Vermeidbares Drama

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Ebersberg - Inmitten der Gaudi hat Seppi H. sein junges Leben verloren. Ein Traktor hatte ihn am Faschingsdienstag 2009 überrollt. Der Fahrer wurde nun vor dem Ebersberger Amtsgericht verurteilt.

Die Bilder von seinem und Seppis Unglückstag sieht Christoph S. (Name von Redaktion geändert) jeden Abend. Er sieht Seppi mit seinen weißen Turnschuhen auf der Straße stehen, sieht ihn unter dem Vorderreifen liegen. Und jeden Abend fragt er sich: „Was hat ihn dazu bewegt, vor den Schlepper zu springen?“

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Diese Frage wurde auf dem Ebersberger Amtsgericht aufgerollt. Dort verurteilte Richter Peter Hayler den 28-jährigen Frauenneuhartinger Christoph S. wegen fahrlässiger Tötung zu 100 Tagessätzen à 60 Euro und einem einmonatigen Fahrverbot. Denn er saß am Steuer, als der 21-jährige Seppi H. aus Hof (Gemeinde Pfaffing) inmitten der Gaudi nahe Tulling von einem Traktor überrollt wurde. Von dem Traktor, der am 24. Februar 2009, am, den Wagen des Jakobneuhartinger Burschenvereins zog.

Das Drama beginnt auf einem Faschingszug in Haag. Susanne J. (Name von Redaktion geändert), Seppis Freundin, wird von einem der Jakobneuhartinger Burschen angetanzt. „Seppi war sehr eifersüchtig“, sagte die Freundin auf der Zeugenbank. Er weiß auch, dass ihr Ex-Freund auf dem Anhänger mitfeiert. „Er wollte die Sache regeln und den Wagen stoppen.“ Plötzlich steht der Audi am Straßenrand und Seppi wirft mit einem Schneeball nach dem Anhänger. Aber das Gespann fährt weiter, der Audi hinterher und Seppi surft ein Stück auf der Motorhaube mit, vom Anhänger fliegen Bierflaschen. Am Steuer des Audis sitzt Seppis Freundin, die den Traktor überholt und anhält. Seppi steigt aus, stellt sich an den Straßenrand. Dann scheiden sich die Geister: „Er hat mit beiden Händen gewunken“, sagte eine Zeugin. „Er hat einen Hampelmann gemacht“, so eine weitere Zeugin. Der Angeklagte selbst hatte Seppis Zeichen, nicht bemerkt. „Auf einmal ist er auf den Schlepper zu gesprungen“, so seine Version. Er legt sofort eine Vollbremsung ein, weicht aus – aber es ist zu spät. Seppi wird von dem Traktor überrollt. Er stirbt. „Am liebsten wäre ich selber drunter gelegen“, sagte der Fahrer vor Gericht, die Tränen in den Augen. „Mit tut das so leid, ich würde es mit meinem Leben bezahlen“, entschuldigte er sich bei den Angehörigen, die völlig aufgelöst im vollbesetzten Sitzungssaal saßen. Alkohol hatte er nicht getrunken, Seppi hatte 1,75 Promille im Blut.

Trotzdem: Er hatte seine Sorgfaltspflicht verletzt. Die Bremsen des Anhängers waren defekt, das Profil der Reifen stark abgetragen, lautete das Gutachten des Sachverständigers. Zudem sei der Fahrer mit 46 km/h gefahren. Er habe damit die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h überschritten. Wäre die Geschwindigkeit eingehalten worden und wären die Mängel nicht gewesen, so sei der Unfall vermeidbar gewesen.

Christoph S. wirkte zermürbt: „Ich habe viel durchgemacht. Kurz vor dem Unfall starb mein Vater.“ Er habe den Kontakt zu Freunden reduziert. Dann kam der Tag, an dem er gefragt wurde, ob er den Wagen fahren möchte. „Damit ich mit meinem Leben wieder was anfangen konnte, stimmte ich zu.“ Das war der Tag, der sein Leben zerstörte.

Marlene Kadach (Oberbayerisches Volksblatt)

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