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Christian Hechenbichler, Ruhpoldinger Bauer, Holzschnitzer und Autor

Der „Homer des Chiemgau“ wäre 100 Jahre alt geworden

Christian Hechenbichler, der Simandl, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Hier ist er im alter von etwa 85 Jahren in seiner Stube auf dem Simandlhof zu sehen neben einer von ihm geschnitzten Madonna.
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Christian Hechenbichler, der Simandl, wäre am 22. Februar 100 Jahre alt geworden. Hier ist er im Alter von etwa 85 Jahren in seiner Stube auf dem Simandlhof zu sehen neben einer von ihm geschnitzten Madonna.

Am Montag, den 22. Februar, wäre der alte Simandl, Christian Hechenbichler, 100 Jahre alt geworden.

Im Alter von 92 Jahren war er eines Morgens nicht mehr aufgewacht, ohne an einer lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden. Ein Tod, den er sich immer gewünscht hatte.

Christian Hechenbichler war trotz seiner frühen, langsamen Erblindung eine außerordentliche Persönlichkeit, die Zeit seines Lebens viel für seine bayerische Heimat und sein Dorf leistete. Zuletzt als Dichter – „Homer des Chiemgau“, wie er von vielen genannt wurde, früher als Holzschnitzer, Kreisrat, Gemeinderat und Vorstandsmitglied in vielen Vereinen prägte er das öffentliche Leben. Bis zuletzt zeichnete er sich durch eine geistige Beweglichkeit und vor allem ein Gedächtnis aus, von dem mancher Jüngere nur träumt. Ein gewaltiges geschichtliches und literarisches Wissen sprudelte nur so aus ihm heraus, und wenn er sich zurückerinnerte, konnte er unendlich viel aus dem Ruhpoldinger Gemeindeleben erzählen, gewürzt von so mancher Anekdote. All das, obwohl er Simandl seit fast 20 Jahren völlig blind war: 1943 hatte er im Krieg sein linkes Auge durch einen Granatsplitter verloren, und durch eine unheilbare Krankheit wurde auch die Sehkraft am rechten Auge immer schwächer.

 Das Schnitzen als Leidenschaft

Als sechstes von zwölf Kindern wurde Christian Hechenbichler auf dem Simandl-Hof in Ruhpolding geboren. Da seine beiden älteren Brüder Priester werden sollten, war er als Hoferbe vorgesehen. Als kleiner Junge schon hätte er allerdings nichts lieber als das Schnitzen gelernt. Mit seinem ersten Taschenmesser schnitt er als Schulbub an Lindenholzabfällen herum, die in der nahen Schreinerei von Bartholomäus Schmucker als Reste herumlagen. Erste figürliche Arbeiten schnitzte der Zwölfjährige, als er von einem Freund seines Vaters drei alte Schnitzmesser geschenkt bekam. Mit 16 Jahren kam der erste künstlerische Auftrag: eine 80 Zentimeter hohe Heiligenfigur für die Josefskapelle in Kleeham bei Chieming, die auch heute noch zu sehen ist. Das Werk war so gelungen, dass von da ab auch sein Vater die ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung seines Sohnes akzeptierte. Der schnitzte nun auch kleine Tierfiguren und verkaufte sie als Andenken an die Feriengäste des Simandlhofes.

Mit dem Tod des Vaters 1939 aber waren vorerst alle seine Träume zunichte. Christian musste zusammen mit seiner Mutter den Hof bewirtschaften und die kleinen Geschwister durchbringen. Von 1941 bis 1945 war er im Krieg, dann in Kriegsgefangenschaft bei Tarent, wo ihm die Engländer die Bodenbretter der Versorgungskisten überließen, damit er für sie schnitzen konnte.

Nach dem Krieg galt es, den Simandl-Hof aus dem Jahr 1741 instand zu setzen und den bäuerlichen Betrieb wieder in Schwung zu bringen. 1948 heirateten Hechenbichler und Maria Mader vom Bindergütl in Siegsdorf. Sie bekamen drei Söhne und drei Töchter. Oft pflegte er zu sagen, „das war doch das Beste an meinem Leben - 50 Jahre verheiratet und immer treu und fest zusammengehalten, dazu drei Paar gesunde Kinder“.

 In Politik und Vereinen aktiv                            

Aber auch im öffentlichen Leben war Hechenbichler stark engagiert. Von 1952 bis 1966 und wieder von 1972 bis 1984 war er für die CSU im Ruhpoldinger Gemeinderat, von 1966 bis 1984 auch im Kreisrat. In den 60er Jahren war der Simandl zehn Jahre Bauernobmann, acht Jahre Schöffe beim Landgericht, viele Jahre in der Vorstandschaft der Traunsteiner Volkshochschule und viele Jahre amtlich vereidigter Boden-, Flur- und Wildschadensschätzer. Besonders lag ihm auch am Herzen, dass er seit 1952 an der Seite von Leonhard Schmucker für die Erhaltung der Forstrechte kämpfte. Viele Jahre war er Ortsobmann beim Verband der Forstberechtigten im Chiemgau. Der Simandl war außerdem Ehrenmitglied beim Trachtenverein D`Miesenbacher, bei der Krieger- und Soldatenkameradschaft und beim Burschenverein, dessen erster Vorstand er einige Jahre war. Er sang 40 Jahre im Kirchenchor, später auch im Männerchor, und spielte leidenschaftlich gerne Theater. Nach dem Krieg baute er zusammen mit anderen das Theaterspiel in Ruhpolding wieder neu auf. Durchschlagende Erfolge dieser Zeit waren zum Beispiel Anzengrubers „Gwissenswurm“ und Kobells „Brandner Kaspar“.

Seine größte Leidenschaft aber blieb immer das Schnitzen. „Dabei konnte ich mich erholen und alles um mich herum vergessen“, erzählte er. Neben Figuren aus dem Alltagsleben restaurierte und schuf er Heiligenfiguren, denen er oft die Gesichter der Auftraggeber gab, fertigte Krippen, Christusfiguren für Feldkreuze und Madonnen, darunter auch viele Reliefs. 

Als der Simandl sein Augenlicht ganz verlor, war es ein besonders harter Schlag für ihn, dass er das Schnitzen aufgeben musste. Er ließ sich aber nicht unterkriegen, sondern entdeckte vielmehr ein neues Talent in sich, denn er begann sowohl bayerische als auch hochdeutsche Verse zu den verschiedensten Themen zu dichten, die er wenigstens telefonisch dann seinen Freunden vortrug. Das Büchlein „Geschichte einer Jugend – Was die Linde erzählt“ erschien bereits in mehreren Auflagen. Selbst beschrieb er seine neue Beschäftigung so: „Wenn er amoi net schlafn ko/ fangt er zum Reimen o./ Wenn er hört, des gfoit de Loit/ hot er a Freid./ Ganz philosophisch is a worn/ er nimmt so allerhand aufs Korn/ und zoagt, dass auch a blinder Mo/ ins Schwarze treffa ko.“

Ein weiteres seiner Büchlein trägt den Titel „Echt boarisch und gut deutsch“. Dabei drehen sich teils hochdeutsche, teils bayerische Verse um die Heimat, enthalten aber auch Kritisches zur heutigen Zeit, zum Beispiel zur Meinungsfreiheit, zu Auswüchsen des Brauchtums oder zur modernen Kunst. Alle Verse sprach Hechenbichler auf Tonband und feilte dann mündlich so lange daran, bis er zufrieden war. Freunde oder Familienmitglieder schrieben es dann auf. Noch existieren einige der alten Büchlein und Tonbänder. Noch existieren einige davon auf dem Simandlhof an der Seehauser Straße 22. Wer etwas haben möchte, kann sich unter der Telefonnummer 08663/9403 an Sandra und Valentin Hechenbichler wenden.

Christiane Giesen

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