„Forrest Gump“ landauf, landab

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Rainer Hoffmann und sein 160 Kilogramm schwerer Ziehwagen.

Berchtesgaden – Das bürgerliche Leben ließ er hinter sich. Seit neun Jahren ist er, der deutsche „Forrest Gump“, jetzt mit seinem Bollerwagen unterwegs - auch in der Region.

Quer durch Dänemark, durch Norwegen, durch Deutschland. Seit neun Jahren und exakt 22.530 Kilometern. Sein Distanzmesser spuckt diese Zahl aus. Rainer Hoffmann kämpft für härtere Gesetze gegen Kindesmissbrauch, er sammelt Unterschriften, besucht Bürgermeister und Polizeistationen. Ernst genommen wird er dabei oft nicht. Nun machte er Station in Berchtesgaden, sein nächstes großes Ziel ist Rom, der Papst.

Für verschärfte Gesetze gegen Kindesmissbrauch kämpft der gebürtige Hamburger. 22.530 Kilometer weit ist Rainer Hoffmann marschiert. 500.000 Unterschriften sind sein Ziel.

Rainer Hoffmann ist ein hagerer Mann, gezeichnet von seiner Mission. Er trägt ein braunes T-Shirt. In blauen Lettern steht dort: „Über 20.000 km per Fuß gegen Sexualverbrechen an Kindern!“ Er spricht mit lauter Stimme, wenn er das Thema „Kindesmissbrauch“, sein Thema, anschneidet. In seinem Umkreis wurde ein Kind zum Opfer. „Und die Politik tut einfach nichts“, sagt er. Seinen Bollerwagen zieht er hinter sich her, 160 Kilogramm schwer.

Schon einige Male haben Jugendliche die Plastikreifen des Ziehwagens aufgeschlitzt. Aufhalten konnte den Rainer aber keiner. Er schläft in seinem mobilen Bett. Es ist Archiv und Lebensmittelkammer zugleich. Alle Unterschriften, die er auf seiner Mission bislang sammeln konnte, führt er mit sich.

„Mit 60 Euro im Monat komme ich aus“, sagt der gebürtige Hamburger, gelernter Orthopädieschuhmacher, der kein Hartz IV empfängt, nicht versichert ist. „Wenn mir gesundheitlich etwas passiert, regelt das die Natur“, sagt er nüchtern. Nur ein Handy führt er mit – falls er mal wieder von Jugendlichen attackiert wird, möchte er sicher gehen, im Notfall die Polizei rufen zu können.

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Auf seiner Reise hat er in den letzten neun Jahren über 20 Paar Schuhe durchgelaufen. Seine Hände zieren dicke Schwielen. Vom Ziehen des Wagens. Für so manchen ist Rainer Hoffmann nichts weiter als ein „Landstreicher“. Man schenkt ihm konsequente Nicht-Beachtung. Das rührt vielleicht daher, dass der redselige Reisende sehr direkt ist, sich mit lauter Stimme ankündigt. Jeden Ort, den er durchquert, hat er notiert, kleine Plaketten zieren seinen Bollerwagen, der mit großflächigen Plastikplanen überspannt ist. Vor Regen sollen sie den Protestmärschler schützen. „Ich sehe schon, ich muss wieder mal zum Handwerker“, sagt Hoffmann. Undicht sei so manche Plane, auch die Ersatzreifen, von denen er einige mit sich führt, gehen ihm langsam aus.

Eine ältere Dame passiert das Geschehen. „Wollen Sie mich begleiten“, fragt Hoffmann, der Demonstrant. Die Frau schüttelt nur den Kopf, geht weiter. „Noch nie hat mich einer begleitet, kein Bürgermeister, niemand. Nicht mal fünf Kilometer weit“, gibt sich das Nordlicht enttäuscht. Hoffmann klettert in seinen mobilen Ziehwagen, greift nach einer dicken Mappe unter einer rot-weiß gestreiften Bettdecke. Dort sind sie, die offiziellen Bestätigungen unzähliger Gemeinden, Städte, Polizeistationen. „Überall, wo ich bin, melde ich mich an“, sagt Hoffmann und präsentiert einige Auszüge aus seinem reichhaltigen Fundus an Antworten derer, die ihn mit seinem Anliegen nicht ernst nahmen. Im Polizeipräsidium Krefeld etwa erhielt er ein Schreiben, das folgenden Satz beinhaltet: „Da die Rheinländer bekanntlich Nachfahren fußkranker römischer Legionäre sind, verbietet es sich allein aus diesem Grunde schon, Herrn Hoffmann auf seinem weiteren Marsch zu begleiten.“ Bei der Polizei Aachen wünscht man ihm für seinen weiteren „Friedensmarsch“ alles Gute. Daran teilnehmen könne man jedoch nicht, „da es uns an einem technisch so ausgereiften Wohnmobil“ fehlt, so das offizielle Polizeischreiben. In der Residenzstadt Weikersheim bekam er zu lesen, dass ein gemeinsamer Fußmarsch mit dem Bürgermeister nicht möglich sei, da man nicht wisse, „ob zum jetzigen Zeitpunkt an der nahe liegenden bayerischen Staatsgrenze die Schranken geöffnet sind.“ Und auch die Polizeiinspektion Pfaffenhofen hatte eine schöne Ausrede parat: „Leider kann ich Herrn Hoffmann nicht begleiten, da ich hier unabkömmlich bin.“

Eine Sammlung verschiedener Polizeiplaketten: Stolz ist Rainer darauf.

Ehrlich, aber für Rainer Hoffmann ein Tiefschlag, war die Antwort des Bürgermeisters von Ilmmünster. In schriftlicher Ausfertigung, mit Gemeindestempel versehen, steht dort Folgendes: „Ich werde Herrn Hoffmann auf seinem weiteren Marsch nicht begleiten. Da mir keine gute Ausrede einfällt, bleibe ich bei der Wahrheit: Ich habe bei diesem Sauwetter einfach keine Lust!!!!“ Berchtesgadens Bürgermeister war terminlich verhindert, so das offizielle Statement. Und so geht es für Rainer Hoffmann weiter auf seiner Reise mit Rom als Ziel. Einer Reise ohne Perspektive.

Wie lange er noch durchhalten wolle? So lange er körperlich könne, sagt er, der drahtige Mann. Er werde weitermachen. Vielleicht finde sich ja doch noch ein Bürgermeister, der ihn begleiten werde. Und seien es nur ein paar Kilometer. Es lohne sich zu kämpfen. Der Kampf ist hart, der Weg weit, „aber die sexuell missbrauchten Kinder haben es verdient“, sagt er und zieht ab.

kp

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