Mühldorf

Fachärzte wollen weiter streiken

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Auch heute bleiben zahlreiche Praxen geschlossen. Am gestrigen Vormittag informierten die Mediziner auf dem Mühldorfer Bauernmarkt.

Wie viele Facharzt-Praxen am heutigen Freitag genau geschlossen sind, kann Internist und Kardiologe Dr. Martin Prohaska nicht sagen: "Wir haben dieses Mal keine Erhebung gemacht. Zuletzt waren an den Streiktagen zwischen 72 und 88 Prozent der Facharzt-Praxen in den Landkreisen Mühldorf und Altötting zu." Auch die Fachärzte im Landkreis Rottal-Inn haben sich dem Protest inzwischen angeschlossen.

Süßigkeiten für die Kleinen, Fragebögen für die Erwachsenen: Dr. Martin Prohaska mit Angestellten seiner Praxis bei der Auswertung der Umfrage am Mühldorfer Stadtplatz. Foto ha

Fest steht: Es wird heute nicht der letzte Streiktag der Fachärzte sein. "Ganz sicher werden wir vor den Europawahlen noch einmal die Praxen schließen. Dann vielleicht sogar auf unbestimmte Zeit", gibt sich der Mühldorfer Chirurg Dr. Wolf-Andreas Roßberg kämpferisch. Es gelte die Öffentlichkeit weiter darüber zu informieren, was sich gerade abspielt im Gesundheitssystem, im undurchschaubaren Geflecht aus Honoraren, Budgets, Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und - nicht zuletzt - der Politik. "Die Zeit drängt. Es muss schnell etwas passieren", sagt Roßberg. "Sonst werden zahlreiche Fachärzte dieses Jahr ihre Praxen schließen."

Gestern Vormittag machten die Mediziner und ihre Angestellten auf dem Mühldorfer Bauernmarkt mobil, diskutierten mit Passanten und führten unter 236 Patienten eine Umfrage durch. Diese äußerten sich zu Wartezeiten, freier Arztwahl, Entfernungen und der künftigen Form der Facharztversorgung.

Ein repräsentatives Ergebnis liefert die Umfrage nicht, laut Prohaska lassen sich aber durchaus Wünsche und Ängste der Patienten ablesen. Außerdem werde deutlich, wie groß in manchen Bereichen nach wie vor die Unwissenheit sei. So haben zum Beispiel 52 Befragte angekreuzt, dass sich die Honorierung nach der Qualität der ärztlichen Leistung richtet. "Leider falsch", kommentiert Prohaska.

Noch wissen die Fachärzte nicht, wie ihre Abrechnung im ersten Quartal 2009 ausfällt. "Die genauen Zahlen werden wir erst am Ende des zweiten Quartals kennen", erklärte Prohaska. Doch für seinen Kollegen Roßberg steht aufgrund der bekannten Eckdaten außer Frage, dass sich so in Zukunft nicht betriebswirtschaftlich arbeiten lässt.

Außerdem gehe es bei den Protesten nicht um einen höheren Verdienst der Fachärzte, sondern um die Kritik am System an sich. "Die Merkantilisierung der Medizin in dieser Form ist der Anfang vom Ende", sagt Roßberg. Die Gesundheitsreform zielt seiner Meinung nach ganz bewusst darauf ab, die Ausweitung der ärztlichen Leistung zu verhindern. Unausgegoren sei sie gewesen, vom ersten Tag an. "Das ist, wie wenn man sich ein Auto kauft und nicht einmal weiß, ob vier Räder dran sind."

Dabei gäbe es genügend erfolgversprechende Ideen: "Warum hat es für die Reform keine Pilotphase gegeben?", fragt Roßberg. "Und warum führt man auf Medikamente keine reduzierte Mehrwertsteuer ein wie auf Hundefutter?", fragt Prohaska.

Die Frage nach der Verantwortung für die Misere im Gesundheitswesen stellen die beiden am gestrigen Nachmittag im Haus der Begegnung nicht. "Es spielt keine Rolle mehr, wie viel Schuld Ulla Schmidt oder die Kassenärztliche Vereinigung trifft", sagt Roßberg. "Unser Ziel muss es sein, Veränderungen herbeizuführen. Und zwar solche, die nicht erst in einem Jahr greifen." ha

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