Schauspielerin Sushila Sara Mai

Ich bin Oberbayerin. Macht aus mir bitte keine Fremde!

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Schauspielerin Sushila Sara Mai. 

Die Schauspielerin Sushila Sara Mai wurde in Indien geboren und von einem oberbayerischen Paar adoptiert. Was sie erlebt, schockiert - und macht ihr Angst. Darum schreibt sie an alle hasserfüllten Menschen, die aus ihr eine Fremde machen wollen.

Ich habe das Gefühl, dass wir wieder enorme Rückschritte bei dem Thema Toleranz und Akzeptanz machen. Diskriminierung und Fremdenhass kommen undifferenziert an die Oberfläche, es gibt Hetze und Gewalt. 

Auf Facebook ernte ich unter meinen Videos sehr viele Hasskommentare von Menschen, die mich gar nicht kennen, denen ich nie etwas getan habe: „Halt’s Maul, Neger!“, „Zigeunerin!“ 

Warum sind die Menschen so voller Hass? 

Manche trauen sich sogar, mir so etwas ins Gesicht zu sagen:

„Geh doch dahin zurück, wo Du herkommst“, höre ich oft. 

Ich antworte darauf: „Wohin genau? Zurück in mein oberbayerisches Dorf? Was soll ich denn da?“ 

„Ich kann mir schon denken, aus welchem Katalog Ihr Mann Sie hat“, sagt jemand. 

Ich antworte darauf, dass er mir das gerne erklären könne, wie man Menschen aus einem Katalog bestellt, da er darin anscheinend Erfahrung hat. 

„Du sprechen Deutsch?“, fragt mich wieder jemand in gebrochenem Deutsch, der sich als Deutscher ausgibt. 

Darauf antworte ich auf bairisch: „I scho, aber bei eana bin i mia do net so sicher. Ko i eana helfa?“ Daraufhin ernte ich meist nur Sprachlosigkeit. 

„Du sprichst aber komisch“, sagte mir ein aus Sachsen kommender, in Kasachstan geborener, in Bayern arbeitender Security-Mensch. 

Ich hatte ihn auf bairisch angesprochen. Er hätte bei mir den Dialekt nicht erwartet. Überhaupt: Deutsch hätte er bei mir gar nicht erwartet.

Ich fühle mich wie ein bayerisches Ur-Viech

„Das Wort Integration passt für mich nicht, da ich hier groß geworden bin“, schreibt Mai.

Das Wort „Integration“ passt für mich nicht, da ich hier groß geworden bin. Ich musste nicht erst eine andere Tradition ablegen, um mir eine neue anzugewöhnen. Ich bin in einem kleinen Dorf in Oberbayern aufgewachsen. Aus Indien adoptiert von waschechten Bayern. Meine Muttersprache ist bairisch. Ich fühle mich wie ein bayerisches Ur-Viech. Das hat mich so weit gebracht, dass ich zum Bairisch-Sprachcoach am Stadttheater Augsburg ernannt wurde und bayerische Gstanzl im Stück „Brandner Kaspar“ singe. 

Ich bin mit westlichen und christlichen Werten erzogen worden und das lebe und liebe ich. So sehr, dass ich selbst dabei vergesse, dass ich äußerlich anders aussehe als die Anderen. Und mich wundere, wenn die mich anstarren, als wäre ich eine Außerirdische. Erst wenn ich deren Blicken an mir runter folge, dann erst fällt mir wieder auf, dass ich ja eine dunkle Haut habe, das Einzige, was mich von den Anderen hier unterscheidet. Dann gab es da die Momente, in denen ich versucht habe, mir als Kind meine braune Haut mit einem Stein abzurubbeln, weil ich nicht nur so sein wollte wie die Anderen, sondern auch so aussehen. 

Es darf doch nicht sein, dass ich die Feindseligkeit spüre, solange ich schweige – und mir manche Menschen erst die Chance geben, mich zu akzeptieren, wenn ich Bairisch spreche. 

Meine Kindheit war sehr schön, meine Eltern haben mich in meinem Anderssein gestärkt. Schon damals gab es diskriminierende Sprüche gegen mich. Diskriminierende Haltung gegen meine Eltern, die es gewagt haben, in einem weißen Dorf ein dunkelhäutiges kleines Inderlein zu adoptieren. Ein schwarzer Schandfleck in der weißen Landschaft. Meine Eltern haben den Menschen dort getrotzt und bewiesen, dass auch aus einem Wesen wie mir etwas Richtiges werden kann. Mit Bildung, mit Musik, mit Tanz. Nach meinem Abitur habe ich Kommunikationswirt studiert und Reiseverkehrskauffrau gelernt, um dann meinen wahren Traum zu erfüllen: Schauspielerin. 

Als Kind spielte ich schon: eine schwarze Heilige Maria im weihnachtlichen Krippenspiel. Damit habe ich damals schon die Menschen gegen mich aufgestachelt. Es ging nicht in ihr Denken hinein, dass Maria von einer Schwarzen gespielt wird. Sie musste weiß und im Dirndl sein! Authentisch halt! 

Früher war nicht alles besser. Aber damals fühlte ich mich dennoch sicher. Ich hatte keine Angst, dass jeder in mir eine potentielle Terroristin sieht. 

Heute habe ich Angst. Angst davor, aus dem Haus zu gehen. Angst davor, die Nachrichten zu lesen, aus Angst davor, wie andere diskriminiert werden, welche Hetz- und Hassattacken auf andere niederprasseln. Angst davor, dass die Menschheit noch mehr an Menschlichkeit verliert. Angst davor, dass wir uns als Menschen endgültig aufgeben. 

Derf‘ a bisserl Poltern? Dass Mai (links) eine Bayerin ist, ist nicht zu überhören. Diese Woche ist sie zusammen mit Erwin Brantl und Ulrike Dostal im Einstein München zu sehen. 

Mein Wunsch: Ich möchte den Menschen, die sich selbst normal fühlen, aber durch die Anderen als anders betrachtet werden, zeigen, dass sie nicht aufgeben dürfen. Wir unterscheiden uns nicht viel voneinander. Eine Sari-Bluse sieht genauso aus wie eine Dirndl-Bluse! Alle Religionen dieser Welt haben eine gemeinsame Botschaft: die Liebe! 

Ich werde mich weiterhin deutsch und bayerisch fühlen, auch wenn mich andere Menschen in die Fremden-Ecke drängen möchten. Und ich werde mich in Indien nicht wie eine Inderin fühlen. Heute bin ich Schauspielerin. Mit meiner Kunst ist es mir möglich, meine Botschaft nach außen zu tragen. Ich darf in bairischer Sprache auftreten. Damit möchte ich zeigen, dass der Schein auch trügen kann. Menschen wie ich, Deutsch, mit äußerem Migrationshintergrund, gehören auch hier her. Hier ist unsere Heimat. Wir sprechen Deutsch, Bairisch, verschiedene Dialekte. Man kann ganz normal mit uns umgehen, denn wir sind ein Teil dieser Welt, dieser Gesellschaft, wir gehören hier her. Wir bereichern dieses Land. Wir sind nicht der Feind.

Wer sich überzeugen lassen möchte oder neugierig geworden ist, hat folgende Möglichkeiten, mich kennen zu lernen:

  • „Derf‘s a bisserl Poltern“, aktuelle Termine 7. und 8. Dezember, 19.30 Uhr, Einstein-Kultur München, Szenen und Sketche von Gerhard Polt.
  •  „Brettlspitzen“, Sendetermin Bayerischer Rundfunk, 18. März 2018, 20.15 Uhr. Der BR schreibt: Mit einem amüsanten Augenzwinkern und dem Motto „... leben und leben lassen“ präsentiert Gastgeber Jürgen Kirner die sechste Ausgabe der "Brettl-Spitzen". Sehen Sie frechen Wirtshausgesang, klassische Couplets und die Gewinner des ersten Brettl-Spitzen-Gesangs-Wettbewerbs. Bodenständiges Allgäu und geheimnisvolles Indien: Die charmante Österreicherin Tini Kainrath wird mit ihrem Wiener Dudler einen Hauch ‚Küss‘ die Hand‘ in den Festsaal bringen und der lebhafte Publikumsliebling Brigitte Walbrun bringt kokettierend den Bühnenboden zum Tanzen. Mit einem überraschenden Spagat zwischen bodenständigem Allgäu und geheimnisvollem Indien überrascht die Couplet-Interpretation von Sushila Sara Mai.“  
  • „Brandner Kaspar“, aktuelle Termine bis April 2018, Mainfrankentheater Würzburg

Diesen Gastbeitrag schrieb die Schauspielerin Sushila Sara Mai. 

Lesen Sie im Münchner Merkur vom Montag (4. Dezember) mehr über das Leben von Sushila Sara Mai. Seit sie drei Jahre alt ist, lebt sie in Deutschland, sie wuchs im Landkreis Weilheim-Schongau auf. Nichts bis auf die Farbe ihrer Haut unterscheidet sie von den meisten hier. Und doch kämpft sie jeden Tag mit Anfeindungen. In der Zeitung sehen Sie auch ein Foto, auf dem Mutter Teresa die damals dreijährige Sushila vor ihrer Reise nach Deutschland verabschiedet hat - eine der wenigen Erinnerungen, die die heutige Kissingerin an Indien hat. 

Video: Hier spielt Mai im Kluftinger-Krimi eine Allgäuerin

Auch der Gastbeitrag des Münchner Comedians Simon Pearce wird Sie interessieren

Lesen Sie zum Thema Intoleranz und Rassismus auch den viel beachteten Gastbeitrag des Münchner Comedians Simon Pearce: „An alle Münchner, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben.“ Der Gastbeitrag stammt aus unserem 2015-Archiv. Lesen Sie außerdem ein Interview mit Pearce vom September 2017. Darin spricht der Comedian sehr offen über grundlose Polizeikontrollen, intolerante Nachbarn in Puchheim, sein neues Buch und die AfD. 

Video: Simon Pearce im tz.de-Interview über Rassismus in der S-Bahn und intolerante Nachbarn

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