Gletscherspalten-Mann: "Habe viel gebetet"

Innsbruck - Sechs Tage harrte der Mann in einer Gletscherspalte aus. Gute Ausrüstung und sein Glaube halfen ihm beim Überleben. Nach seiner Klinik-Entlassung will der 70-Jährige eine Wallfahrt machen.

Mit guter Ausrüstung, Beten und Träumen von Pfirsichen hat der 70-jährige Oberpfälzer, der in Tirol aus einer Gletscherspalte gerettet wurde, die sechs Tage in der 15 Meter tiefen Spalte überlebt. “Ich habe sehr viel gebetet da unten“, sagte der Bayern der “Bild am Sonntag“. Er habe an seine Söhne und Enkelkinder gedacht und die Hoffnung bis zuletzt nicht aufgegeben.

Fast regungslos harrte er auf einem kleinen Schneevorsprung aus, um nicht zu rutschen und tiefer zu fallen. Tropfenweise sammelte er das Schmelzwasser in seiner Trinkflasche, immer wieder lutschte er ein bisschen Schokolade. “Ab und zu ein Stückchen und dann habe ich mir vorgestellt, es wäre heiße Schokolade“, erzählte der Rentner aus Schmidmühlen (Landkreis Amberg-Sulzbach) der Zeitung, nachdem er von der Intensivstation der Uniklinik Innsbruck entlassen wurde.

Die letzten drei Tage verbrachte er in einer Art Dämmerzustand. Er träumte von Pfirsichdosen, stellte sich seine Rettung vor. Der Mann wusste dabei, dass er nicht einschlafen durfte, um nicht abzustürzen. Unter sich hatte er seine Rettungsdecke gelegt, die Hände unter die Achseln geklemmt, um Erfrierungen zu vermeiden. Indem er in die Kleidung atmete, recycelte er seine Körperwärme. Tagsüber, zwischen 10 und 16 Uhr, rief er um Hilfe - bis ihn Bergsteiger sechs Tage nach dem Absturz hörten.

Bei seiner Rettung hatte der Mann eine Körpertemperatur von 34 Grad. “Das ist erstaunlich viel - nur eine milde Unterkühlung“, sagte der stellvertretende Direktor des Krankenhauses, Volker Wenzel. Spätestens bei 30 Grad Körpertemperatur verliere der Mensch das Bewusstsein.

Als Intensivmediziner in einer Alpenregion ist der Arzt häufig mit Bergdramen konfrontiert und unterstreicht, wie wichtig die Psyche für das Überleben in Extremsituationen ist. Menschen, die in sich ruhten, seien deutlich zäher. Außerdem habe dem Oberpfälzer sein guter Gesundheitszustand geholfen: Beim Sturz in die Gletscherspalte habe er sich mit einem Hüftbruch nur verhältnismäßig leicht verletzt.

Schmerzen habe er da unten kaum gehabt, auch keinen Hunger. Seinen Wurst- und Käsevorrat brachte der Mann unberührt mit in die Klinik: “Weil ich so einen trockenen Mund hatte, hab ich ja auch nichts runterbekommen“, erzählte der 70-Jährige der “Bild am Sonntag“. Nun freut er sich wieder auf sein erstes Radler - und auf die Wallfahrt, die er unternehmen will, sobald sich seine Füße von den Erfrierungen erholt haben.

dpa

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