Aufatmen vor dem Ingolstädter Rathaus

Geiselnahme ist beendet - Opfer unverletzt

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Am Montagmorgen nahm ein Mann im Ingolstädter Rathaus Geiseln. Das SEK ist vor Ort.

Ingolstadt - Im Ingolstädter Rathaus hat ein Mann am Montag mehrere Menschen als Geiseln genommen. Der 24-Jährige ist als Stalker bekannt. Erst am Abend ist es der Polizei gelungen, den Geiselnehmer zu überwältigen.

Ein Rettungswagen fährt am 19.08.2013 vom Rathaus von Ingolstadt kommend durch die Innenstadt. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei hat eine fast neunstündige Geiselnahme im Ingolstädter Rathaus beendet.

Die Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt ist beendet. Nach Angaben der Polizei sind die beiden letzten Geiseln, ein 37 Jahre alter Mann und eine 25 Jahre alte Frau, unverletzt frei. Der Täter sei verletzt, aber am Leben. Einem SEK-Team war es gegen 17.30 Uhr gelungen, den Geiselnehmer mit zwei Schüssen zu überwältigen. Dabei wurde der 24-Jährige an der Schulter und an einem Bein verletzt. Er wird momentan in einem Krankenhaus ärztlich versorgt und soll am Dienstag dem zuständigen Haftrichter der Staatsanwaltschaft Ingolstadt vorgeführt werden. Die Geiseln werden unterdessen psychologisch betreut.

Der Mann war am Montagmorgen kurz vor 9 Uhr mit einer Plastikwaffe, die einer P99 laut Polizei täuschend ähnlich sah, und einem Messer ins Ingolstädter Rathaus gegangen und hatte dort vier Geiseln - zwei Frauen und zwei Männer - genommen. Eine der Geiseln lies er aber recht schnell wieder frei. Die Polizei ermittelt bereits seit rund einem Jahr wegen Stalking-Vorwürfen gegen den 24-Jährigen. Er soll einer Rathausmitarbeiterin nachgestellt haben.

Laut Polizei soll der wohnsitzlose Mann schon längere Zeit unter massiven psychischen Problemen gelitten haben. Er ist nach Angaben der Beamten vorbestraft und war bis vor kurzem noch Patient in einem psychiatrischen Bezirkskrankenhaus in München. Der 24-Jährige stehe „ganz erheblich unter psychischem Druck“, sagte ein Polizeisprecher am Montag. „Auch eine gewisse psychische Auffälligkeit war in der letzten Zeit bei ihm zu verzeichnen.“

Der Täter habe wegen des Stalkings der Mitarbeiterin Hausverbot im Rathaus gehabt, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). In den vergangenen Wochen sei der Konflikt eskaliert, nachdem der Mann gegen das Hausverbot verstoßen habe. „Der Begriff Stalker erscheint mir etwas verharmlosend, weil er doch eine ganze Liste von Vorstrafen hat, die weit über das hinausgeht, was man als Stalking bezeichnet“, sagte Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) über den 24-Jährigen. Er sei wegen Körperverletzung und Bedrohungsdelikten bekannt.

Über das Motiv des Geiselnehmers hatte der Bürgermeister am Nachmittag gesagt: "Er möchte, dass wir einen Bescheid aufheben.“ Um welchen Bescheid es gehe, war nicht bekannt geworden. Möglicherweise handelt es sich aber um das Hausverbot für die Rathäuser der Stadt, das gegen den Täter erlassen worden war.

Der dritte Bürgermeister Sepp Mißlbeck (Freie Wähler) nach seiner Freilassung

Bis zum Abend hatte der 24-Jährige keine konkreten Forderungen an die Beamten gestellt. Um kurz nach 14 Uhr - rund fünf Stunden nach Beginn der Tat - hatte er allerdings den dritten Bürgermeister Sepp Mißlbeck (Freie Wähler) frei gelassen. „Selbstverständlich ist er beeindruckt von dem, was er den ganzen Vormittag erdulden musste, aber er scheint zumindest körperlich absolut gesund“, sagte Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer. Zuletzt waren ihm Tabletten und ein Döner ins Rathaus gebracht worden.

Die Polizei hatte sich für einen Zugriff durch das SEK entschieden, weil sich die Situation am späten Nachmittag zuspitzte. Die Einsatzkräfte hätten die Aussagen des Täters nicht mehr eindeutig zuordnen können. „Wir haben auf Zeit spielen können und das bewusst genutzt“, sagte Ingolstadts Polizeivizepräsident Günther Gietl. Die Polizei wollte eine Situation wie im Jahr 2009 im Straubinger Hochsicherheitsgefängnis verhindern. Damals hatte ein Häftling eine Therapeutin als Geisel genommen und vergewaltigt.

Viele Schaulustige vor Ort

Im Laufe des Tages hatten sich rund um den abgesperrten Rathausplatz mehrere Schaulustige und Fernsehteams hatten versammelt. „Die stehen da und warten, dass was passiert“, sagte eine Verkäuferin, die in der Nähe des Platzes arbeitet. Die Polizei hatte das Gelände weiträumig abgesperrt. Ein Café direkt am Rathausplatz war noch geöffnet. „Wir verköstigen jetzt die Einsatzkräfte“, sagte ein Mitarbeiter. Auch die Sparkasse direkt am Platz war für Kunden noch zugänglich.

Insgesamt waren bei der Geiselnahme laut Polizei neben den über 200 Polizisten 40 Kräfte der Feuerwehr, 50 Kräfte des Rettungsdienstes BRK Ingolstadt, Eichstätt und Pfaffenhofen, sowie die Johanniter Unfallhilfe und der Arbeiter Samariter Bund im Einsatz. Auch der frühere Psychiater des Geiselnehmers hatte der Polizei beratend zur Seite gestanden.

Auftritt der Kanzlerin am Abend abgesagt

Für Montag um 17 Uhr war ursprünglich ein Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) direkt an dem inzwischen gesperrten Rathausplatz geplant. Mittlerweile ist der Auftritt abgesagt worden. Einen Zusammenhang zwischen dem Merkel-Besuch und der Geiselnahme sieht die Polizei nicht.

Der Geiselnehmer war am Montagmorgen kurz vor 9 Uhr in das Alte Rathaus der oberbayerischen Stadt gegangen und hatte die Geiseln genommen. Derzeit werde versucht, die Geiselnahme unblutig zu beenden, erklärte die Polizei.

„Wir alle hoffen und bangen, dass diese Geiselnahme glimpflich ausgeht“, schrieb die in Ingolstadt wohnende bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) auf Facebook.

Die Polizei hat unter der Nummer 0841/305 1503 eine Hotline für Angehörige eingerichtet.

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Geiselnahmen in Deutschland:

April 2013: Nach zehn Stunden Nervenkrieg beendet die Polizei eine Geiselnahme in einer Kölner Kindertagesstätte. Ein Mann war in die Kita eingedrungen und hatte den Leiter der Einrichtung als Geisel genommen. Motiv: Geldsorgen!

März 2013: Nach zwölf Stunden geht eine Geiselnahme im Gefängnis Suhl-Goldlauter unblutig zu Ende. Der Häftling wird überwältigt. Die Geisel, eine Justizbeamtin, bleibt unverletzt.

Juli 2012: Bei der Zwangsräumung einer Wohnung in Karlsruhe kommt es zu einem Geiseldrama mit fünf Toten. Der Täter erschießt seine Freundin, den Gerichtsvollzieher, zwei Männer und sich selbst.

Juni 2010: Eine H&M-Filiale in Leipzig wird überfallen. Ein Mann nimmt elf Kunden und Angestellte als Geiseln. Nach einigen Stunden gibt er auf.

Januar 2007: Zwei 17-Jährige töten bei einem Überfall in Tessin (Mecklenburg-Vorpommern) ein Ehepaar und nehmen ein Mädchen als Geisel. Sie geben nach einer Flucht auf.

mm/dpa/pv

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