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Auch bei Corona weit unter dem Durchschnitt

Impfmuffel am Alpenrand: Warum Südbayern die Spritzen öfter meidet

Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken“ trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken.
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Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken“ trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken.

Die Ausbreitung des Coronavirus scheint mittlerweile unaufhaltsam. Die Kliniken sind voll. Bei Verlegungen von Intensivpatienten aus überlasteten Kliniken hilft nun erstmals auch die Luftwaffe – trotzdem lassen sich viele Menschen im Süden Bayerns nicht gegen Corona impfen. Zu den Gründen gibt es viele Vermutungen, aber kaum Daten. Doch Impfskepsis hat am Alpenrand eine gewisse Tradition.

Südbayern – Die Alpen glühen dieser Tage in knalligem Pink und Violett auf der Corona-Übersichtskarte. Im Süden Bayerns hatten Stand Freitag (26. November) nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) zwölf Landkreise beziehungsweise Städte die Tausender-Marke bei der Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gerissen, die Werte der anderen Kommunen am Alpenrand lagen teils weit über 500.

Das liegt aus Sicht der Staatsregierung vor allem daran, dass sich dort bisher deutlich weniger Menschen gegen Corona impfen lassen als im Norden des Freistaats und der Republik. In Stadt und Landkreis Rosenheim sind zum Beispiel nicht einmal 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, im Landkreis Berchtesgadener Land liegt die Quote bei nur gut 56 Prozent und im Landkreis Mühldorf liegt sie immer etwas über 64 Prozent. In Deutschland liegt der Durchschnittswert übrigens bei 68,2 Prozent. Doch woran liegt das?

Ungeimpft am Alpenrand: Die Gründe sind vielseitig

Verschwörungsmythen: 

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte jüngst im Interview mit „Bild Live“ unter anderem „höhere Querdenker- und Reichsbürgerzahlen“ als Ursache. Diese These stützt der Religionswissenschaftler Michael Blume: „Im Alpenraum hat sich eine einzigartige Tradition der kleinteiligen, sprachlichen Autonomie entwickelt“, sagt der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. „Dies bedeutet positiv ein besonders starkes Engagement für Demokratie und Föderalismus. Leider kippt es jedoch auch immer wieder in Verschwörungsmythen und Antisemitismus.“

Das Volksbegehren zur Auflösung des bayerischen Landtags, eine Intitiative aus der Szene der Querdenker, war vor wenigen Tagen allerdings klar gescheitert. Die Idee wurde nur von 2,15 Prozent der Wahlberechtigten unterstützt. Wobei der Zuspruch im Südosten Bayerns laut einem Informationsportal über Neonazis und Rechtextremismus in Bayern größer war. In den Landkreisen Rosenheim und Traunstein lag er über vier Prozent. Herausragend bei den Ergebnissen soll etwa die Stadt Freilassing direkt an der Grenze zu Österreich im Landkreis Berchtesgadener Land mit 4,74 Prozent Beteiligung gewesen sein.

Alternative Medizin: 

Impfverweigerer automatisch politisch rechts zu verorten, wäre zu kurz gegriffen. „Unter den Impfgegnern gehören 31 Prozent dem liberal-intellektuellen Milieu an“, heißt es in einer Analyse sozialer Netzwerke durch die Unternehmensberatung Komm.Passion. Neben einem „Störsender-Cluster mit russischen Einflüssen“ und AfD-nahen Nutzern gebe es bei Impfgegnern auch ein „sozial-ökologisch-esoterisches Cluster“. Eine Erklärung für die niedrigen Impfquoten am Alpenrand ist daher die Nähe zu alternativer Medizin. „Das skeptische Milieu ist nicht selten gut situiert, gut gebildet und offen gegenüber alternativmedizinischen Behandlungsmethoden“, sagte eine Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums.

„Da haben sich bestimmte Milieus und der organisierte Rechtspopulismus der AfD gegenseitig gefunden. Beide beeinflussen und befeuern sich wechselseitig“, erklärte Raj Kollmorgen, Soziologieprofessor an der Hochschule Zittau/Görlitz, mit Blick auf eine ähnliche Situation in Sachsen dem ZDF.

Skeptische Ärzte: 

Eine Studie aus dem Jahr 2012 deutet darauf hin, dass es nicht nur bei Patienten im Süden Bayerns eine größere Impfskepsis gibt – sondern auch bei Hausärzten. Bei einer Umfrage unter Praxis- und Kinderärzten fand der Hauptautor der Studie, Martin Weigel, einen Zusammenhang zwischen niedrigen Impfquoten und der Einstellung der Mediziner gegenüber Impfungen. Am negativsten waren diese Meinungen in Südbayern, auch die Impfquote gegen Masern und Meningokokken war dort auffallend niedrig. „Die Frage ist: Suchen sich die Impfunwilligen einen eher impfkritischen Arzt oder andersherum?“, sagt Weigel. Eine Antwort könne er nicht liefern.

Auf der anderen Seite appellierten vergangene Woche gut 500 Ärzte aus der Region Rosenheim: Lasst Euch bitte impfen. Der Impf-Aufruf war an Dramatik kaum zu überbieten: „Der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung droht Realität zu werden!“

Kritik am Staat: 

Für manche ist die Verweigerung der Impfung ein Zeichen des Misstrauens gegenüber dem Staat. „Die Menschen im Alpenraum waren und sind besonders kritisch gegenüber staatlichen Obrigkeiten“, sagt Religionswissenschaftler Blume. Verstärkt werde dies dadurch, dass Parteien wie die AfD die Impfung als Protestthema für sich entdeckt hätten, sagt der Seniorprofessor für Soziologie an der Universität Leipzig, Andreas Diekmann. „Was da Ursache und Wirkung ist, ist natürlich die Frage. Es ist generell ein Mangel, dass es in Deutschland nicht genügend harte Daten dazu gibt.“

Zwei von drei ungeimpften Wählerinnen und Wählern in Deutschland geben ihre Stimme laut einer Umfrage des Forsa-Instituts Parteien des rechten politischen Spektrums. Die Hälfte der 3048 Befragten hat demnach bei der diesjährigen Bundestagswahl die AfD gewählt. Unter Ungeimpften wäre der Stimmenanteil der in Teilen rechtsextremen Partei damit fast fünfmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Schaden durch die Maßnahmen:

Die Corona-Schutzmaßnahmen haben in Bayern und Sachsen größeren „Schaden“ angerichtet als in anderen Regionen, ist sich Raj Kollmorgen sicher. Es gibt im ländlichen Süden Bayerns und in Sachsen viele Handwerker, Kleingewerbetreibende, oft auch noch in Branchen wie Tourismus, Gastronomie oder Gesundheitswirtschaft, die störanfälliger und verletzlicher gegenüber Schließungen oder angeordnetem Homeoffice sind als zum Beispiel Beamte oder Gutverdiener in Großunternehmen der Digitalwirtschaft.

Geschichte: 

Fest steht, dass Skepsis gegenüber Impfungen im Alpenraum eine gewisse Tradition hat. Schon bei der Immunisierung gegen die Pocken im 19. Jahrhundert habe es in Bayern gerade in ländlichen Regionen „eine ziemlich massive Impfgegnerschaft“ gegeben, sagt die Heidelberger Medizinhistorikerin Bärbel-Jutta Hess. Die Gründe dafür waren demnach ähnlich diffus wie heute: Manche interpretierten die Narbe der Pockenimpfung als „Teufelszeichen“ und sahen Krankheiten als „gottgegebenes Schicksal“. Andere Menschen hatten aus gutem Grund Angst: Weil die Impfspritzen anfangs nicht ausreichend gereinigt wurden, gaben sie zeitweise unerkannt Syphilis an Kinder weiter.

Damals griff die bayerische Regierung laut Hess zu drastischen Maßnahmen: „In einem Fall wurden sogar die Eltern in Gewahrsam genommen, damit das Kind währenddessen geimpft werden konnte.“ Gut 200 Jahre später sind solche Eingriffe weit entfernt, wenngleich die Stimmen für eine allgemeine Impfpflicht werden lauter.

Landräte rufen weiter zur Impfung auf

Währenddessen rufen Landräte im Süden Bayerns angesichts der dramatischen Corona-Lage immer wieder zu Impfungen auf. „Wer es noch nicht getan hat, bitte holt euch eure Erstimpfung und an diejenigen, die schon geimpft sind, gehts zum boostern“, sagte vor kurzem zum Beispiel Traunsteins Landrat Siegfried Walch in einem alarmierenden Video.

Beim Krisen-Gipfel am Dienstagvormittag in Rosenheim ging Bayerns Ministerpräsident Markus Söder noch einen Schritt weiter und erklärte, dass sich er und die Landräte der Region einig seien, nur „eine allgemeine Impfpflicht kann uns aus der Dauerschleife Corona führen.“

Eine allgemeine Impfpflicht gegen das Coronavirus wäre nach Ansicht des Staatsrechtlers Ulrich Battis vom Grundgesetz gedeckt. „Eine solche allgemeine Impfpflicht ist durchaus vertretbar – und zwar, um das Leben anderer Menschen zu schützen“, sagte der Rechtswissenschaftler von der Berliner Humboldt-Universität der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Dienstag). Battis verwies auf Artikel 2 des Grundgesetzes, der den Schutz des Lebens anderer Menschen festlegt. „Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, das ebenfalls der Artikel 2 festschreibt, hat dahinter zurückzutreten.

Impfpflicht: Niemand werde im Gefängnis landen

Der Bielefelder Rechtsprofessor Franz C. Mayer sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Die Freiheit der Einzelnen endet da, wo Freiheit und Gesundheit anderer in Gefahr sind – das ist hier der Fall, wenn die Impfkampagne nicht gelingt.“ Mayer machte klar, dass es um eine Impfpflicht und keinen Impfzwang ginge. Für Impfverweigerer seien ein Bußgeld oder gesetzliche Regelungen zum Verlust des Krankenversicherungsschutzes denkbar. Niemand werde im Gefängnis landen oder von der Polizei zum Impfen abgeholt, betonte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

Einen kleinen Lichtblick gibt es allerdings bereits auch ohne Impfpflicht: Mehrere Landkreise in Südbayern meldeten zuletzt, dass die Nachfrage nach Impfungen wieder steige. Im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land sei die Nachfrage „im Wochenvergleich sehr stark erhöht“, sagte eine Sprecherin bereits in der vergangenen Woche. Allerdings habe es sich überwiegend um Booster-Impfungen gehandelt – also nicht um Impfverweigerer. Aber auch in Rosenheim geht der Blick offenbar weiter nach vorn. „Es ist ein deutlicher Anstieg bei der Nachfrage nach Impfungen gegen das Coronavirus zu verzeichnen, erfreulicherweise auch bei den Erstimpfungen“, hieß es im Wochenbericht des Gesundheitsamtes.

mz (mit Material der dpa)

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