Chemieunfall: Nicht alles bekanntgegeben?

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Dr. Manfred Holzner: "Nach meinem letzten Kenntnisstand hat die Feuerwehr knapp zwölf Tonnen toter Fische eingesammelt."

Burgkirchen - Nach dem Chemieunfall an der Alz erhebt der Vorsitzende des Bezirksfischereivereins schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen und die Behörden:

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Es ist das schlimmste Fischsterben, das es in der Alz seit 30 Jahre gegeben hat. Nach dem Chemieunfall am 6. März zog die Feuerwehr auf 15 Kilometern tonnenweise Tierkadaver aus dem Fluss. Als Vorsitzender des Bezirksfischereivereins Mühldor-Altötting und in seiner Eigenschaft als gewässerökologischer Gutachter kennt Dr. Manfred Holzner das Gewässer. Im Interview mit dem Mühldorfer Anzeiger zieht er eine traurige Bilanz – und fordert Konsequenzen.

Drei Wochen sind seit dem Unfall vergangen: Welchen Eindruck macht die Alz in dem betroffenen Abschnitt auf Sie?

Dr. Manfred Holzner: Es ist ein paar Tage her, dass ich zuletzt vor Ort war. Aber ich stehe mit dem dortigen Fischereirechteinhaber ständig in Kontakt und informiere mich über die Wasserstände. Im Augenblick hat die Alz Überwasser und ist leicht trüb. Da sieht man nicht viel. Oder anders ausgedrückt: Das wahre Ausmaß verschwindet unter der Oberfläche.

Und wie beurteilen Sie das wahre Ausmaß?

Natürlich ist das eine Katastrophe, keine Frage. Nach meinem letzten Kenntnisstand hat die Feuerwehr knapp zwölf Tonnen toter Fische eingesammelt. Die zahllosen Klein- und Jungfische bis zu einer Größe von zehn Zentimetern sind da noch nicht einmal dabei. Lässt man die Zahl alleine stehen, muss man leider davon ausgehen, dass zuvor schon viele Fische zum Ablaichen aus dem Unterlauf des Inns in die Alz eingewandert waren. Wenn wir Glück haben, kommen in den nächsten Wochen noch ein paar nach.

Das Fischsterben:

Fische verenden immer noch in der Alz

Besteht für diese Fische noch eine akute Gefahr?

Ich bin kein Chemiker und muss mich in dieser Frage vor allem auf die Aussagen aus dem Werk Gendorf verlassen, wonach sich der Giftstoff (Genamin LA 302 D, d. Red.) relativ schnell abbaut. Demnach dürfte gerade angesichts des momentanen Wasserstands kein akutes Risiko mehr bestehen. Weder für die Organismen, die von oben nachkommen, noch für die Fische, die zum Ablaichen aus dem Inn heraufkommen.

Sehen Sie Auswirkungen auf den Inn?

Was den Giftstoff betrifft: nein. Dafür sorgen schon die unterschiedlichen Wassermengen: Die Alz führt derzeit rund fünf Kubikmeter pro Sekunde, der Inn 200. Was den Fischbestand anbelangt, sieht die Sache natürlich anders aus: Die Alz fällt als eines der wichtigsten Laichgebiete für den Inn erst einmal weg. Vom ausbleibenden Nachwuchs in diesem Jahr ganz zu schweigen. Und der Tod von so vielen Muttertieren wird sich natürlich auch bemerkbar machen.

In erster Linie wird immer über die Fische gesprochen. Was ist mit den anderen Lebewesen? Oder mit den Pflanzen?

Zum Thema:

Die Kleinlebewesen haben zu einem Großteil die Einleitung ebenfalls nicht überlebt. Damit fehlt wiederum die Nahrungsbasis. Die Fische, die einwandern, werden den Gürtel also enger schnallen müssen. Und so wie ich die Alz in den Tagen nach dem Unglück erlebt habe, haben wahrscheinlich selbst die Algen Schäden davon getragen. Die waren nicht mehr grün, sondern eher grau und schlazig. Und wenn man gesehen hat, was der Stoff an der Hautoberfläche der toten Fische angerichtet hat, dann muss man vielleicht sogar froh sein, dass der Unfall nicht an einem heißen Juli-Tag passiert ist.

Inwiefern?

Ich will den Teufel ja nicht an die Wand malen: Aber die Alz wird auch in der Freizeit genutzt und es spielen immer wieder Kinder am Wasser. Und das Zeug sollte sicher niemand in die Augen bekommen. Um so dringender ist eine lückenlose Aufklärung, damit so etwas nicht noch einmal geschehen kann.

Haben Sie das Gefühl, dass sich dabei alle Beteiligten die größte Mühe geben?

Wenn ich ehrlich bin, beunruhigt mich die Art und Weise, wie das in den letzten Wochen abgelaufen ist, schon. Da wird mit derart gefährlichen Stoffen hantiert und dann dauert es Tage, bis angeblich klar ist, wie das Gift überhaupt in dieser Menge in die Alz gelangen konnte. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass hier bis ins Detail schon alles bekannt ist oder bekannt gemacht wurde.

Die Pressekonferenz:

Fischsterben in der Alz - Pressekonferenz

Was kann man im Augenblick unternehmen?

Nichts, was lebende Organismen in irgendeiner Form betrifft. Da heißt es abwarten. In meinen Augen geht es aber nicht nur darum, möglichst schnell die Schäden zu beseitigen, sondern es ist an der Zeit, dass sich alle Beteiligten endlich der Verantwortung für diesen Fluss stellen. An der gesamten Alz nutzt die Industrie das Wasser zum Kühlen oder auch zur Stromerzeugung aus Wasserkraft, die Kommunen für ihre Vorfluter bei den Kläranlagen. Das geht eben nicht alles zum Nulltarif. Man muss dem Fluss in erster Linie die Strukturen zurückgeben, die er in den letzten Jahrzehnten verloren hat, um wieder eine breite Besiedelung der Alz zu ermöglichen. Das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt. Auch wenn man sagen muss, dass sich in puncto Wassserqualität in den letzten 20 Jahren schon enorm viel verbessert hat. Auch das ist ein Teil dieser Tragödie.

Der Brand im Werk:

Brand in Gendorf

Wie lange wird es dauern, bis die Alz den Status Quo erreicht hat, den sie vor dem Unfall hatte?

Wenn man davon ausgeht, dass eine Nase im bestern Laichalter zwischen sieben und zehn Jahre alt ist und eine Barbe zwischen 13 und 17 Jahre hat, dann sieht man schon, dass hier mit Sicherheit nichts von heute auf morgen zu retten ist. Und über all die Arten, die auf der roten Liste stehen, wie Schmerle, Elritze oder Mühlkoppe darf man gar nicht erst nachdenken. Die kommen erst wieder, wenn die Voraussetzungen wirklich gut sind.

ha/Mühldorfer Anzeiger

Die Polizei im Interview:

Quelle: innsalzach24.de

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