Prozess um mutmaßlichen Totschlag an der JVA Bernau

Gutachter berichten: Das war die Todesursache des Häftlings

Landgericht Traunstein: Prozess um Tötung eines Häftling in JVA Bernau
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Der wegen Totschlags angeklagte 49-Jährige (r) sitzt vor Prozessbeginn zusammen mit seinem Anwalt Timo Westermann im Sitzungssaal im Landgericht auf seinem Platz. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, bei einem Hofgang in der Justizvollzugsanstalt in Bernau im Streit einen anderen Häftling getötet zu haben.

Bernau/Traunstein - Eine wüste Schlägerei und schließlich ein Tritt gegen den Kopf, der einem 30-Jährigen das Leben kostete: Der Prozess um den Gewaltausbruch in der JVA Bernau im August 2019 wird am Dienstag in Traunstein fortgesetzt.

Update, 14.51 Uhr - Rechtsmediziner berichten über Todesursache

Zur Todesursache wird das Gutachten von Prof. Dr. Oliver Peschel vom Rechtsmedizinischen Institut München gehört. Demnach ist das Opfer in Folge einer Hirnblutung verstorben. „Sowohl Faustschläge als auch Fußtritte können für die Blutung verantwortlich gewesen sein“, so der Gutachter. Eine frühere Rettungsmaßnahme hätte den Häftling laut Gutachter womöglich auch nicht mehr retten können. 

Dr. Adam Adamec, Sachverständiger für Biomechanik am Institut für Rechtsmedizin in München, befasste sich ebenfalls mit der Frage, ob der Faustschlag oder der Tritt ins Gesicht todesursächlich war. Nach seinen Erkenntnissen könne man nicht differenzieren, welche Gewalteinwirkung den Tod verursacht habe. Kurz: Man kann nicht gesichert sagen, ob der Fußtritt oder der Faustschlag den Häftling getötet haben

Der Prozess wird am 16. Juni fortgesetzt.

Update, 12.44 Uhr - Totschlag in JVA Bernau: Mithäftlinge sagen aus

Auch am zweiten Prozesstag, an dem der mutmaßliche Totschlag in der JVA Bernau verhandelt wird, sagen wieder zahlreiche Mithäftlinge aus. „Ich habe wahrgenommen, dass das Opfer zuerst zugeschlagen hat. Dann hat der Angeklagte ihm zwei Mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen, der ging dann zu Boden“, sagt ein Zeuge vor Gericht. Danach soll der Angeklagte mit dem Fuß gegen das Gesicht des Opfers getreten haben. Der Zeuge könne sich an Einzelheiten aber nicht mehr genau erinnern. Der Angeklagte folgt den Aussagen des Zeugen aufmerksam und interessiert. Auch der nächste Zeuge könne sich nicht mehr genau erinnern wie die Schlägerei vonstatten ging. „Die wollten auf dem Sporthofgang irgendwas klären, das hat das Opfer zuvor gesagt. Wer angefangen hat, das habe ich nicht gesehen.“

Das Opfer soll die Mutter des Angeklagten beleidigt haben, sagt ein weiterer Mitgefangener aus. „Ich kenne den Angeklagten seit einigen Jahren, er ist keine Person, der Streit sucht.“ Wieso es zu dem Streit gekommen sei, wisse der Zeuge nicht. „Ich ficke deine Mutter“ soll das Opfer auf dem Hofgang zum Angeklagten gesagt haben, als der gerade Klimmzüge an einer Stange gemacht habe. Dann soll der Getötete den Angeklagten auch noch angespuckt haben. Auf Nachfrage des Verteidigers des Angeklagten, bestätigt der Mithäftling, dass dieser dort „Spice“ geraucht und andere Drogen genommen habe. „Jeder weiß, dass im Knast Drogen sind. Ich bin aber sicher, dass er nicht die Absicht hatte, ihn zu töten.“

„Bitte ruf meine Mutter an, wenn ich wegen einer Schlägerei in ein anderes Gefängnis verlegt werde, damit sie weiß wo ich bin.“ Einen Zettel mit diesen Worten habe der Getötete dem nächsten Zeugen, der in Fesseln vor Gericht aussagte, zugesteckt.

Das Opfer soll laut eines weiteren Zeugen Geschäfte in der JVA gemacht haben. „Der Angeklagte hat die Türken immer gehänselt, was dem Opfer nicht gefallen hat. Deshalb hat er ihn immer provoziert. Er hat sich vom Getöteten aber nicht provozieren lassen, er hat immer ruhig und besonnen reagiert.“ Auch dieser Zeuge bestätigt, dass der Angeklagte in der JVA Drogen genommen habe. Wie auch schon Zeugen des ersten Verhandlungstages erhebt der Mithäftling Vorwürfe, dass es sehr lange gedauert habe, bis der Sanitätsdienst gekommen ist. „Und der war auch nicht gut ausgestattet, der konnte nicht mehr viel machen. Aber wenn man mich fragt, war da eh nicht mehr viel zu machen.“

Vorbericht

Über 100 Häftlinge verbrachten ihren Hofgang am 15. August 2019 in der JVA Bernau auf dem Volleyball- und Basketballplatz. Mittendrin dann eine Prügelei: Ein 49-jähriger Bulgare auf der einen Seite, ein 30-jähriger Kroate auf der anderen Seite. Die Fäuste flogen aus beiden Richtungen, doch als der 30-Jährige zu Boden geht und seinen Kopf heben will setzte es einen tödlichen Tritt. Der Kroate schlug mit dem Kopf so fest auf dem Asphalt auf, dass er ums Leben kam

Am Dienstag ab 9 Uhr wird der Prozess am Landgericht in Traunstein fortgesetzt. Der Angeklagte äußerte sich am ersten Prozesstag am Montag, 25. Mai, nicht zur Tat. Mehrere Zeugen, Mithäftlinge aus Bernau, berichteten dem Gericht aber von der tödlichen Auseinandersetzung. Manche erkannten im Getümmel mehr, manche weniger. Mal zweifelte die Staatsanwaltschaft am Wahrheitsgehalt der Aussagen eines Gefangenen, mal war es der Angeklagte: "Du lügst! Sag die Wahrheit!", entfuhr es ihm einmal. 

Deshalb werden vor Gericht am Dienstag weitere Zeugen, Häftlinge aus der JVA Bernau, geladen. Sie sollen dem Landgericht weiter bei der Wahrheitsfindung helfen: Welche Vorgeschichte gab es zwischen den beiden Kontrahenten? Wer begann die Schlägerei? Spielten Drogengeschäfte innerhalb des Gefängnisses eine Rolle? Nahm der Angeklagte nach dem tödlichen Tritt eine Jubelpose ein, wie es die Staatsanwaltschaft in der Anklage behauptet? Gutachter werden außerdem zur Biographie und zum Wesen des 49-jährigen Bulgaren Stellung nehmen. Ein Urteil soll am 16. Juni fallen.

chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht. 

Quelle: chiemgau24.de

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