Interview mit der Regisseurin: "Auf der Jagd - Wem gehört die Natur"

Alice Agneskirchner: "Der Mensch kann gut neben dem Wolf existieren"

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Plakat zum Film "Auf der Jagd - Wem gehört die Natur?"
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Landkreis - "Wem gehört die Natur"? Den Tieren? Den Menschen? Oder sollten wir sie einfach sich selbst überlassen? Der neue Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner versucht diese Frage zu klären.

Wer darf bestimmen und regeln, wie wir mit unseren Wildtieren und ihren Lebensräumen umgehen? Wem gehören überhaupt die Natur und die dort lebenden Tiere

Am 10. Mai startet deutschlandweit der neue Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner, der sich mit genau dieser Frage beschäftigt. Am 5. Mai lief bereits die erste von über 150 Preview-Vorstellungen. Auch die Regisseurin tourt derzeit durch Deutschland, um sich den Fragen des Publikums zusammen mit zahlreichen Protagonisten zu stellen. 

Interview mit Alice Agneskirchner

BGLand24.de hat mit der Regisseurin gesprochen.

Frau Agneskirchner, Wem gehört denn nun die Natur?

Viele Antworten sind richtig. Sie gehört uns allen, sie gehört den Menschen und den Tieren. Sie gehört am Ende niemandem sondern nur sich selbst. 

Ich will mich über den Filmtitel der komplexen Fragestellung annähern, wie überhaupt ein ideales Zusammenleben zwischen Mensch und Tier im Wald aussehen kann. In dieser Auseinandersetzung steht vor allem die Jagd im Mittelpunkt.

Warum haben Sie sich als Filmemacherin entschieden, solch einen Dokumentarfilm im und um den Wald herum zu drehen? 

Ich begebe mich bei all meinen Filmen gerne in Mikrokosmen, die ich noch nicht kenne. Ich hatte viele Artikel wahrgenommen, in denen Jäger sehr schlecht wegkamen – sie wurden entweder als Idioten oder Menschen dargestellt, die Lust am Töten haben. 

Da dachte ich, das kann so nicht sein, das wollte ich selbst kennen lernen. Abgesehen davon ist die Jagd ein großes Thema, ich wollte den philosophischen Gedanken dahinter ergründen: Wo stehen wir in der Natur? Wer gibt uns das Recht, wilde Tiere zu töten? Oder wer sagt uns, dass es Unrecht ist? Die Jäger, mit denen ich gesprochen habe, haben mir alle erzählt, unter welchem Druck sie bei der Jagd stehen. Sie müssen Abschussquoten und Drei-Jahres-Pläne einhalten, genau regulieren, wie viel männliches und weibliches Wild, wie viel altes und junges es gibt. Und alle Jäger in Deutschland sagen, dass diese Quoten irrsinnig hoch und schwer einzuhalten sind.

Was ist Ihre Meinung, ist die Jagd auf jeden Fall nötig? 

Wir sind eines der wildreichsten Länder der Welt. Wir denken immer, das Wild lebt in Afrika oder Kanada, aber nicht bei uns. Dabei gibt es in Deutschland einen großen Reichtum an Rotwild, Damwild, Wölfen, Füchsen oder Vögeln. 

Das ist wirklich ungewöhnlich. Und wenn es die Jäger nicht gäbe, die diesen Bestand im Zaum halten, dann gäbe es den Artenreichtum vermutlich auch nicht, oder nicht mehr. Ich glaube, wir würden den „Wildreichtum“ bald als Belastung empfinden. Egal ob wir Landwirte sind oder Hobbygärtner. 

Über die Jägerschaft in Deutschland gibt es ja viele Vorurteile. 

In meinem Freundeskreis wurde dieses filmische Jagdprojekt von Anfang an sehr skeptisch beäugt. Viele in meinem Umfeld essen seit Jahren kein Fleisch mehr. Warum ich mich dem aussetzen würde, haben sie mich gefragt. 

Aber wir haben ja auch in Kanada mit Amerikanischen Ureinwohnern der Algonquin gedreht – das wiederum fanden meine Bekannten plötzlich sehr spannend. Keiner käme auf die Idee, die Jagd der Ureinwohner Nordamerikas oder Afrikas als moralisch nicht korrekt zu empfinden. Warum denken wir das von hiesigen Jägern? Es war schwer, in Deutschland Jäger zu treffen, die sich mir öffnen wollten. Viele hatten Angst, wie so oft in den Medien als „Mörder“ dargestellt zu werden.

Es waren dann die Jägerinnen, die als erste bereit waren, mich zu treffen. Sie haben mir erklärt, wie Jagd, Fläche, Territorien, Reviergrößen und Jagdbehörden miteinander verbunden sind, wie alles zusammenhängt. Und dabei habe ich gelernt, dass es weder „den Jäger“ noch „die Jägerin“ gibt. Die meisten von ihnen haben große Fachkenntnis, Ehrfurcht und Respekt vor dem, was sie tun. 

Und es gibt auch immer mehr junge Männer und Frauen, die einen Jagdschein machen, um Wild selbst zu erlegen und so zu wissen, was sie da später essen. Dabei geht es ihnen auch um Regionalität. 

In Ihrem Film sind beeindruckende Naturaufnahmen zu sehen. Er erinnert wie eine Huldigung an den Wald, oder? 

In erster Linie wollte ich ein filmisches Erlebnis schaffen, wie sich Jagd anfühlt. Natürlich werden viele Fakten vermittelt, der Film taucht ein in den Jagdalltag, man kann ihn als Zuschauer hautnah miterleben. Dafür hatten wir neben Johannes Imdahl für die dokumentarischen Drehs mit den Jägern auch Owen Prümm dabei, einen Tierfilmkameramann aus Südafrika, der einen ganz frischen Blick auf unsere deutsche Flora und Fauna werfen konnte. 

So sind wir den Tieren mit unseren Kameras mit sehr viel Geduld ganz nahe gekommen. Genau wie den Jägern, die sehr hilfsbereit waren und uns sehr unterstützt haben, als sie verstanden hatten, dass wir keinen Werbefilm für oder gegen die Jagd drehen wollen. 

In Ihrem Dokumentarfilm wird der Wolf als ein effizienter Jäger neben dem Menschen vorgestellt. Warum lassen wir nicht ihn den Bestand regulieren? 

Wildtiere leben nach Territorien. Ein Reh hat ein kleines Territorium, ein Wolf ein irrsinnig großes. Ein Wolfsrudel wäre nicht in der Lage, den Bestand in solch hohen Quoten zu regulieren, wie sie sie die unteren Jagdbehörden in den Landwirtschaftsministerien vorsehen. 

Der Mensch kann aber gut neben dem Wolf existieren. Ob wir Wölfe aber letztlich tatsächlich in unseren Wäldern haben wollen, ist eine Entscheidung, die die Gesellschaft gemeinschaftlich treffen muss. 

Neben dem Wolf nimmt auch die Gams eine ganz besondere Stellung im Film ein. Weshalb?

Die Gams lebt hoch in den Alpen, wo im Winter das Gras zugeschneit ist, gelegentlich frisst sie so auch junge Bäume. In den Gebieten, in denen sie lebt, wird seit 30 Jahren ein staatliches Aufforstungsprogramm betrieben, die sogenannte Schutzwaldsanierung. 

Es werden Jungbäume im Hochgebirge gepflanzt, die als Schutz vor Lawinen oder Bodenerosion dienen sollen. Aber die Sanierung kommt nicht gut voran. Daher gibt es einen erbitterten Streit – die staatlichen Stellen wollen, dass die Gams dort verschwindet, doch die Jäger wollen sie nicht weiter abschießen. 

Sie sagen, wenn sie das weiter tun, wird die Gams bald ausgerottet sein. Ein paradoxer Umstand: Die Jägerschaft will eine Tierart schützen, sie tötet das einzelne Tier nicht einfach so. Unser Film ist der erste, der dieses absurde Treiben in unseren Wäldern – ein Politikum – thematisiert.

Wie sähe Ihr ideales Bild von der perfekten Gesellschaft aus, die in Einklang mit Wald und Natur lebt?

Die Frage ist nicht, was mein ideales Bild ist, sondern für welches Modell wir uns als Gesellschaft entscheiden. Es keinen Sinn, dass einzelne Teilnehmer der Debatte stigmatisiert werden – wie zum Beispiel die Jäger. Ich hoffe, dass AUF DER JAGD - WEM GEHÖRT DIE NATUR? einen guten Beitrag leistet, die Diskussion rund um das Zusammenleben von Mensch und Tier in unseren Wäldern auf eine sachliche Ebene zu bringen

Über den Film "Auf der Jagd - Wem gehört die Natur"

In dem neuen Kinofilm von Alice Agneskirchner kommen Jäger, Förster, Waldbesitzer, Wildbiologen, Tierschützer, Bauern und Forstbeamte zu Wort – und zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Der Film wurde gefördert durch Film- und Medienstiftung NRW, FilmFernsehFonds Bayern, Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie den Deutschen Filmförderfonds. Die Entwicklung wurde zudem gefördert von der Filmförderungsanstalt und der Documentary Campus Masterschool.
Unter wemgehoertdienatur.de finden Sie eine Liste, in welchen Kinos der Film überall gezeigt wird.

Quelle: BGland24.de

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