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Traunsteins Gesundheitsamtsleiter Dr. Krämer zur Corona-Impfung

„Auf einen Totimpfstoff zu warten könnte leicht tödlich enden“

Dr. Wolfgang Krämer, Gesundheitsamtsleiter in Traunstein über Corona-Impfung
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Dr. Wolfgang Krämer, Gesundheitsamtsleiter in Traunstein, im Gespräch mit chiemgau24.de über die Corona-Impfung.

Altbewährte Methode Totimpfstoff oder neue Technik mRNA-Impfstoff – wo liegen die Unterschiede und welcher Impfstoff ist besser? Ist überhaupt einer davon der „Bessere“? Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Traunsteiner Gesundheitsamtes, stellt die Impfstoffe gegenüber.

Traunstein - Erste Totimpfstoffe könnten nach Prüfung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) ab 2022 auf den Markt kommen und einen weiteren Beitrag im Kampf gegen die Pandemie leisten. In der näheren Auswahl befinden sich derzeit der Impfstoff Valneva eines französisch-österreichischen Herstellers sowie in erster Linie Novavax aus den USA.

Grundsätzlich werden beim Impfen dem Immunsystem zur Aktivierung abgetötete oder abgeschwächte Viren oder deren Bruchstücke präsentiert, so dass das Immunsystem gegen diese Strukturen Abwehrstoffe bilden kann. Im Falle einer tatsächlich stattfindenden Infektion ist der Körper dann bereits auf das Virus vorbereitet. Diese Vorgehensweise ist bei allen Impfstoffen gleich.

Die Funktionsweise von Totimpfstoffen:

Die Präsentation für das Immunsystem des Menschen kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Althergebracht und bereits vielfach bekannt sind Totimpfstoffe, die sich in der Vergangenheit bereits im Kampf gegen diverse Krankheiten wie Diphtherie, Hepatitis B, Kinderlähmung, Keuchhusten oder Tetanus bewährt haben.

Zum Prinzip des Totimpfstoffs kann Dr. Krämer erklären: „Für die Herstellung wird der Virus auf Zellkulturen vermehrt, um genügend Material zu erhalten. Der Virus wird abgetötet, sodass er innerhalb des Menschen nicht mehr vermehrungsfähig ist. Diese abgetöteten Viren oder deren Bruchstücke werden dann injiziert. Das Immunsystem reagiert allerdings meistens nur, wenn es zusätzlich mit sogenannten Adjuvantien aktiviert wird, häufig auf Aluminiumbasis. Diese Adjuvantien werden dem Impfstoff beigemischt.“

Die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen:

Die neue Impfstofftechnologie der mRNA-Impfstoffe wie Biontech oder Moderna basiere im Grunde auf demselben Prinzip: „Dem Körper werden Virenoberflächenbestandteile präsentiert, allerdings nicht über einen abgetöteten Virus.“

Dr. Krämer weiter: „Dem Körper wird in Form der dafür spezifischen mRNA lediglich der ‚Bauplan‘ für ein kleines Bruchstück des Virus gespritzt, im Fall der Corona-mRNA-Impfstoffe ist dies das Spike-Protein - das sind die Knubbel auf der Virus-Oberfläche, mit denen die Viren an der Zelloberfläche andocken. Ein Virus baut sich nach einem ‚Bauplan‘, der mit der mRNA – nicht dem Erbgut an sich – entnommen wird.“

Das Erbgut gleiche dabei einem Buch, das unverändert bleibe. Lediglich eine signifikante Seite, die das Buch eindeutig erkennbar mache, werde abgeschrieben. Diese Information werde über zwei unterschiedliche Arten in den Muskel gespritzt. Die Muskelzellen erkennen diesen „Bauplan“ für das kleine, Bruchstück des Virus und bauen nach dieser Anleitung das Eiweißmolekül, mit den gleichen körpereigenen Produktionsmechanismen, mit denen der Körper auch die eigenen Eiweiße produziert, hoch rein – wohlgemerkt aber nur ein Bruchstück des Virus, das rein gar nichts mit einem infektiösen Viruspartikel zu tun hat.

„mRNA-Impfstoffe sind quasi Totimpfstoffe“

mRNAs werden im Körper grundsätzlich sehr rasch abgebaut, spätestens nach 48 Stunden ist von dem injizierten mRNA-Impfstoff nichts, rein gar nichts mehr im Körper. Das reicht aber aus, um das Impf-Eiweiß ausreichend zu bilden“, so Dr. Krämer weiter. „Auf das fremde Eiweißmolekül reagiert dann das Immunsystem in genau der gleichen Weise wie auf einen Totimpfstoff.“

„Die mRNA-Impfstoffe sind quasi Totimpfstoffe - lediglich das Virusbruchstück wird mit körpereigenen Mechanismen produziert und nicht in Zellkulturen außerhalb des Körpers wie bei den Totimpfstoffen. So erziele ich den gleichen Effekt, sowohl mit den mRNA-Impfstoffen, wie mit den Totimpfstoffen - die wir aber noch nicht haben“, unterstreicht Dr. Krämer.

Fazit: Lediglich die Art der Präsentation, wie dem Immunsystem etwas körperfremdes gezeigt wird unterscheidet Tot- von mRNA-Impfstoffen.

Vor- und Nachteile der beiden Impfstoffe:

Messenger-RNA besitzen nur eine sehr kurze Haltbarkeit, werden wieder abgebaut. „Wird nicht nachgespritzt, ist diese Information weg und die Zelle verfällt in alte Muster“, weiß Dr. Krämer.

Der Vorteil der mRNA-Impfstoffe sei hingegen die sehr schnelle Produktion. Zudem könne die Information leichter abgeändert werden – was gerade bei Virusmutationen hilfreich sei, weil man rasch reagieren und anpassen könne: „Gerade ist die neue Variante Omikron im Gespräch, bei der wir noch nicht wissen, inwiefern sich das Virus verändert hat und ob es eine Anpassung des Impfstoffs braucht. Während die Technik der Präsentation gleicht bleibt, muss lediglich der ‚Bauplan‘ abgeändert werden.“

Totimpfstoffe könnten jedoch im Gegenzug zu den tiefgefkühlten mRNA-Impfstoffen im Kühlschrank gelagert werden, allerdings haben auch sie eine beschränkte Haltbarkeit – je nach Art des Stoffes. „Ideal wäre natürlich, wenn die Nachfrage da ist, dass der Impfstoff gar nicht erst so lange gelagert werden muss.“

Der Nachteil: Für die Herstellung muss der Virus überhaupt erst vorhanden sein, auf Zellkulturen vermehrt, gereinigt und abgetötet werden. Dabei handle es sich Dr. Krämer zufolge um einen relativ langen Prozess, weswegen die Entwicklung eines Totimpfstoffs mehr Zeit in Anspruch nehme als die eines mRNA-Impfstoffs.

Es gilt der Aufruf „Impfen, was das Zeug hält“

Ob Totimpfstoffe, sofern sie denn in Bälde verfügbar sein sollten, Impfskeptiker am Ende doch noch überzeugen könnten, dies sei sehr spekulativ. „Den ein oder anderen überzeugt es gewiss dazu, sich impfen zu lassen. Ob wir aber mit der Marktzulassung von Totimpfstoffen die aus meiner Sicht zu große Impflücke schließen können, mit dieser Aussage bin ich sehr vorsichtig.“

Es habe keinen Sinn, auf einen Totimpfstoff zu warten, „die Epidemie findet jetzt gerade statt, und wir haben zum Glück gut verträgliche mRNA-Impfstoffe und weit ausreichend viel davon – dabei sei kein Unterschied zwischen Biontech und Moderna zu machen. Auf einen Totimpfstoff zu warten könnte jedoch leicht tödlich enden, wenn nämlich die Corona-Infektion während dieser Wartezeit eintritt.“

„Werden um hohe Durchimpfungsrate nicht herum kommen“

Daher gilt Unabhängig von der Art des Impfstoffs: Allgemein gelte nach wie vor der Aufruf „Impfen, was das Zeug hält“, unterstreicht Dr. Krämer abschließend. Im Sommer sei wertvolle Zeit verstrichen, in der Nachfrage nach Impfungen nicht wirklich vorhanden gewesen sei. In diesen Monaten hätte bereits Immunschutz aufgebaut werden können.

„Deshalb befinden wir uns nun in dieser prekären medizinischen Situation. Zu spät zum Impfen ist es nie – für sich und für andere. Ich kann nur raten, das ausgeweitete Impfangebot auch wahr zu nehmen.“ 

Denn: „Wenn wir dauerhaft ohne Kontaktbeschränkungen leben und letztendlich ein normales soziales Leben wieder haben möchten werden wir um eine hohe Durchimpfungsrate nicht herum kommen. Mein großer Wunsch an die Bevölkerung ist, von der Grundimmunisierung Gebrauch zu machen und länger zurückliegende Impfungen auffrischen zu lassen. Das ist aus meiner Sicht der einzige Weg, der Pandemie langfristig zu entfliehen.“

mb