Nach Mord in Prien: Gastbeitrag von Alex Diehl

"Fremdenfeindlichkeit, Hass und das Internet"

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Kein Verständnis für Hasskommentare hat Alex Diehl, Musiker aus dem Chiemgau.

Landkreis - Nicht erst seit dem brutalen Mord in Prien sind hetzerische Kommentare in Internet-Foren und sozialen Medien scheinbar schon gang und gäbe. Alex Diehl, Liedermacher aus dem Chiemgau, hat hierzu eine klare Meinung, die er in einem Gastbeitrag auf unseren Portalen zum Ausdruck bringt:

Ich lese gerne die Nachrichten. Auch gerne die Neuigkeiten aus meiner Heimat. Das Nachrichtenportal chiemgau24.de eignet sich daher gut, immer „UpToDate“ zu sein, was Regional, wie auch Überregional so vor sich geht. Ich beziehe das Meiste, was ich an Nachrichten konsumiere, über die Facebook-Seite von chiemgau24.de.

Hetze, Hass, Beleidigungen und sogar Drohungen

Eines sticht einem auf Facebook aber leider sehr oft klar und schmerzlich ins Auge. Die Kommentare unter Beiträgen mit den Themen Asyl, Politik, oder gar Straftaten von Ausländern: Sie sind gehäuft von Hetze, Hass, Beleidigungen und sogar Drohungen. Um Einige zu zitieren, die ich in den vergangenen Jahren selbst gelesen habe: 

  • "Die sollen alle verbrannt werden und die Asche wieder zurück über’s Mittelmeer"
  • "Scheiß Kanacken - alle abschieben, sollen sie sich da gegenseitig umbringen"
  • "Na warte, bis deine Tochter vergewaltigt oder schlimmeres wird"

Alles Kommentare von "Nachbarn" aus dem Chiemgau und Umgebung. Jetzt frage ich mich: "Was denkt man sich dabei, sich so widerwärtig, ganz nebenbei, auf einer Facebook-Seite zu äußern?" Dass ein Verbrechen geahndet werden muss, ist klar. Deswegen eine Gruppe, wie "alle Flüchtlinge" oder "alle Ausländer" zu pauschalisieren und generell unter "Verdacht" zu stellen, ist gediegen gesagt, rassistisch. Als hätte ein Deutscher noch nie etwas verbrochen oder wäre grundsätzlich "weniger dazu fähig" ein Verbrechen zu begehen, als ein Ausländer "wegen seiner kulturellen Herkunft".

Keine Einzelfälle 

Diese Art von wutentbrannten Kommentaren - alles keine Einzelfälle. Zu dutzenden liest man sie unter Beiträgen mit eben diesen Themen. Dass dies Anstandssache ist und in einer respektvollen Unterhaltung, sei es im Netz oder persönlich, nichts verloren hat, sollte jedem klar sein. Dennoch ist das Internet keine anonyme Zone, bei der man seinen populistischen und oft nationalistischen Mist mal eben so ohne Konsequenzen in ein Kommentarfeld packen kann! Oder doch? 

Gefährliche Doppelmoral

Wird die Straftat von einem "deutschstämmigen" Bürger begangen, herrscht gähnende Leere im Kommentarfeld. Diese Doppelmoral ist gefährlich, sollten die Worte eines Tages ausgehen. 

Es scheint so, als wären sich die User gar nicht bewusst, dass sie hier in keinem rechtsfreien Raum sagen können, was sie wollen. Das hat auch nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Man kann alles kritisieren und in Frage stellen aber "der Ton macht die Musik".

Viel Arbeit für Social Media-Manager

Es ist gang und gäbe, dass News-Seiten mittlerweile einen Social Media-Manager angestellt haben, um die Ordnung und Qualität auf ihren Seiten, zu wahren - so auch bei chiemgau24.de, die am Laufenden Band rassistische Kommentare löschen und User sperren müssen. Mit der Masse an Beleidigungen und Hetzkommentaren ist es aber kein Wunder, dass die Social Media-Manager kaum hinterherkommen.

Es scheint in Mode gekommen zu sein, einfach mal "die Wahrheit" von der Leine zu lassen, ganz egal wer mitliest und vor allem, ob es überhaupt einer "Wahrheit" entspricht. "Fake-News", wie es so schön heißt, werden auch gerne mal von diesen Kommentatoren geteilt, z.B. Nachrichten von Vergewaltigungen oder anderen Straftaten, die nie stattgefunden haben. 

Es geht nicht um die Opfer und die Wahrheit, sondern um Hass und Bestätigung

Eine Verschlechterung unserer Kriminalitätsrate kann und möchte ich nicht leugnen. Es spielt bei "Hetzern" aber gar keine Rolle, was wahr ist und was nicht. Man wünscht sich regelrecht, dass es ein "IS-Attentat" oder ein "Asylbewerber" war. Das ist das Traurige daran. Es geht in keiner Weise um die Opfer oder die Wahrheit. Es geht um Hass und Bestätigung. Die Einen wünschen sich, es wäre ein "Christ", die Anderen, es wäre ein "Moslem" gewesen und wer dabei sein Leben lassen musste, ist völlig egal.

Dass ein Hasskommentar, wie dieser hier zum Beispiel: "Drecks Kanacken, die gehören alle abgeschoben", welcher vor wenigen Tagen zum Mord in Prien am Chiemsee kurzzeitig gepostet wurde, nicht ohne Konsequenzen bleibt, ist leider die Ausnahme. Kollegen, die im selben Betrieb arbeiten, wie der Kommentierende, sind auf die rassistische Äußerung aufmerksam geworden und antworteten ihm: "Du kannst uns ja am Montag in der Arbeit erklären, was du mit 'Drecks Kanacken' gemeint hast?" (Dieser Arbeitskollege ist türkischstämmig und lebt Zeit seines Lebens im Landkreis Traunstein). 

Tat in Prien war unmenschlich und grausam

Dass diese Tat in Prien unmenschlich und grausam war, darüber brauchen wir nicht reden. Jedoch hat dieser Mord nichts mit "allen Kanacken" zu tun, sondern mit einem kranken Menschen, der Krankes tat und viel Leid damit verursachte.

Mit der Politik auch unzufrieden, vor allem mit der Asylpolitik

Ich kann verstehen, dass viele, genau wie ich, nicht immer zufrieden mit der Politik sind. Vor allem mit der Asylpolitik, so wie sie die letzten Jahre gelaufen ist. Auch ich hätte mir gewünscht, dass zum Beispiel die Identifizierung der Asylsuchenden besser gelaufen wäre und man auf die Masse an Menschen besser vorbereitet gewesen wäre. Aber ich denke, es haben viele Menschen ihr Bestes gegeben, um dem allen Herr zu werden. Hätte ganz Europa etwas mehr mitgezogen, wären wir auch mit dieser Situation nicht so alleine gewesen.

Wird ein Schuldiger gesucht?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass man einen Schuldigen sucht. Jemand, der das eigene Versagen oder die eigene Bequemlichkeit etwas erleichtert. Jeder, der hier geboren wurde und aufgewachsen ist, hat die Chance Arzt, Anwalt, Komiker, selbstständig oder was auch immer zu werden. Ausreden und Schuldige gibt es immer und überall. Dass ausgerechnet hier so viel Hass an den "virtuellen Stammtischen" herrscht, leuchtet mir nicht ein. Sind wir doch durch Glück und Zufall auf diesem behüteten Fleckchen Erde abgesetzt worden. Wir mussten dafür nichts leisten.

Es sind immer Menschen, keine Moslems, Christen oder Asylbewerber

Es macht mich traurig und auch ein Stück weit wütend, dass hier so viele eine so schlechte Einstellung haben. Es ist grausam, was passiert. Egal, wo und wann es passiert. Es sind immer Menschen, die eine Tat begehen. Keine "Moslems", keine "Christen", keine "Asylanten", keine "Kanacken" oder sonstige verbale Spaltungen unserer menschlichen Rasse. Es sind immer Menschen, die, insofern sie Herr ihrer geistigen Fähigkeiten sind, für ihre Taten verantwortlich sind. Man kann eine Tat nicht auf eine Kultur oder ein "ja, die sind halt so" schieben. Es sind immer Individuen. Das "Pauschalisieren" ist große Mode, es vereinfacht dem einfachen Geist mal schnell seiner Wut Platz zu machen. Mehr auch nicht. Mit der Realität hat so eine Aussage nichts zu tun.

Kritik muss wieder "gelernt" werden!

Ich würde mir wünschen, dass Kritik wieder "gelernt" wird. Sich informieren, sich austauschen und diskutieren, aber keine Beleidigungen oder Hetze in den Kommentaren. Sich einfach vorher über das entsprechende Thema informieren und schauen, was wirklich passiert ist. Manch einer will das aber vielleicht gar nicht, man will einfach nur seiner Wut freien Lauf lassen und einen Schuldigen haben. Es macht mich traurig, dass so viele Menschen hier aus unserer Heimat so ein schlechtes Weltbild haben und auch gar nicht einsehen, sich der Situation auch nur ein Stück weit zu nähern. Als würde Migration erst seit 2015 überhaupt stattfinden.

Es muss ein respektvolles Miteinander geben! 

Man muss nicht einer Meinung sein, man kann wählen, wen man will und sagen was man möchte, aber eines kann man nicht stehen lassen: Rassismus, Hass und Hetze! Die haben hier kein zu Hause! Hier leben Menschen im Chiemgau! Er gehört Niemanden, außer uns allen...

Alex Diehl (Musiker aus dem Chiemgau)

Anm. der Redaktion: Da eine ausreichende Moderation der Kommentare während der Nachtstunden nicht gewährleistet werden kann, wurde die Kommentarfunktion unter diesem Artikel bis auf weiteres deaktiviert.

Quelle: chiemgau24.de

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