Autorin lebt in Traunstein

„Ins Nirgendwo, bitte!“: Franziska und Felix ziehen zu Fuß durch die Mongolei

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Franziska Bär und Felix Consolati sind im Sommer 2015 fünf Wochen lang durch die Mongolei gewandert - mit Zelt und Rucksack.

Franziska und Felix laufen zu zweit durch die Mongolei. Mit Astronautennahrung und russischen Militärkarten. Die Geschichte der außergewöhnlichen Reise eines Paares, das in Traunstein lebt.

Erst hören sie nur kehlige Laute. „Hoi, hoi, hoi!“ Franziska steht vor dem Zelt und putzt sich die Zähne, als sie spürt, dass unter ihren Füßen der Boden vibriert. Dann sehen sie und ihr Freund Felix, dass eine Horde Pferde und Yaks auf sie zuprescht. Angetrieben von einem Reiter in bunter Tracht, der seine Peitsche schnalzen lässt. Gefolgt von der Familie, auf Dromedaren und Pferden. Die Tiere schlagen einen Bogen um das Zelt, das seit ein paar Wochen das Zuhause von Franziska und Felix ist. Die beiden erleben etwas Außergewöhnliches: den Umzug einer Nomadenfamilie im dünnst besiedelten Land der Welt.

Gleich zu Beginn ihres Marsches treffen Franziska (hinten rechts) und Felix auf Nomaden. Die Kinder zerren sie sofort in die Jurte – und bestaunen das Gepäck der Europäer.

An diesem Morgen im September 2015 waren Franziska Bär aus Schongau und Felix Consolati aus Olching im Kreis Fürstenfeldbruck schon seit 20 Tagen unterwegs. Zu Fuß durch die Mongolei. Sie sind auf ihrer Reise durch reißende Flüsse gewatet, haben ihre 20 Kilo schweren Rucksäcke über Bergkämme geschleppt und die Gastfreundschaft der Mongolen kennengelernt.

Franziska und Felix wollen eine Weltreise machen. Die Mongolei ist nur der Anfang.

Franziska ist 22 und Felix 30, als sie beschließen, durch den Westen der Mongolei zu wandern. Seit eineinhalb Jahren sind sie ein Paar. Sie hat gerade ihr Volontariat beendet, er arbeitet als Video-Journalist in einer Online-Redaktion. „Ich hatte schon lange die Idee, eine Weltreise zu machen, bei der ich nicht weiß, wann ich zurückkomme“, sagt Franziska. Felix hat seine erste bereits hinter sich. Er trampte allein durch Kanada, segelte nach Alaska, verbrachte Monate in Zentralamerika. „Die Mongolei“, sagt er, „war immer in meinem Kopf.“

Sie soll der Startpunkt ihrer gemeinsamen Weltreise werden. „Ich konnte davor nie mit jemandem reisen“, meint Felix. „Ich dachte, dass keiner diese Wege mit mir gehen möchte.“ Franziska möchte. Also kündigt Felix seinen Job. Franziska arbeitet freiberuflich, sie braucht sich nur abzumelden. Sie sagt: „Wir wollten wissen, wie das ist, wenn man Zeit hat und nicht nach zwei Wochen zurück muss.“ Also kaufen sie Tickets, München – Ulan Bator, ohne Rückflug. Und planen ihr großes Abenteuer.

Die beiden bereiten sich akribisch auf ihr Abenteuer vor

Mit dem Zelt und zwei großen Rucksäcken wollen sie in einer menschenleeren Region wandern. Es gibt keinen Reiseführer, der ihnen die Informationen dazu liefert. Kein Handyempfang, kein mobiles Internet. Mühsam studieren sie alte russische Militärkarten, die sie aus einem Archiv bekommen. Die Karten sind auf Kyrillisch und hängen heute gerahmt in ihrer Wohnung in Traunstein. Damals sind sie ihr größter Schatz, „die haben wir besser gehütet als unsere Pässe“. Sie sind neben einem GPS-Gerät die einzige Möglichkeit zur Orientierung. Die wichtigste Vorgabe für ihre Route: Sie muss in der Nähe von Trinkwasser verlaufen, am besten an einem Fluss. Trotzdem gibt es Etappen, auf denen sie Wasser in Kanistern mitschleppen müssen.

Für ihre Reitkünste wird Franziska von den Nomaden ausgelacht – dabei kann sie reiten.

Auch deshalb achten sie beim Gepäck auf jedes Gramm. „Es war klar, dass wir ein wetterfestes Zelt brauchen und warme Schlafsäcke. Außerdem einen Benzinkocher, weil es im Land keine Gaskartuschen gibt“, sagt Felix. Sie kaufen Astronautennahrung, rationieren die Mahlzeiten. Sie feilschen um jedes Gramm: „Wir hatten überlegt, die Enden unserer Zahnbürsten abzuschneiden“, sagt Franziska. Die wenigen hilfreichen Seiten aus dem Reiseführer reißen sie heraus. „Die Kamera war der größte Luxus“, sagt Felix. „Das waren 1,5 Kilo, die ich obendrauf zu tragen hatte.“

Und sie machen einen Masterplan, mit vier Punkten. „So lange zu zweit und dann nur drei Quadratmeter zum Leben: Wir hatten beide Angst, dass unsere Beziehung das nicht aushält.“ Der Plan: Sie lassen einander nur im äußersten Notfall zurück, zum Beispiel, wenn einer sich verletzt. Sie ordnen alles ihrem Bauchgefühl unter – hat einer ein schlechtes Gefühl bei etwas, machen sie es nicht. Sie halten sich an ihre Tagesrationen. Und streiten nicht wegen Nichtigkeiten.

Der Probemarsch an der Isar wird ein kompletter Reinfall

Eines schönen Sommertages, zwei Wochen vor dem Abflug, wollen sie ihre Pläne auf die Probe stellen. Mit einem Marsch entlang der Isar, bei dem sie ihre Mongolei-Ausrüstung und das Gepäck dabeihaben. „Ein totaler Reinfall“, sagt Felix. Die Rucksäcke scheuern, weil das Gewicht noch nicht richtig ausbalanciert ist. Franziska hat einen Infekt, Felix Kopfschmerzen. Der Benzinkocher funktioniert nicht, ihr Reisekissen haben sie vergessen. Als am Abend Nacktschnecken im Zelt über ihre Beine kriechen, sind sie „maximal entmutigt“. Franziska meint: „Ich hätte einen Rückzieher gemacht, wenn ich gekonnt hätte. Felix wusste das damals nicht – das hat er erst im Buch gelesen.“

Unendliche Weite: Der Westen der Mongolei ist kaum besiedelt. Es gibt wenige Siedlungen und einige Nomaden, die durch die Steppe ziehen.

Eigentlich habe sie gar nicht über die Reise schreiben wollen, sagt Franziska. „Wir wollten das für uns haben und noch nicht teilen.“ Doch im Sommer 2017 blieb sie beim Aufruf zu einem Autorenwettbewerb hängen. Sie grübelte, reichte eine Kurzgeschichte ein – und gewann. Es folgte die Anfrage, ein Buch zu schreiben. Ab vergangenen April schrieb sie an „Ins Nirgendwo, bitte!“, neben ihrem Job bei der Umweltorganisation Green City.

Sie erzählt vom schwierigen Start in der Provinzhauptstadt Chowd, wo sie erst kaum jemanden fanden, der sie vom Flughafen mitnahm und die Einheimischen vor der zierlichen Frau davon liefen. Von den Schwierigkeiten, einen Fahrer zu engagieren, der sie am Startpunkt in der Steppe absetzt. Von der ersten Begegnung mit Nomaden, die sie in ihre Jurte zerrten und wo sie mit Stöckchen in den Sand malten, um sich zu verständigen. Von langen Märschen in der Einsamkeit und stürmischen Nächten. Es ist ein ehrlicher Reisebericht geworden, der Schwierigkeiten nicht verschweigt, aber auch die Schönheit des Landes beschreibt.

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Der erste Sonnenuntergang in der Mongolei, die erste Nacht im Zelt. Das erste Zittern im Schlafsack, der erste Kaffee am Morgen danach. Für uns haben erste Male eine ganz besondere Magie. Wir lieben es, dass sie gleichzeitig ein unbekanntes Kribbeln auslösen und die Aufregung für das neue Abenteuer. Das Bild ist entstanden, nachdem wir von der Mongolischen Hauptstadt Ulan Bator in den Westen nach Khovd gereist sind. Am nächsten Tag hat uns unser Fahrer zu dem Punkt gebracht, an dem er uns schließlich ausgesetzt hat – damit wir endlich unsere Wanderung durch das am dünnsten besiedelte Land der Welt starten konnten. ❤️ …. First sunset in Mongolia, first night in a tent. First shivering in our sleeping bags, first coffee in the morning after. For us every first has its own magic and it always feels special. We love the feeling of the unknown and the excitement for this new adventure that comes with it. We took this picture after we travelled from the Mongolian Capital Ulan Bator to Chowd in the West. The next day our driver took us to the point where he abandoned us so we could finally start our hike through the fewest populated country on earth ❤️

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Franziska schreibt auch vom schönsten Moment der Reise: Wie die beiden ihr großes Ziel, den Bergsee Khukh Nuur, erreichten. „Ich wollte die Zehen reinstecken, egal wie kalt er ist“, erzählt Franziska. Er war richtig kalt. Sie habe vor Glück geweint. „Nach 400 Kilometern hat man es an so einen Ort geschafft, ganz allein. Das war eine Reise, bei der viele Leute vorher zu uns gesagt haben: Oh Gott, spinnt Ihr?“

Im Westen der Mongolei, zwischen Chowd, Ölgii und Ulaangom, waren sie unterwegs. 

Das fragen sie sich an jenem Morgen im September 2015 selbst. Vor ihnen liegt die letzte Etappe, und sie haben eine schlimme Nacht hinter sich: Felix ist krank geworden. „Er war so schwach, dass ich mir sicher war, dass er nicht weiterlaufen kann“, sagt Franziska. Dann donnert der Nomadenumzug an ihnen vorbei. Dieses Erlebnis macht beiden Mut und lässt Franziska einen großen Teil des Gepäcks von Felix tragen.

Bevor sie elf Monate nach dem Abflug in die Mongolei nach Hause zurückkamen, besuchten sie Australien, Neuseeland, Japan und die Philippinen. „Das Krasseste hatten wir uns aber gleich für den Anfang vorgenommen“, sagt Felix. Sie seien oft gefragt worden, ob sie das Abenteuer Mongolei wieder wagen würden. „Am Anfang hätte ich gesagt: auf keinen Fall“, sagt Franziska. Inzwischen sei daraus ein „auf jeden Fall!“ geworden. Im Sommer wollen sie nach Georgien. Sie werden zu zweit durch den Kaukasus wandern.

Buch, Blog und Bilder

„Ins Nirgendwo, bitte“ ist im Conbook Verlag erschienen und kostet 14,95 Euro. Franziska und Felix betreiben inzwischen auch einen Blog: Ins Nirgendwo, bitte! Dort schreiben sie auch über ihre anderen Reisen. Fotos gibt es auch auf Instagram @insnirgendwo.bitte

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