Staatsanwalt lässt Mordanklage fallen

Fall Peggy: Ulvi K. wünscht sich, dass sie noch lebt

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Im Prozess um die seit 13 Jahren spurlos verschwundene Peggy hat die Staatsanwaltschaft ihre Mordanklage gegen den geistig Behinderten Ulvi K. fallen lassen.

Bayreuth - Im Prozess um die seit 13 Jahren spurlos verschwundene Peggy hat die Staatsanwaltschaft ihre Mordanklage gegen den geistig Behinderten Ulvi K. fallen lassen.

Im neu aufgerollten Prozess um die seit 13 Jahren spurlos verschwundene Peggy aus Oberfranken hat die Staatsanwaltschaft ihre Mordanklage gegen den geistig behinderten Ulvi K. fallen lassen. Die Vertreterin der Anklagebehörde plädierte am Dienstag vor dem Landgericht Bayreuth auf Freispruch. Verteidiger Michael Euler beantragte ebenfalls, seinen Mandanten freizusprechen. Das Urteil wird die Strafkammer an diesem Mittwoch (10 Uhr) bekanntgeben.

„Wir haben letztendlich nur das damalige Geständnis des Angeklagten. Wenn dieses aber möglicherweise falsch war, dann muss gelten: Im Zweifel für den Angeklagten“, sagte Staatsanwältin Sandra Staade am siebten Verhandlungstag. In seinem Schlusswort sagte Ulvi K.: „Ich hab' die Peggy nicht umgebracht. Mein Wunsch ist, dass sie noch lebend gefunden wird.“

Die damals neun Jahre alte Peggy wird seit dem 7. Mai 2001 vermisst, ihre Leiche wurde nie gefunden. Als ihr Mörder wurde Ulvi K. im April 2004 in einem Indizienprozess zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Landgericht Hof sah es damals als erwiesen an, dass Ulvi K. die kleine Peggy tötete, um einen einige Tage vorher an ihr begangenen sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Ulvi K. hatte die Tat im Juli 2002 gestanden, einige Monate später aber widerrufen.

In dem neuen Prozess ging es vor allem um die Frage, wie glaubhaft sein damaliges Geständnis war - es ähnelte der vermuteten Tatversion der Polizei auffällig. Das wurde aber erst später bekannt. Genau deswegen wird der Fall neu verhandelt.

Ein psychiatrischer Gutachter hielt es - anders als vor zehn Jahren - für „wissenschaftlich denkmöglich“, Ulvi K. könne sich das Geständnis auch ausgedacht haben. „Ein mit hoher Wahrscheinlichkeit richtiges, aber nicht ausschließbar falsches Geständnis kann nicht Grundlage für eine Verurteilung sein“, betonte Staatsanwältin Staade.

Verteidiger Euler sah das Geständnis aus drei Gründen als „eindeutig widerlegt“: Zeugen hätten Peggy auch noch nach dem von der Polizei vermuteten Todeszeitpunkt in ihrem Heimatort Lichtenberg gesehen. Die Angaben seines Mandanten seien zudem höchst widersprüchlich gewesen und ihm zum Teil von der Polizei suggeriert worden. Der sexuelle Missbrauch Peggys durch Ulvi K. habe außerdem nie stattgefunden. „Dafür gibt es auch keinerlei Beweise.“

Staatsanwältin Staade bezeichnete den Missbrauch dagegen als unstrittig. Ulvi K. habe mehrfach und konstant wiederholt, Sexverkehr mit Peggy gehabt zu haben. Erst im Wiederaufnahmeverfahren habe er den Missbrauch dann über seinen Verteidiger plötzlich abgestritten.

Nebenklage stellt keine Forderungen

Staade wies zugleich Kritik an der Arbeit der Ermittler zurück: „Es ist nicht so, wie oft behauptet wurde, dass sich die Polizei einen Dorfdeppen gesucht hat.“ Es habe gute Gründe gegeben, Ulvi K. unter Tatverdacht zu stellen. „Fakt ist, dass der Angeklagte bereits gegenüber kleinen Jungs körperlich übergriffig geworden ist“, erklärte Staade. In Einzelfällen habe er Gewalt angewandt. Ulvi K. befindet sich wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern seit 2001 in einem psychiatrischen Krankenhaus. Die Haftstrafe wegen des Mordes an Peggy hatte er noch nicht angetreten.

Die Nebenklage stellte keine eigene Forderung. Die Anwältin von Peggys Mutter sagte: „Meine Mandantin hofft, dass mit Abschluss des Verfahrens die Verdächtigungen und Verleumdungen gegen sie aufhören werden.“ Ihr sei sogar vorgeworfen worden, ein Kinderbordell betrieben zu haben. Verteidiger Euler hatte die 41 Jahre alte Frau aus Halle in Sachsen-Anhalt während des Prozesses mehrmals zum Kreis der Tatverdächtigen gezählt.

„Ohne Vorliegen eines einzigen Beweises wurden andere Tatverdächtige von den Ermittlern ausgeblendet“, kritisierte Euler in seinem Plädoyer. Nach 13 Jahren sei es nun nahezu unmöglich, „einen der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands“ aufzuklären.

"Verteidigung hat fast alles richtig gemacht"

Verteidiger Michael Euler lobte die Arbeit der ersten Soko, die das Verschwinden des Mädchens aufklären sollte. „Die hat fast alles richtig gemacht.“ Die Einheit stellte Anfang 2002 ihre Arbeit ergebnislos ein. Einen Täter konnte sie nicht überführen. Die Soko „Peggy 2“ präsentierte dann im Herbst 2002 Ulvi K. als Mörder von Peggy. Euler sprach von dürftiger Ermittlungsarbeit. Die Polizei habe zweifelhaften Zeugen vertraut. Euler rief einen wichtigen Belastungszeugen des ersten Prozesses in Erinnerung. Der Mann, der sich in der gleichen pychiatrischen Einrichtung wie Ulvi K. befand, hatte damals angegeben, Ulvi K. habe ihm die Tat gestanden. Jahre später räumte der Mann ein, eine Falschaussage gemacht zu haben - auch dies führte zur Wiederaufnahme des Verfahrens.

„Ohne Vorliegen eines einzigen Beweises wurden andere Tatverdächtige ausgeblendet“, kritisierte Euler. Nach 13 Jahren sei es nun nahezu unmöglich, „einen der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands“ noch aufzuklären.

Mit dem Urteil wird früher als erwartet gerechnet.

dpa

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