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Backstage in der Giftküche - Teil 1

Medizin aus China: Wie Rosenheimer und Ampfinger Apotheker geheimnisvolle Dekokte brauen

Giftige Schönheit
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Der Rote Fingerhut „Digitalis Purpurea“ ist giftig. Doch sein Wirkstoff kann ein potentes Herzmittel sein. Oben das Zeichen für „Qi“, die Lebensenergie, es bedeutet auch „Atem“.

Die Denkweise der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist vielen Menschen in Oberbayern noch nicht bekannt. Doch der Einfluss der fernöstlichen Behandlungs-Methode nimmt ständig zu. In Rosenheim und Ampfing zum Beispiel gibt es Apotheken, die sich auf die Herstellung wundersamer Substanzen spezialisiert haben. Ärzte wie Dr. Sri Sulilatu aus Wasserburg oder Christian Fischer aus Rosenheim lassen dort „Chinesische Dekokte“ herstellen. Teil eins unserer zweiteiligen TCM-Serie.

Rosenheim/Mühldorf - Heilende Substanzen aus dem Pulver getrockneter Käfer aus China? Oder hochgiftige Pflanzen, aus denen man mit einem komplizierten Kochverfahren eine Heilwirkung extrahiert. Solche Prozesse laufen in den Labors mancher Apotheken in Oberbayern tagtäglich ab. Und nur wenige wissen davon. Und selbst in den Apotheken-Teams verfügen nur einzelne Apotheker bzw. PTAs über die „Geheimrezepturen“ der Zubereitung.

„Rohdrogen“ eines Dekokts (reine Flüssigkeit), hergestellt von Pharmazeutisch-Technischen Assistentinnen der St. Martins Apotheke in Ampfing.

Zum Verständnis sei hier angemerkt, dass die Arzneimitteltherapie nur eine der fünf Säulen der TCM ist. Wir erheben mit unserer kleinen Serie nicht den Anspruch darauf, diese ganzheitliche Behandlungsmethode vollständig zu erklären.

Zwei dieser „Zaubertrank“ TCM-Apotheken in der Region sind zum Beispiel die Rieder´sche Alte Apotheke in Rosenheim und die St. Martins Apotheke in Ampfing. Dort treffen regelmäßig importierte Lieferungen von Rohmaterialien aus China ein, die teilweise streng kennzeichnungspflichtig - bzw. giftig - sind.

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Die TCM ist ein Behandlungs-System aus China, das dort eine über 3.000 Jahre alte Tradition als Wissenschaft der Medizin darstellt. Ein Bereich dieses Wissens besteht aus uraltem Volks- bzw. Aberglauben, der von europäischen TCM-Medizinern nicht angewendet wird.

Die TCM ist als wirksame medizinische Methode in Deutschland nicht offiziell anerkannt. Im Gegensatz zu privaten Kassen werden TCM-Behandlungskosten von gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Privatversicherte bekommen einige Leistungen erstattet. Anders in der Schweiz: Nach einer Reform der Krankenversicherung beinhaltet die dortige „Bürgerversicherung“ mehr TCM-Leistungen.

TCM ist nicht zu verwechseln mit Homöopathie oder Naturheilkunde. Angewendet wird die TCM als Methode nach einer Erteilung der Heilerlaubnis als eine Ergänzung zur Schulmedizin.

Um diese Substanzen überhaupt in Deutschland einzuführen - bzw. sie zur Behandlung am Menschen vorbereiten - zu dürfen, brauchen Apotheken spezielle Zulassungen und Sondergenehmigungen. In Bayern gibt es aber auch einen kontrollierten Anbau von TCM-Pflanzen.

„Dekokte“ sind eine hochkonzentrierte Abkochung von Rohkräutern

Es werden hauptsächlich Wurzeln, Zweige, Blätter, Blüten und Früchte aber auch Tierprodukte und Mineralien als Arzneien in der TCM eingesetzt. Rohkräuter werden als Dekokte (Auszug mit mehrmaligem Auskochen und abpressen) eingenommen.

Dr. Sri Sulilatu - deren Vater aus Indonesien stammte - klärt aber auf, dass „Dekokte viel stärker und wirkungsvoller sind als Tee“. Schließlich „kocht man die Pflanzen bzw. deren Wurzeln intensiv aus, statt nur getrocknete Blätter kurz mit heißem Wasser zu übergießen wie beim Tee“.

Kochen in der US-Serie „Breaking Bad“ Methamphetamin: Walter White (Bryan Cranston, links) und Jesse Pinkman (Aaron Paul).

Wie bei „Breaking Bad“: Aus Herba Ephedrae könnte man Crystal Meth herstellen

Richtig abenteuerlich wird es, wenn eine Mitarbeiterin der St. Martins Apotheke Ampfing (PTA, Pharmazeutisch-Technische-Assistentin) von Herba Ephedrae spricht: „Das sind Kräuter, die völlig harmlos aussehen, wie Hafer, nur grün. Doch Extrakte daraus werden genau abgewogen und streng dokumentiert.“

Auch bemerkenswert: Heilpraktiker dürfen das Kraut nicht verschreiben, sondern nur Ärzte. Warum? „Weil es missbräuchlich als Ausgangsstoff für die Herstellung der Droge Methamphetamin bzw. Crystal Meth verwendet werden könnte“, so Dr. Sri Sulilatu.

Herba Ephedrae unterliegt dem Grundstoffüberwachungsgesetz (GÜG). Wie wirkt so ein Dekokt? Dr. Sulilatu: „Es bringt Wärme in den Körper bzw. in die Schleimhäute, zum Beispiel bei einer akuten Blasenentzündung. Es hat dosisabhängig eine dynamisierende Wirkung. Es wirkt dann aufputschend und anregend. Der Wirkstoff kann sogar bei gesunden Menschen eine Blutdrucksteigerung verursachen.“

Dr. Sri Sulilatu aus Wasserburg und Christian Fischer aus Rosenheim.

Löwenzahntee und chinesische Kräuter müssen durch Apotheken-TÜV

Grundsätzlich müssen alle Ausgangsstoffe und Dekokte - also Produkte, die zum Arzt oder zum Kunden gelangen - vom Apotheken-Personal auf Identität geprüft und freigegeben werden. Dabei geht es um Haftungs-Fragen und Patientenschutz.

Eventuellen Vergiftungen und Missbrauch wird vorgebeugt. Egal, ob Löwenzahnkraut-Tee oder chinesische Kräuter, alles muss also nochmal durch den Apotheken-TÜV.

Tierschützer protestieren gegen Anwendungen mit Nashornpulver

Besonders umstritten ist der TCM-Teilbereich mit der Verwendung tierischer Substanzen als Heilmittel. Christian Fischer aus Rosenheim: „Es gibt von Seiten einiger Tierschutz-Organisationen immer wieder berechtigte Kritik an TCM-Therapien mit tierischen Stoffen. Viele davon dürfen aufgrund der Artenschutz-Bestimmungen gar nicht in die EU eingeführt werden.“

Ein Beispiel dafür ist Nashornpulver. Das Dekokt daraus soll gegen Keuch- und Krupphusten helfen. Dies ist in Deutschland verboten. Als Ersatz dafür könnte man „das Horn des Wasserbüffels (Pulvis Cornus Bubali) verwenden“, so Fischer.

Nach Aussage von Apotheker Markus Bauer von der Rieder´schen Apotheke in Rosenheim gibt es „praktisch keine Dekokte oder Salben mehr aus tierischen Substanzen, weil dies aus Gründen des Artenschutzes immer mehr ins Abseits geraten ist.“

Unbehandelt ist es eine hochgiftige Pflanze: Biene im Anflug auf eine Blüte des Eisenhuts.

Eisenhut muss vorher „entgiftet“ werden

Der Wirkstoff einer besonderen heimischen Pflanze wird allerdings von Homöopathen und TCM-Ärzten gleichermaßen verwendet: Der Eisenhut - Lateinisch „Aconitum“. Die blau blühende Gartenschönheit besitzt das stärkste in Deutschland bekannte Pflanzengift.

Sri Sulilatu: „Wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. In der TCM verwenden wir nur präparierte, ungiftige Exemplare des Eisenhuts. Seine Auskochung wirkt wärmend.“ In der Homöopathie dagegen wird die Aconitum-Substanz so lange verdünnt, bis eine winzig kleine Giftigkeit eine „heilende Dynamik“ erzeugen soll.

-rok-

Lesen Sie mehr zum Thema TCM im zweiten Teil (folgt) unserer kleinen Serie über die Behandlungsmethode.

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