Selbstmordversuch nach Urteil im "Jessica"-Prozess

Nürnberg - Unmittelbar nach dem Urteilsspruch hat die Angeklagte im "Jessica"-Prozess versucht, Selbstmord zu begehen. Das Nürnberger Landgericht hatte Denise R., zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Das Urteil im Prozess um den gewaltsamen Tod der Erlangerin Jessica hat die Angeklagte am Dienstag regungslos aufgenommen - kurz danach aber hat sie versucht, sich umzubringen. Mit der abgebrochenen Klinge eines Einwegrasierers schnitt sie sich die Pulsadern auf, wie der Sprecher des Landgerichts Nürnberg-Fürth mitteilte. Der Vorfall ereignete sich in einer Vorführzelle. Beamte bemerkten den Suizidversuch, die Angeklagte wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Verletzungen seien nicht lebensbedrohlich, hieß es. Unklar war zunächst, wie die Frau an die Klinge gekommen war.

Zuvor hatte die Schwurgerichtskammer ihr Urteil gefällt: 14 Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe. “Die Kammer ist durch die Beweisaufnahme zur Überzeugung gelangt, dass Jessica durch die Hand der Angeklagten zu Tode kam“, sagte der Vorsitzende Richter Richard Caspar. Die Angeklagte sei schuldig des Totschlags, des Betrugs und der Urkundenfälschung. Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslänglich für Mord gefordert, die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

Bei der Begründung des Urteils schilderte Caspar detailgenau, wie sich aus Sicht des Gerichts die Tat abgespielt haben musste. Demnach tötete die Angeklagte am 25. Juni 2008 ihre damals 26 Jahre alte Nachbarin Jessica in deren Küche mit rund 40 Stichen und Schlägen, als der Streit um einen Kreditkartenbetrug von 7000 Euro eskalierte. Wegen der Brutalität des Verbrechens sei das Strafmaß für Totschlag im oberen Bereich angesiedelt. “Gegen die Angeklagte spricht besonders, in Kauf genommen zu haben, dass beide Kinder Jessicas zu Halbwaisen wurden“, sagte der Richter. Während der Tat schlief der damals vierjährige Sohn des Opfers im Nebenzimmer.

Die Angeklagte hat selbst drei Kinder. Regungslos verfolgte sie am Dienstagvormittag die Urteilsverkündung im vollen Saal. Die Zuschauer sah sie dabei nicht an, ihr Kopf war wie eingefroren dem Richter zugewandt. Bis zuletzt hatte die 28-Jährige ihre Unschuld beteuert. Ihr Anwalt schloss eine Revision nicht aus, um das Urteil anzufechten.

Das Gericht glaubte den Unschuldsbeteuerungen der Angeklagten nicht, weil sie ein “wechselndes, dem Stand der Ermittlungen angepasstes Aussageverhalten“ an den Tag gelegt habe. Auch hätten die Spuren am Tatort sie schwer belastet. Unter Jessicas rechtem Ringfinger und an einem Lappen in der Küche war ihre DNA gefunden worden, sechs blutige Schuhabdrücke passten in Größe und Profil zu den Sandalen der Verdächtigen. “Die Abdrücke in der Küche können nicht nach dem Auffinden der Leiche entstanden sein, weil die Angeklagte danach nicht mehr in der Küche gewesen ist“, sagte Richter Caspar.

Aus fadenscheinigen Gründen sei die Angeklagte am Tattag mehrfach in der Nähe von Jessicas Wohnung aufgetaucht. Zunächst wollte sie wohl herausfinden, was Jessica über den Betrug wusste, nach der Tat habe sie die Situation kontrollieren wollen, folgerte das Gericht. Die Angeklagte habe auch Täterwissen offenbart. Sie wusste etwa vom fehlenden Türgriff in der Küche, den wahrscheinlich der Täter selbst bei der Flucht abgerissen hat.

Die Bluttat sei aber kein Mord, urteilte die Kammer, weil der 28-Jährigen Vorsatz und niedere Beweggründe nicht nachzuweisen waren. Sie habe eine Persönlichkeitsstörung und sei am Tattag stark unter Druck gestanden. Bei einem Banktermin am Tag darauf wäre ihr Betrug endgültig aufgeflogen, sagte Richter Caspar. “Sicher ist, zu dem Gewaltausbruch kam es aufgrund ihrer aussichtslosen Lage und ihrer impulsiven Persönlichkeit.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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