Prozess um Messerstiche im Inzeller Flüchtlingsheim

"Auftrag der Krähen": Gericht sieht keinen versuchten Mord

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Der Angeklagte vor dem Landgericht Traunstein.
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Inzell/Traunstein - Stichverletzungen am ganzen Oberkörper und im Gesicht erlitt im Februar ein junger Asylbewerber in der Inzeller Unterkunft. Der Täter musste sich deswegen am Dienstag in Traunstein vor Gericht verantworten:

Update, 17 Uhr: Urteil gefallen

Richter Johannes Kammergruber verkündet das Urteil: Der 24-jährige Afghane muss in einem psychiatrischen Krankenhaus bleiben. "Er ist für die Allgemeinheit weiterhin gefährlich", so der Richter. Als er am 17. Februar auf seinen Mitbewohner einstach, habe es sich um versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung gehandelt - nicht um versuchten Mord, wie es die Staatsanwaltschaft forderte.

Einen "bedingten Tötungsvorsatz" sieht das Gericht aber trotzdem, wegen dem "Auftrag der Krähen", wie Kammergruber sagt, den der Afghane am Morgen der Tat von den Tieren bekommen haben will. Durch die gravierende, psychische Erkrankung ist der Mann schuldunfähig, daher keine gewöhnliche Haft.

Update, 16.15 Uhr: Plädoyers

Trotz der psychischen Krankheit des Angeklagten spreche viel für ein geplantes Vorgehen des 24-Jährigen, so der Staatsanwalt im Plädoyer: "Er nutzte es aus, dass sein Mitbewohner mit dem Rücken zu ihm saß." Für die Staatsanwaltschaft bleibt es bei einem versuchten Mord und gefährlicher Körperverletzung - wegen der Erkrankung sei er aber schuldunfähig. "Er ist für die Allgemeinheit gefährlich, es ist rein vom Zufall abhängig, wann diese Stimmen bei ihm wieder kommen - dann kann es jeden treffen", so der Staatsanwalt.

Von einem Ausnutzen kann aus der Sicht von Verteidiger Markus Frank wegen der Krankheit des Angeklagten eben nicht gesprochen werden: "Außerdem waren die Stiche allesamt nicht lebensgefährlich. Es bleibt als nur eine gefährliche Körperverletzung", so der Anwalt.

Einig sind sich beide, dass der Afghane weiterhin in einem psychiatrischem Krankenhaus untergebracht werden soll. "Es gibt für den Beschuldigten ja auch kein Umfeld, dass ihn beschützen könnte", so der Staatsanwalt. Nun fehlt nur noch das Urteil von Richter Johannes Kammergruber.

Update, 15.30 Uhr: psychiatrische Gutachterin sagt aus

Die psychiatrische Gutachterin des Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg versucht nun ein Bild abzugeben, was sich im Kopf des Angeklagten abspielt: Der Afghane leidet unter Halluzinationen und wahnhaften Vorstellungen, stellt sie fest.

Er habe "satanische Gedanken", in seinem Kopf würden "Löwen und Tiger gegeneinander kämpfen", beschrieb es der 24-Jährige der Gutachterin. Am Morgen des Tattages hätten ihn zwei Krähen, die er auf dem Fensterbrett sah, zu dem Angriff provoziert. "Bei der Tat waren seine rationalen Kontrollmechanismen völlig aufgehoben", so die Psychiaterin - danach habe er so etwas wie eine "Entlastung" gespürt.

Wie geht es mit so einem Menschen weiter? "Seine Schizophrenie bleibt sicher ein Risikofaktor für Kriminalität", überhaupt hätten schizophrene Personen eine zehnfach höhere Wahrscheinlichkeit, einen Tötungsdelikt zu begehen. Die Gutachterin empfiehlt die weitere Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus - auf unbestimmte Zeit.

Auch sein Wunsch nach einer Rückkehr nach Afghanistan wird deshalb nicht so schnell erfüllen: "Das halte ich für bedenklich. Mit den richtigen Medikamenten könnte man das in Angriff nehmen, aber das dauert noch", so die psychiatrische Gutachterin. Der Angeklagte kann momentan ohnehin nur mittels Medikamenten therapiert werden - mehr ist wegen der Sprachbarriere nicht möglich.

Update, 13.35 Uhr: Aussage einer Sozialarbeiterin

Auch die Sozialarbeiterin aus dem Inzeller Flüchtingsheim berichtet nun als Zeugin von den Rückkehrwünschen des Angeklagten: "Er hatte Heimweh, vor allem nach seiner Mutter in Afghanistan. Die hat er sehr vermisst." Bis zum Termin bei den Behörden, um sich die Ausreisepapiere zu holen, sei es nicht mehr lange gewesen.

"Die Sozialarbeiterin wollte ein Mädchen aus mir machen" - diese Aussage des Angeklagten in der Polizeivernehmung sorgt vor Gericht außerdem für Verwirrung. "Ich kann mir das überhaupt nicht erklären. Vielleicht weil ich ihm manchmal sage, was er machen soll?", so die Zeugin. Vermutlich sind die Gründe für die Aussage in der psychischen Erkrankung des Angeklagten zu suchen.

Update, 12.20 Uhr: Zeugen sagen aus

"Er war apathisch, komisch, auch bei der Festnahme ist er ganz ruhig geblieben und hat nix gesagt", beschreibt ein Polizist vor Gericht den Angeklagten Afghanen bei dessen Verhaftung in Inzell nach der Bluttat. So wie ihn der Beamte beschreibt, verhält er sich auch hier vor Gericht.

Der 24-Jährige sitzt völlig teilnahmslos auf der Anklagebank, den Blick auf den Tisch gerichtet. Auch als das Opfer, sein 25-jähriger Mitbewohner im Zimmer, die Attacke schildert, richtet sich sein Blick nicht auf: "Er stach zu, ohne dass ich ihn gesehen habe. Es ging alles so schnell, ich konnte es gar nicht realisieren."

Der erste Messerstich landete in der Schulter, das Messer brach dabei ab. Der Asylbewerber zeigt vor Gericht seine Narben am Oberkörper und an der Schläfe. Noch heute hat er Angst und Alpträume, "dass er zurück kommt". Bis zum 17. Februar lebten sie eigentlich nur still nebeneinander her.

"Mir ist schon aufgefallen, dass mit ihm irgendwas nicht in Ordnung ist. Er war immer alleine, aber ich habe mich auch nicht mit ihm beschäftigt", so der Geschädigte. Doch bereits rund drei Wochen vor der Tat sorgte eine Aussage des Angeklagten für Aufsehen: "Ich will zurück nach Afghanistan. Ich habe keine Geduld mehr, ich bringe mich sonst um", soll er laut seinem Mitbewohner gesagt haben. Der Angeklagte kam in die Psychiatrie, seitdem habe man Messer vor ihm versteckt.

Seine Papiere zur Ausreise nach Afghanistan hatte der Angeklagte wohl auch bereits beantragt. Bis zur Abwicklung der bürokratischen Abläufe hätte es nur noch wenige Wochen gebraucht.

Der Vorbericht:

Bereits der erste Stoß mit dem Messer war derart stark, dass die elf Zentimeter lange Klinge brach - das rettete einem 25-jährigen Asylbewerber am 17. Februar in Inzell wohl das Leben, vermutet die Staatsanwaltschaft. Trotzdem soll der Angeklagte, ein 24-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, mit dem übrig gebliebenen zwei Zentimetern der Klinge weiter auf seinen Kontrahenten eingestochen haben. 

Stichverletzungen an Schläfe, Brustbein, Oberbauch, Achsel, Hand, Oberarm und Hals verursachte der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft beim Opfer. Ein anderer Flüchtling kam ihm laut Anklage schließlich zu Hilfe und konnte Schlimmeres verhindern. Die Staatsanwaltschaft sieht in den Taten versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung.

Doch der 25-jährige Afghane leidet an einer psychischen Krankheit - er wäre deswegen nicht im Stande gewesen, das Unrecht seiner Tat einzusehen und ist somit laut Staatsanwaltschaft schuldunfähig. Weil von ihm aber weiterhin eine Allgemeingefährlichkeit ausgehe, ist mit einer weiteren Unterbringung, wie bisher, in einer psychiatrischen Klinik zu rechnen.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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