Tag 10 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

"Truppen-Clown" sieht "hohe moralische Werte"

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Traunstein/Bad Reichenhall - Am Mittwoch kamen wieder Gutachter bezüglich der Reifung des Angeklagten zu Wort. Eine Psychologin beschrieb, dass sich Christoph R. als Mensch mit hohen moralischen Werten sieht.

UPDATE 19.25 Uhr: War er sich sicher, nicht erwischt zu werden?

Zu sehen ist nun ein verwackeltes Video aus der Stube: Die vier Burschen blödeln halbnackt und betrunken herum, am Boden und den Tischen Schnapsfläschen. Minuten später sieht man die Bundeswehr-Soldaten nur in Boxershorts nachts durchs Treppenhaus turnen. Christoph R. macht dort einen genauso gelösten Eindruck wie seine Kumpels. War sich der mutmaßliche Mörder sicher, ohnehin nicht erwischt zu werden? Ein Zeuge wollte dies am Tag nach der Tat von Christoph R. zumindest gehört haben.

Kaum vorstellbar, dass diese Aufnahmen das Gericht davon überzeugen, den mutmaßlichen Mörder nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Auch die vorher geladene Psychologin kann aus dem Video keine wirklich neuen Erkenntnisse gewinnen: "Er ist eher als Clown der Truppe aufgetreten." Für eine Reifebeurteilung reicht ihr das Video allein natürlich nicht.

Auch der psychologische Gutachter der vergangenen Woche wird wieder in den Zeugenstand gerufen. Das Video will er nicht überbewerten: "Ich sehe nach wie vor keinen Grund, meine bisherige Einschätzung zu korrigieren." Wie schon beim letzten Mal bleibt der Gutachter bei seinem Plädoyer für Anwendung von Jugendstrafrecht. Der Sachverständige erkennt nach wie vor Reifeverzögerungen, eine "Nachreifung" bei Christoph R. könne man nicht ausschließen.

Die Organisation der kommenden Prozesstage ist für den Richter keine einfache Sache: Urlaube und andere berufliche Termine kommen den Beteiligten dazwischen. Am 20. Mai, 8., 18. und 30. Juni werden nochmals Zeugen geladen. Für den nächsten Termin am 20. Mai werden die Jugendgerichtshilfe und ein Vollzugsbeamter aus Traunstein erwartet. Die Plädoyers sollen am 3. Juli gehalten werden, das Urteil wird für 10. Juli erwartet.

UPDATE 16.25 Uhr: "Er wollte sich mir als gute Persönlichkeit darstellen"

"Wir gehen in die Verlängerungsrunde", begrüßt der vorsitzende Richter Klaus Weidmann die Anwesenden im Gerichtssaal wieder. Trotz des verzögerten Ablaufs: Der Zuschauerbereich ist voll wie eh und je. Im Gerichtssaal sind heute auch die von der Nebenklage gewünschten neuen psychologischen Gutachter. Es wurden eigens Termine verschoben, um in den Fall von Bad Reichenhall einsteigen zu können - der Richter scheint erleichtert. In der Zwischenzeit arbeiteten sie sich bereits in den Prozess ein. Damit sich ihr Bild abrundet, sollen in kommenden Prozessterminen auch Mitarbeiter der JVA Traunstein und Straubing aussagen, wo Christoph R. einsaß: Auch sie sollen darüber berichten, welcher Mensch im Angeklagten steckt.

WM-Mord-Prozess - was bisher geschah: 

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Sachverständige plädieren für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

- Prozesstag 9: Nebenklage will doch noch Erwachsenenstrafrecht

Zuerst sagt eine Psychologin aus, die mit dem Angeklagten bereits im Oktober sprach. Wie schätzt sie ihn ein? "Er hat immer den Blickkontakt gemieden", sagt sie. Verschiedene IQ-Tests hätten überdurchschnittliche bis sehr gute Werte ergeben: "Er wollte sich mir als gute Persönlichkeit darstellen, mit hohen moralischen Werten ." Die Psychologin beschreibt außerdem, dass sich Christoph R. selbst als selbstbewusst und attraktiv einschätzte. In den Zuschauerreihen wird höhnisch gezischelt. Insgesamt stuft die Psychologin ihn eher als Jugendlichen und reifeverzögert ein: Seine Lebensplanung, Beziehungen und Alltagsbewältigung sprächen dafür. Außerdem ist sie sich sicher, dass seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen sein. Auch die Aussagen dieser Psychologin tendieren eher zu einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht, aber: Ihre Einschätzung beruht nur auf der Selbsteinschätzung von Christoph R.

Nun wird im Gerichtssaal wieder der Flachbildfernseher aufgefahren. Ein Ex-Kamerad von Christoph R. - wegen auffälliger Erinnerungslücken vergangene Woche zum zweiten Mal geladen - konnte dem Gericht zumindest in einer Hinsicht weiterhelfen: Er überraschte mit einem Video auf seinem i-Pad, das Christoph R. und seine Kameraden nur wenige Tage nach der Bluttat zeigt. Jetzt wird es nochmal für alle sichtbar über den Bildschirm gezeigt. Auch für die neuen Sachverständigen hilfreiches Material. Sie nehmen direkt vor dem Fernseher Platz, während die Beamten die Hardware aufbauen. Nach einer Pause wird mit dem Video fortgesetzt.

VORBERICHT: Wie lange gilt Christoph R. noch als unschuldig?

Bisher bewegten sich die Richter schnellen Schrittes und konsequent auf die Verurteilung von Christoph R. zu, doch beim letzten Verhandlungstag vergangenen Donnerstag sollte es anders kommen: Die Nebenklage funkte dazwischen. Das für heute geplante Urteil muss auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden.
Der Grund: Bisher sprachen sich zwei Gutachter dafür aus, den mutmaßlichen Messermörder Christoph R. nach Jugendstrafrecht zu verurteilen - das will die Nebenklage so nicht hinnehmen. Sie will ein neues psychologisches Gutachten, das möglichst zum Schluss kommt: Christoph R. ist reif genug und sollte nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. So sieht es zumindest die Nebenklage.
Noch am letzten Prozesstag konnte der vorsitzende Richter Klaus Weidmann nicht sagen, wie es heute weitergehen wird. Er hoffte, dass er möglichst schnell den neuen gewünschten Gutachter in das Traunsteiner Landgericht bekommt. Doch der neue Sachverständige wird ohnehin ein Problem bekommen: Christoph R. will nicht mit ihm sprechen - umso schwieriger also, dass sich der psychologische Experte dann ein Bild vom Angeklagten machen kann.

Auch der Sachverständige, der bereits vergangene Woche für Jugendstrafrecht plädierte, soll nochmal vor das Gericht treten und seine Entscheidung genauer erklären. Auch ist es gut möglich, dass Zeugen, die bereits geladen wurden, nochmal aussagen müssen. Richter Weidmann befürchtete bereits, dass der Prozess platzen könnte, wenn er sich zu lange hinzieht - momentan liegt vieles im Vagen. Der heutige Tag wird Aufschluss bringen, wie das Gericht weiter verfahren wird. Noch immer sitzt Christoph R. "nur" in Untersuchungshaft, offiziell ist er vor dem Gesetz noch immer unschuldig. Um 14.30 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

9. Prozesstag beim WM-Mord

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

6. Prozesstag beim WM-Mord

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

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Quelle: chiemgau24.de

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