Der Lederhosenwahnsinn

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Hier gibt es die Hose von Herzog Max: Herbert Lipah in seinem „Lederhosenwahnsinn“. An der Tür ein Schild: „Tschüss- und jammerfreie Zone“, an den Wänden sieht es aus wie im Antiquitätenladen: Bilder und bunte Kleinigkeiten, Strass-besetzte Rehbock-Hörndl und Charivaris. Kein Wunder: Lipah ist nebenbei auch Antiquitätenhändler.

München - Der Blick in den Kleiderschrank seiner Nachbarin hat in Herbert Lipah vor 30 Jahren die Leidenschaft geweckt. Seitdem sammelt er Lederhosen - und verkauft sie. 3000 antike Stücke hängen in seinem „Lederhosenwahnsinn“ in der Borstei.

Überraschung: Es muffelt gar nicht. Und das, obwohl in dem kleinen Raum an der Franz-Marc-Straße 10 hunderte fein bestickte Lederhosen in Reih und Glied hängen, die teilweise schon locker hundert Jahre auf dem Gesäß haben. Mit allem, was dazugehört. Aber: „Alle sind professionell gereinigt“, sagt Herbert Lipah. Was ihn eher beunruhigt: „Wir haben eine Maus hier.“ Er lauscht. „Hörst’as rascheln, Caro?“ Lipahs Assistentin Caro Kopecky springt mit einem spitzen Schrei auf den Stuhl, das grüne Dirndl flattert. Der Geschäftsmann sinniert derweil darüber, dass seinen Schmuckstücken schon nichts passieren wird, solange der Nager noch genügend Frühstücks-Brezn zum Fressen hat.

Willkommen im „Lederhosenwahnsinn“, in dem man sich fühlt wie die Maus im Speck, wenn man ein echt bayerisches Beinkleid sucht. Lipahs Lederhosen - mit denen im Obergeschoss sind’s 3000 - sind richtig alt, alle haben Charakter und wollen mit 150 bis 1500 Euro auch angemessen bezahlt sein. Lipah liebt Lederhosen.

Der blonde Pasinger mit dem wettergegerbten Gesicht selbst trägt eine helle, eher schlichte Variante. Nichts Besonderes sagt er - im Gegensatz zu dieser hier: Einer kurzen Gamsledernen, geschwärzt und mit edlen gelben Stickereien. Aus dem 19. Jahrhundert. „Heb’ amoi!“, ruft er mit großen blauen Augen und herausforderndem Lächeln. „Die wiegt koane 300 Gramm.“ Tatsächlich, wahnsinnig leicht und weich. „Die war in Wittelsbacher Besitz, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

Und so zeigt Lipah ein Leder-Schmankerl ums andere her - Gams, Hirsch oder rindsledernes Alltags-Gwand: Eine Hose von Sissis Vater, Herzog Max, und mehrere andere, die zigmal geflickt sind - die verleiht Lipah bisweilen an Film und Fernsehen. „Ich könnt’ zwei Stunden zu jeder Hose erzählen“, sagt er und gestikuliert begeistert bei jedem Satz. Und bei jedem federt er ein wenig aus den Fußballen heraus, wenn er erzählt, dass die bayerischen Lederhosen grüne Bandl unten hätten, die österreichischen Knöpfe. Dass die ganz alten Lederhosen recht lang gewesen seien, aber nicht geschnürt wurden, sondern dass man seine Socken am Hosenbein eingehakt habe. Seine Stammkunden hat er mit seiner Leidenschaft angesteckt: „Es gibt welche, die haben schon acht Hosen bei mir gekauft“, sagt er. „Manch einer meint: Darf ich’s mir bis morgen überlegen? Freilich, sag’ ich dann. Wenn’st ned schlafen kann, ruafst mi o.“

Im Grunde sei er ein Künstler, sagt der studierte Elektrotechniker, und so weit ist das gar nicht hergeholt. Seit er ein Bub war, liebt er die schönen Dinge, begann mit 13 Jahren, Schmuck zu sammeln. Lange Jahre führte er in Nymphenburg einen Antiquitätenladen, noch heute arbeitet er für das Amtsgericht München als Sachverständiger für Schmuck.

Die Lederhosen waren ein Zufall. Lipah verkaufte Anfang der 80er Jahre Antiquitäten auf der Auer Dult. „Eine Nachbarin hat mich im Treppenhaus aufgehalten und gesagt: Herbert, nimmst Du was für mich mit und verkaufst es? Sie öffnete ihren Kleiderschrank, und da hing eine alte Lederhose - das Ober-Schmankerl.“ Erst viel später schenkte ihm die Seniorin ihr Erbstück. Seine Leidenschaft hatte sie da schon geweckt: Auf der Dult verkaufte er anfangs auch Lederhosen, für 30 Mark - er bekam sie ja auch spottbillig: „Die Leut’ waren überrascht, dass ich für ihre alten Hosen überhaupt was zahle.“

Das hat sich längst geändert. Das Geschäft blüht gerade zur Wiesn-Zeit. Wer jetzt aber glaubt, ein Feinschmecker wie Lipah wende sich mit Grausen ab, wenn er die gängigen Wiesn-Kostüme sieht, der irrt: „Natürlich gibt’s da richtig gscherte Putzlumpen“, sagt er. „Aber jeder, der so ein Billig-Set anhat, zeigt immerhin, dass er eine Tracht mag - er kennt sich halt nur nicht so aus.“ Überhaupt, sagt Lipah, müsse man tolerant sein. „Ob Bayer oder Preiß, egal welche Hautfarbe oder Sprache - jeder hat das Recht auf eine Lederhose.“

Johannes Löhr

Quelle: Oktoberfest live

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