Aus dem Gerichtssaal in Mühldorf

Fühlte sich erkrankter Garser mit Blindenhund bedrängt und schlug deshalb zu?

Was passiert, wenn man einen Mann, der psychisch krank und auf einen Blindenhund angewiesen ist, unvermittelt packt und festhält? Und wenn man ihn lautstark darauf hinweist, dass Hundeverbot herrscht, wo er sich aufhält und er sich entfernen soll? Im Fall eines Garsers landet die Sache vor Gericht.

Gars/Mühldorf – Sie landete im Gerichtssaal, weil der Bedrängte schlug zu. Die Geschichte ist kompliziert.

Die Abwesenheit des Angeklagten – er hatte sich entschuldigt – führte am Amtsgericht Mühldorf kürzlich zu langen Diskussionen zwischen Richter, Staatsanwaltschaft, Nebenklägervertreter und Verteidiger. Die Kernfrage lautete, sollte die Hauptverhandlung wie geplant stattfinden oder nicht? Wie sich herausstellte, hatte sich der Angeklagte aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen lassen. Die Vermutung, dass eine Panikattacke ihm das Kommen verhindert hatte, begründete Richter Greifenstein mit dem Verweis auf mehrere psychische Krankheiten, unter ihnen auch eine Angststörung, die bei dem Angeklagten diagnostiziert worden seien.

Anklage: Zwei Faustschläge auf das Auge

Grundsätzlich könne das Verfahren trotz allem stattfinden, erklärte Greifenstein, schließlich habe der Verteidiger die Vertretungsvollmacht inne. „Aber ich denke, wir sollten den Beschuldigten in dieser Sache doch zu Wort kommen lassen“, so Greifenstein. Denn die Sachlage, die sich hinter in der Anklage der Körperverletzung durch zwei Schläge auf das Auge eines Geschädigten verbarg, stellte sich als durchaus komplex heraus.

Wie in der Diskussion deutlich wurde, war der Angeklagte – nicht zum ersten Mal – auf dem Gelände des Kloster Gars mit seinem Hund unterwegs und ignorierte somit das dort herrschende Hundeverbot. Durch einen Angestellten des Klosters sei der sehbehinderte Mann, anscheinend zum wiederholten Male, auf das Verbot hingewiesen worden.

Laut Nebenklägervertreter habe sich der Beschuldigte daraufhin aggressiv verhalten. Als die Situation zu eskalieren drohte, ging ein weiterer Beteiligter zwischen die beiden Männer und erhielt daraufhin die beiden besagten Faustschläge aufs Auge. Eine scheinbar eindeutige Sachlage. Der Verteidiger des Abwesenden wies jedoch darauf hin, dass sein Mandat von dem Geschädigten wohl ohne Vorwarnung festgehalten wurde.

Wegen Berührung offenbar erschreckt

Das sei sowohl aufgrund der Corona-Vorschriften ein bedenkliches Verhalten, als auch aufgrund der Tatsache, dass der Angeklagte kaum etwas sehe. „Es kann also durchaus sein, dass er sich wegen der plötzlichen Berührung erschreckt und nur deshalb den anderen Mann körperlich angegriffen hat“, so der Verteidiger.

Zudem, erklärte er, handele es sich bei dem vierbeinigen Begleiter an der Seite des Beschuldigten um einen Blindenhund, der unter anderem auf diese Strecke am Kloster angelernt worden sei. „Laut meinem Mandanten ist der Hund auf drei Strecken trainiert“, erläuterte der Verteidiger. Eine der Strecken führe jedoch an der viel befahrenen Straße entlang. Wegen der Gefahr vermeide der Angeklagte diese. Die andere Strecke, so der Verteidiger, verweigere der Hund. „Dort wohnt ein anderer, aggressiver Hund.“ Somit bleibe dem Angeklagten nur die Strecke am Kloster.

Abschreckendes Beispiel für Zivilcourage

Eine Begründung, die Richter Greifenstein, zur Kenntnis nahm. „Trotzdem sind dort Hunde nicht erlaubt.“ Und es bleibe dabei, dass zwei Personen angegriffen wurden. „Man muss sich nicht schlagen lassen.“ Zudem sei der Tatablauf ein abschreckendes Beispiel für die Zivilcourage. „Da möchte jemand dazwischen gehen und dann wird er geschlagen. Das geht nicht.“ Ein Ausgleich der Geschädigten müsse erfolgen. Insbesondere da auch der Geschädigte bereits mit einer Augenkrankheit vorbelastet sei. „Ein Schlag aufs Auge war da nicht förderlich“, so sein Vertreter.

Greifenstein stellte in den Raum, ob es nicht möglich wäre, eine außergerichtliche Einigung zu finden. „Es wird auf eine Körperverletzung hinauslaufen. Aber in diesem Fall ist der Anspruch des Staates auf Ausgleich der Geringste.“ Damit könne dem Angeklagten auch eine Verhandlung erspart werden, die ihn eindeutig stark stresse, wie an seiner Abwesenheit zu erkennen sei. Ein Termin für eine weitere gerichtliche Aufarbeitung steht noch aus.

Rubriklistenbild: © Franziska Kraufmann

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