Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Aus Burghausen in die Berge

Mit vier Kindern auf der Alm: Sennerin Julia Barbarino über eine ganz besondere Familienzeit

Julia Barabarino mit ihren Kindern Josef, Karolina, Magdalena und Luise
+
Julia Barabarino mit ihren Kindern Josef, Karolina, Magdalena und Luise (v.l.)

Sie schreibt über das Glück des einfachen Lebens – wobei es sich alles andere als einfach anhört, mit vier Kindern den Sommer auf der Alm als Sennerin zu arbeiten. Aber für Julia Barbarino gehören die Wochen in den Bergen inzwischen zu der wertvollsten Zeit im Jahr – und auch ihre Kids schätzen die Zeit mitten in der Natur. Ein Gespräch über Alpweh, Sennerinnen-Alltag und das Gefühl von Freiheit.

von Raphaela Kreitmeir

Du bist in München geboren und in Burghausen aufgewachsen. Wie kommt man als Städterin darauf, den Sommer als Sennerin auf einer Alm zu verbringen? 

Als Teenager habe ich einen Artikel über eine alte Sennerin gelesen. Ihre Geschichte hat mich so beeindruckt, dass ich den Bericht viele Jahre in meinem Tagebuch aufbewahrt habe. Und als ich dann nach dem Studium ein kleines Kind hatte und wieder schwanger wurde, ist der Gedanken in mir gereift, es zu versuchen. Glücklicherweise konnte ich meine „kleine“ Schwester, die zehn Jahre jünger als ich ist und gerade ihre Abi gemacht hatte, für die Idee begeistern, und so starteten wir den ersten Sommer in den Bergen.

Seit 2008 packt dich das Almfieber, jeden Sommer aufs Neue, und du gehst erst mit zwei, dann mit drei, inzwischen mit vier Kindern auf die Alm. Stören Kinder da nicht?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich genieße es zu erleben, wie glücklich sie da oben sind. Sie vermissen keine der Annehmlichkeiten, die sonst bestehen, verzichten bereitwillig auf WLAN und ihre Freunde, erleben die Natur, sich selbst und ihre Geschwister ganz intensiv. Zudem wollte ich meine Kinder am liebsten immer um mich haben, da war und ist das Leben auf der Alm perfekt.

Grenzenlose Freiheit: Die Alm fühlt sich für die Kinder wie ein Abenteuerspielplatz an.

Was waren deine Vorstellungen vor dem ersten Almsommer?

Meine Vorstellungen waren nicht naiv verklärt. Ein Freund von mir arbeitete schon lange in Schweiz auf einer Alm und bei den Besuchen habe ich seinen Alltag kennengelernt. Was mich faszinierte und immer noch fasziniert, ist die Einfachheit: Dort oben konzentriert man sich auf das Wesentliche, lebt mit der Natur, spürt sie mit jeder Faser des Körpers.

Und wie sieht die Realität als Sennerin aus?

Man spürt nicht nur die Natur, sondern auch die Arbeit mit jeder Faser des Körpers. Abends fällt man total müde ins Bett, aber jeder neue Morgen entschädigt für die Mühen. 

Wie hast du dich auf dein erstes Mal vorbereitet?

Ich habe das „Handbuch Alp“ nicht nur gelesen, sondern fast auswendig gelernt. Die darin geschilderten Erfahrungsberichte haben mir sehr viel gegeben. Aber da es ja auch um ganz praktische Fähigkeiten geht, habe ich bei einem befreundeten Bauern melken gelernt und alles, was zur Melkhygiene dazugehört. Und dann habe ich gefühlt unendlich viel Vorräte gekauft und eingepackt.

„Das Leben kann so einfach sein“

2008 ging Julia Barbarino das erste Mal mit ihren Kindern auf die Alm, Magdalena war da gerade mal zwei Jahre alt, Luise ein Jahr. 2010 folgte Josef und 2012 Karolina, die wie selbstverständlich die Sommermonate mit auf der Alm verbracht haben und verbringen. Das Jahr über lebt die inzwischen 42-jährige alleinerziehende Mama mit ihren vier Kindern in Burghausen, wo sie im Familienunternehmen arbeitet. Sie liebt es, ihre Kundinnen zu beraten und ihnen ein schönes Gwand zu verkaufen. Die Dirndl werden in der eigenen Manufaktur geschneidert. Ihre älteste Tochter plant die Familientradition fortzusetzen und will nächstes Jahr nach dem Schulabschluss das Schneiderhandwerk erlernen.

Was nimmt man mit auf die Alm?

Sehr, sehr viel – vor allem wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist, muss man vom Babybrei über die Windeln bis hin zum Puppenwagen und Dreirad an alles denken. Da wir bei unserem ersten Almsommer umgezogen sind, habe ich auch noch alle Zimmerpflanzen, Gartenmöbel und noch viel mehr mitgenommen. Das war eindeutig zu viel und hat sich Jahr für Jahr reduziert. Heute packen die Kinder selbstständig ein, was sie brauchen, und ich bin „nur“ noch fürs Essen zuständig, wobei die Essensmenge mit vier Teenagern durchaus bemerkenswert ist.

Was isst man eigentlich dort oben?

Alles, was einfach zu kochen oder zu backen ist und gut schmeckt. Die Auswahl reicht von Rohrnudeln über Kaiserschmarrn bis hin zu Kaspressknödeln. Eine Auswahl unserer Lieblingsrezepte habe ich in das Buch aufgenommen. 

Was war das Wichtigste, was das Unnötigste, das du beim ersten Mal eingepackt hast?

Gartentisch und Sonnenschirm hätte ich getrost daheimlassen können, ebenso wie die gefühlt 1.000 anderen Dinge, die wir nicht wirklich brauchten. Am allerwichtigsten waren und sind eindeutig die Gummistiefel, die sind ein absolutes Must-have auf der Alm.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag auf der Alm aus? 

Die Tage beginnen gegen 5.30 Uhr damit, dass man den Ofen einschürt, um genug heißes Wasser für die Reinigung des Milchgeschirrs später zu haben. Dann sucht man die Kühe, die den Abend und die Nacht über auf der Alm sind, treibt sie nach Hause und hängt jede an ihrem Platz im Stall an. Das kann mal zügig gehen, mal dauert es lange, denn die Kühe haben ihren eigenen Kopf und reagieren sehr sensibel und auch bockig auf Unsicherheit oder Stress. Wenn das geschafft ist, wird gemolken und im Anschluss das Milchgeschirr gereinigt. Dann gibt’s Frühstück. Bis zum Mittagessen hat man Zeit zum Wäschewaschen, Brotbacken, Kochen – und da es da oben keinen Strom gibt, dauert das. Dazwischen geht man in den Stall zum Zwischenmisten, damit die Kühe nicht im Dreck liegen. Nach dem Mittagessen hat man meist eine kleine Pause, bevor um 16 Uhr die Stallarbeit mit Saubermachen und Melken beginnt. Dann treibt man die Kälber auf die eine und die Kühe auf die andere Weide, kontrolliert die Zäune, mistet den Stall aus und streut frisch ein. Bis dahin ist es meist 20 Uhr, also bereitet man das Abendbrot zu, redet und spielt bei Kerzenschein miteinander und fällt dann ins Bett.

2008 ging Julia Barbarino das erste Mal mit ihren Kindern auf die Alm.

Was sind deine liebsten Aufgaben?

Ich liebe es, die Kühe frühmorgens zu holen, weil man dabei der Natur beim Erwachen zusehen kann. Auch das Melken mag ich sehr, wohingegen das Umstechen des Misthaufens definitiv nicht zu meinen Lieblingsaufgaben gehört. 

Wie haben sich die Aufenthalte im Lauf der Jahre verändert?

Die Kinder übernehmen immer mehr Aufgaben, sei es das Suchen und Reintreiben der Kühe am Morgen oder das Frühstückmachen. Dadurch gewinne ich mehr Zeit für mich, die ich zum Wandern oder Kräutersuchen nutze. Früher war ich für alles verantwortlich, inzwischen arbeiten wir immer mehr wie ein Team zusammen. 

In der Hütte führt eine Tür vom Stall direkt zur Stube: Wie geht man mit dem Geruch, wie mit den Fliegen um?

Wie viele Fliegen um einen rumschwirren, hängt von der Witterung ab, aber insgesamt sind es meist viele, die wirklich nerven können. Dagegen nervt der Geruch gar nicht, man riecht ihn eigentlich überhaupt nicht – zumindest solange man auf der Alm ist. Sobald man unten ist, muss man wirklich alles waschen, die Haare bis zu dreimal, bis der Kuhgeruch nicht mehr dominiert.

 Waren „nur“ Kühe auf den Almen? 

Zwischendrin hatten wir auch Schweine, was praktisch war, weil ich an sie die Molke verfüttern konnte, die reichlich beim Käsemachen angefallen ist. Was wir immer dabeihaben, sind unsere Hühner, die gehören quasi zur Familie, leben unterm Jahr mitten in Burghausen sozusagen als Stadthühner und den Sommer über als Landhühner auf der Alm.

Gibt es etwas, das man von Kühen lernen?

Eindeutig Gelassenheit. Denn die Kühe wirken wie ein Spiegel, je gelassener du bist, desto gelassener reagieren auch sie, was allerdings auch im Umkehrschluss gilt: Wenn du gestresst bist, sind sie es auch, was dazu führen kann, dass sie die Milch zurückhalten und unter Umständen eine Euterentzündung bekommen können. Das gilt es unbedingt zu vermeiden. Also übt man sich in Gelassenheit. 

Verschnaufpause: Nach der Stallarbeit ist Familienzeit

Verändern die Almsommer die Kinder? 

Sie werden ruhiger im Laufe der Wochen. Dieses Nicht-Müssen, diese Freiheit von allen Terminen, die sie sonst in der Schule und in der Freizeit haben, tut ihnen wahnsinnig gut.

 Haben die inzwischen elf Almsommer dich verändert?

Ich weiß ja nicht, wie ich mich sonst entwickelt hätte. Aber auf alle Fälle machen diese Einfachheit und Konzentration aufs Wesentliche was mit mir. Ich gewinne innere Freiräume, habe Zeit zum Denken und Reflektieren.

Rückkehr in den Alltag fernab der Alm: Was fällt besonders schwer, was ist überaus willkommen? 

Das erste Mal Auto fahren ist immer wieder eine Herausforderung, weil im Verkehr alles so schnell geht und hektisch ist. Stressig empfinde ich es auch einkaufen zu gehen, all diese Reize überfordern nach den Wochen auf der Alm. Wenn ich beispielsweise Joghurt brauche, stehen im Kühlregal gefühlt 50 Sorten, diese Auswahl ist anstrengend. 

Wie „schalten“ die Kids um?

Bei den Kindern geht das ganz automatisch. Sie genießen es dann, mit ihren Freunden Zeit verbringen zu können, schwimmen zu gehen, WLAN zu haben und ganz „normale“ letzte Ferientage zu verbringen.

Du schreibst davon, dass dich und deine Kinder jeden Winter das Alpweh packt. Was meinst du damit?

Das Alpweh ist sowas wie Fernweh, nur dass wir uns nicht nach der Ferne, sondern nach der Alm sehnen. Ab dem Winter vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens eines der Kinder fragt, wann es endlich wieder losgeht. 

Wie kamst du auf die Idee, deine Almerfahrungen in einem Buch zu beschreiben?

Die Kinder waren ja irgendwann alt genug, um in die Schule und den Kindergarten zu gehen, da hatte ich auf einmal vormittags frei und habe überlegt, was ich mit dieser Zeit anstelle. Meine Erfahrung war, dass immer wenn ich über meine Wochen auf der Alm erzählte, mir die Menschen sprichwörtlich an den Lippen hingen. Also habe ich meine Tagebücher hergenommen, alle Einträge getippt und einen Verlag angeschrieben. Der Verlag war begeistert und stellte mir Sabine Wünsch zur Seite. Gemeinsam schrieben wir dann mein Buch „Auf der Alm“.

Auf der Alm – Vom Glück des einfachen Lebens ISBN 978-3453281370 22 €

Wonach riecht, schmeckt und hört sich ein Sommer auf der Alm an?

Der Almsommer riecht nach verbranntem Holz, das wärmt, und nach Kuhmist gemischt mit Heuduft. Ich habe den Klang der Kuhglocken im Ohr und den Geschmack von Kaffee mit frisch gemolkener Milch auf der Zunge.

Leselust geweckt?

Diesen Artikel findet Ihr in der neuen Ausgabe der ROSENHEIMERIN.

Außerdem bunte Geschichten aus dem Leben, tolle Stories über besondere Menschen und jede Menge Inspiration in Sachen Lifestyle, Fashion, Beauty und Genuss. 

Lest Euch mit uns einfach durch die schönsten Seiten der Region!

Die ROSENHEIMERIN

JETZT am Kiosk und online unter www.rosenheimer.in 

Die neue Ausgabe der Rosenheimerin ist da!

Kommentare