Experte erhebt Vorwürfe nach Bergdrama in Krimml

"Im Steilgelände muss Seil in anderer Weise verwendet werden!"

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Bei dem Unglück am Gabler am Sonntag starben fünf Menschen aus dem Landkreis Altötting. Ein weiterer Mann wurde schwer verletzt.
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Krimml/Landkreis - Nach dem tragischen Bergunglück in Österreich mit fünf Toten und einem Schwerverletzten herrscht in Burgkirchen, Emmerting, Kastl und Garching weiterhin Fassungslosigkeit und tiefe Trauer. Unterdessen hat sich ein renomierter Bergführer aus Tirol zu Wort gemeldet.

Während die Bild-Zeitung neue Informationen zu den Opfern zusammengetragen hat, hat ein österreichischer Bergführer im Interview mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) Vorwürfe gegen die Seilschaft erhoben. Michael Larcher (57) vom Österreichischen Alpenverein, der auch als Gerichtssachverständiger bei Alpinunfällen auftritt, gab den sechs Männern quasi eine Mitschuld an dem Unglück.

Hätte die Gruppe auf das Seil verzichten sollen?

"Alle dort Beteiligten handeln mit bestem Wissen und besten Absichten. Die Seilschaft im Bergsport funktioniert aber nur dann, wenn ich an einem soliden Fixpunkt sichere. Das heißt, einer sichert, der andere klettert oder andersherum. Wenn man sich gleichzeitig angeseilt bewegt, erhöht sich die Gefahr. Der Sturz eines Bergsteigers trägt dann nämlich das Risiko in sich, dass die ganze Seilschaft mitgerissen wird", sagte Larcher und erklärte auch die Folgen: "Aus einem Unfallereignis, das an sich eine Person betrifft, entsteht dann ein Unfall, an dem plötzlich fünf, sechs oder sieben Menschen beteiligt sind!"

Wäre es somit besser gewesen, wenn die Gruppe aus Burgkirchen, Kastl, Emmerting und Garching an der Alz in dieser Situation auf das Gehen am Seil verzichtet hätte? Zwar räumte der Bergexperte ein, dass er zu wenig exakte Details zu dem Unfall kenne, stellte aber klar: "So bald ich mich im geneigten Steilgelände befinde, muss das Seil in einer anderen Weise verwendet werden. Ich kann mit Eisschrauben Sicherungspunkte setzen oder, das ist in privaten Seilschaften auch möglich, auf das Seil verzichten und jeder geht auf eigenes Risiko." 

Beim Deutschen Alpenverein widerspricht man dieser Sichtweise. Das größte Risiko bei solchen Hochtouren gehe von einem Spaltensturz aus, hieß es in einer Pressemitteilung. Ein Gletscher bestehe nicht aus einer glatten Eisfläche, sondern sei – je nach Gletscher und Zone – mehr oder minder stark von Spalten durchzogen. Diese Risse im Eis könnten mehrere Meter tief, lang und breit sein, sodass nicht nur eine einzelne Person, sondern eine ganze Seilschaft hineinstürzen könne, schrieb der Verein weiter.

In diesem Zusammenhang musste auch Larcher einräumen, dass in flachem Gelände das gleichzeitige Gehen am Seil richtig sei, um sich vor der Gefahr von Gletscherspalten zu schützen. Er sagte aber auch: "So bald sich das Gelände neigt, nimmt die Spaltensturzgefahr ab, aber die allgemeine Absturzgefahr steigt." Larcher sagte, dass dieser Umstieg schwer zu erkennen sei, gerade für Leute, die keine entsprechende Ausbildung am Berg bekommen hätten. Dies dürfte auf die Seilschaft aus dem Landkreis Altötting aber nicht zugetroffen haben, denn die sechs Männer galten allesamt als erfahrene Alpinisten und waren Mitglieder im Deutschen Alpenverein, fünf davon in der Sektion Burgkirchen.

Sechs Tote bei Bergsteigerdrama in Österreich

"Risiko kann schnell ansteigen!"

Bergführer Larcher sah in dem Gespräch aber noch ein zweites Problem, was möglicherweise auch zu dem Unglück geführt haben könnte. "In geführten Seilschaften ist es selbstverständlich, dass der Bergführer das Sagen hat und entscheidet. In privaten Gruppen ist das oft schwieriger, weil niemand wirklich die Verantwortung trägt und sich jeder auf den anderen verlässt. Es entsteht diese Dynamik, wenn mein Partner nichts sagt, dann sage ich auch nichts. So kann das Risiko schnell ansteigen und eine gefährliche Situation entstehen."

Zudem dürften die Verhältnisse auf dem Unglücksberg, dem 3.263 Meter hohen Gabler in den östlichen Zillertaler Alpen, zum Unfallzeitpunkt ziemlich schwierig gewesen sein. Larcher kennt die Bedingungen dort gut: "Diese Tour kann sehr, sehr einfach sein, wie vor drei Sommern, als alles schnee- und firmbedeckt war. In diesem Sommer sind die Verhältnisse aktuell richtig schwierig, weil die Gletscher blank sind. Das heißt, man muss mit Steigeisen auf blankem Eis in steilem Gelände, 30 bis 35 Grad geneigt, unterwegs sein. Damit wird die Absturzgefahr um vieles größer."

Bergsteigerdrama in Österreich am Sonntagvormittag

Familien der Toten fuhren nach Österreich

In Burgkirchen ist man auch zwei Tage nach den schrecklichen Ereignissen noch völlig fassungslos. "Es ist eine Extemsituation", sagte Bürgermeister Johann Krichenbauer (55, Freie Wähler) und ergänzte: "Das ist alles so abstrakt, überhaupt nicht greif- und fassbar." Das Gemeindeoberhaupt war auch beim ersten Krisentreffen am Sonntagabend im Burgkircher Rathaus dabei, wo auch die Familienangehörigen der tödlich Verunglückten anwesend waren. Auch beim DAV ist man bestürzt: "Unser tiefes Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen der Verstorbenen. Wir danken den Einsatzkräften vor Ort für ihre schnelle und professionelle Hilfe."

Die Familien fuhren übrigens am Montag nach Österreich, um sich von ihren Liebsten zu verabschieden und die Überführung der Leichen in die Heimat zu organisieren. Bei dem Unfall am Sonntag waren die sechs Bergsteiger in einer Seilschaft unterwegs gewesen, als plötzlich einer von ihnen, vermutlich auf blankem Eis, in fast 3.000 Metern Seehöhe ausgerutscht war und die anderen mitgerissen hatte. Die Alpinisten waren rund 200 Meter über ein 40 Grad steiles, felsdurchsetztes Gletschergelände abgestürzt und letztlich in eine Gletscherspalte gefallen. Für fünf von ihnen kam trotz eines sofortigen Notrufes jede Hilfe zu spät.

mw

Quelle: innsalzach24.de

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