Wahl von Papst Benedikt zum ersten deutschen Papst seit Jahrhunderten hat erst elektrisiert, dann so manchen enttäuscht. Heute geht der emeritierte Papst gerne spazieren - und denkt an den Tod.

War es wirklich weißer oder doch schwarzer Rauch, der da aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle kam? Nach hektischem Rätseln war an jenem 19. April vor nun fast zehn Jahren klar: Der Rauch war weiß, es gab einen neuen Papst. Und dieser hieß zur Überraschung vieler: Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.

Nach etwa 480 Jahren stellte Deutschland wieder einen Pontifex. Aus anfänglicher Skepsis wurde Euphorie („Wir sind Papst“), über die sich dann doch bald ein Schatten legte. Ausgelöst einerseits durch Benedikts konservative Linie, durch Kommunikationspannen des Vatikans und durch Krisen, die die katholische Kirche als Ganzes erschütterten.

Schwer wog die Last des Amtes auf den Schultern des Mannes aus Bayern, der schon Jahrzehnte vor seiner Papstwahl als Kardinal Ratzinger im Vatikan als Präfekt der Glaubenskongregation hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hielt. Zu schwer. Nach fast acht Jahren, im Februar 2013, traf die Welt die Sensation völlig unvorbereitet: Papst Benedikt tritt zurück. Ein Rücktritt eines Papstes - so etwas gab es seit mehr als 700 Jahren nicht mehr.

Bis heute wird spekuliert, was der Grund war. Waren es wirklich die Gebrechen des Alters, die fehlende Kraft, solch ein strapazierendes und verantwortungsvolles Amt auszuführen? Oder war es der Vatileaks-Skandal um gestohlene Dokumenten und Enthüllungen über Intrigen im Vatikan? Fest steht, dass man dem damals 85-Jährigen die Mühen am Ende deutlich ansah, dass sein Körper schwach wurde.

Eine Popularität wie sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. konnte Benedikt nie erreichen, zuwider war dem Theologie-Professor der Medienhype. „Die Wahl des Nachfolgers des großen Johannes Paul II. musste wirken wie eine einzige Provokation....Der angeblich so scheue Intellektuelle auf dem Stuhl des Menschenfischers? Und dann auch noch jemand aus dem Land der Kirchenspaltung und des Naziterrors?“, schreibt dazu Benedikt-Biograf Peter Seewald.

Und auch die Spontanität und Offenheit seines Nachfolgers Franziskus fehlten dem Mann aus Marktl am Inn (Landkreis Altötting). Doch selbst seine Kritiker mussten einräumen, dass dem früheren Erzbischof von München und Freising intellektuell niemand das Wasser reichen konnte.

Die Gräben zwischen ihm und vielen Gläubigen wurden jedoch immer tiefer. Der Missbrauchsskandal, in den katholische Einrichtungen auf der ganzen Welt und auch in Benedikts Heimat verwickelt waren, erschütterte die Kirche bis ins Mark. Benedikt wurde vorgeworfen, trotz seiner „Null-Toleranz“-Politik gegenüber Missbrauch nicht genug zu unternehmen.

Und sein Zugehen auf die erzkonservativen Pius-Brüder mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson löste Bestürzung aus. Hinzu kam die generelle Unzufriedenheit, dass Benedikt die für viele Menschen veraltete Sexualmoral der katholischen Kirche nicht aufbrechen wollte - oder konnte.

Heute lebt er als emeritierter Papst - so sein offizieller Titel, auch wenn er lieber „Vater Benedikt“ oder „Padre Benedetto“ genannt werden möchte - im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan, wenige Schritte von der Wohnung seines Nachfolgers Franziskus entfernt. Am Donnerstag steht sein 88. Geburtstag an, zu dem auch sein Bruder Georg mit bayerischen Geschenken anreiste.

„Es geht ihm gut für sein Alter“, sagte sein Privatsekretär Georg Gänswein Anfang des Jahres italienischen Medien. Er gehe spazieren („auf Anraten der Ärzte mit Rollator“), bete, beantworte Briefe, spiele gerne Klavier, am liebsten Mozart, und schaue abends italienische Fernsehnachrichten an. „Sein Kopf funktioniert bestens, sein Gedächtnis ist ausgezeichnet.“

Zwar keimen immer wieder Debatten auf, Benedikt sei wie ein „Schattenpapst“ im Vatikan. Befeuert wurde die Diskussion im vergangenen Winter durch eine Neuauflage der „Gesammelten Schriften“ von Benedikt. Sie enthält einen aktualisierten Aufsatz aus dem Jahr 1972, in dem es um den Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen geht - ein durch die Familiensynode im Vatikan aktuelles und brisantes Thema, das Franziskus besonders am Herzen liegt.

Benedikt nennt die Debatte „völligen Unsinn“. „Ich versuche, so still zu sein wie nur möglich“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor einigen Monaten. Er wolle seinen Nachfolger nicht in den Schatten stellen, der „doch von so starker Präsenz ist, wie ich es selbst körperlich und psychisch bei meinen schwachen Kräften nie sein konnte“. In einem aktuellen Interview kurz vor Ratzingers Geburtstag sagte Gänswein: „Er denkt an den Tod und bereitet sich auf den Tod vor.“ Für einen Mann seines Alters sei das ganz normal.

dpa

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