Verein Creditreform warnt - Nachgefragt in München und Freilassing

Nach Corona: Droht der Region im Herbst eine Insolvenzwelle?

Landkreise Rosenheim/Traunstein/Altötting/Mühldorf/Berchtesgadener Land: Droht im Herbst durch Corona-Krise eine Insolvenz-Welle?
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Der Verein Creditreform warnt, im Herbst drohe eine Insolvenzwelle. Doch wie stark wäre davon die Region betroffen, vor allem der EInzelhandel, sowie Gastronomie und Hotellerie, welche die Innenstädte prägen? Wir haben mit Florian Reil von der IHK München und Oberbayern (links) und Dr. Thomas Birner vom Wirtschaftsservice Berchtesgadener Land GmbH gesprochen.

Freilassing/München/Landkreis - Fachleute mahnen, im Herbst drohe in Folge der Corona-Krise eine verschleppte Insolvenz-Welle. Wie schaut aber die Lage in der Region aus?

"Wie es letztlich ausgehen wird, das kann denke ich im Moment keiner seriös sagen", so  Dr. Thomas Birner von der Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH gegenüber bgland.24.de. "Aber wir bekommen durchaus von vielen Geschäftsleuten zu hören, dass sie die nähere Zukunft mit Sorge betrachten." "Wir könnten noch massive Folgen der Corona-Krise erleben", so wiederum Florian Reil, Pressereferent der Industrie- und Handelskammer (IHK) München und Oberbayern. "Wir haben schon durchaus von Befürchtungen gehört, dass es vor allem den Einzelhandel übel erwischen könnte."

Verein Creditreform warnt: Bild der wirtschaftlichen Lage verzerrt

Trotz des massiven Konjunktureinbruchs im Zuge der Corona-Pandemie ist die Zahl der Insolvenzen bislang bundesweit nicht gestiegen. Stattdessen verringerte sich im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,2 Prozent auf 8.900 Fälle. Doch der Anschein sei trügerisch, warnt der Verein Creditreform in einer Pressemitteilung. Dieser ist ein Anbieter von Wirtschaftsinformationen, Marketingdaten und Lösungen zum Forderungsmanagement. 

"Bisher war die Zahl der Insolvenzen immer ein Zeichen dafür, wie es um die Wirtschaft bestellt ist. Das ist aber aktuell nicht der Fall", so der Verein. Ursache dafür dürften, seiner Ansicht nach, vor allem die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen in der aktuellen Krise sein. "Die von der KfW bereitgestellten Kreditmittel, die Zuschüsse für Selbstständige und kleine Gewerbetreibende sowie die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sollten einen akuten Anstieg der Pleiten, insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen, verhindern und die Insolvenzzahlen stabil halten." 

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Der Rückgang der Insolvenzfälle zeige nun zwei Dinge: Zum einen, dass der beabsichtigte Effekt der Maßnahmen einerseits erreicht wurde. Andererseits sei dieser zugleich insoweit verfehlt worden, als offenbar auch solche Unternehmen vorläufig der Insolvenz entgangen seien, die – hätte es die Viruskrise nicht gegeben – den Gang zum Insolvenzgericht angetreten hätten. "Hier hat es möglicherweise unerwünschte Mitnahmeeffekte gegeben." Auch, dass die zuständigen Insolvenzgerichte derzeit teils personell unterbesetzt seien, sorge für eine Verzerrung des Bildes.

Verein warnt vor Insolvenz-Welle im Herbst

"In Anbetracht dessen geht die Creditreform Wirtschaftsforschung weiterhin davon aus, dass sich mit dem Auslaufen der bis September 2020 befristeten Aussetzung der Insolvenzantragspflicht die Zahl der Verfahren erheblich erhöhen wird", so der Verein. "Eine solche Insolvenzwelle wäre nur dann abzuwenden, wenn es den betroffenen Unternehmen gelänge, bis zu diesem Zeitpunkt die Krisenfolgen zu überwinden und sich wieder zu stabilisieren."

Wie ist nun aber die Lage konkret für unsere Region zu werten? Bei den Landratsämtern von Altötting, Berchtesgaden, Mühldorf, Rosenheim und Traunstein gibt man sich sehr vorsichtig. Bislang sei nichts bekannt, das darauf hinweisen würde, dass diese Insolvenzwelle kommen würde, heißt es allerorten. Über eine vermehrte Anzahl von Unternehmen in Schwierigkeiten sei aktuell nichts bekannt.

Manche Branchen härter getroffen

Einigkeit besteht dagegen bei IHK und einigen der Landratsämter, dass es manche Branchen definitiv hart getroffen hat. "Während sich die Hotellerie langsam erholt und durchaus vom Binnentourismus in diesem Jahr profitiert, schaut es für manche Teile der Gastronomie weiter nicht gut aus", so IHK-Sprecher Reil. "Betriebe, die mangels geeigneter Räumlichkeiten immer noch nicht öffnen können oder beispielsweise Discotheken schauen weiter düster in die Zukunft."

Darin stimmt ihm auch Dr. Birner vom Berchtesgadener Wirtschaftsservice zu. "Auch da wo es wieder läuft, ist die Lage nicht immer optimal. Die Leute bleiben weniger lange, bestellen keine Getränke mehr nach und so weiter."

Auch im Einzelhandel gäbe es deutliche Gewinner und Verlierer der Krise. "Beispielsweise einige im Bereich der höherpreisigen Textil- und Modebranche leiden sehr darunter, dass die Leute weniger Geld ausgeben wollen", berichtet Reil. "Etwa Trachtengeschäfte leiden massiv darunter, dass es heuer keine Volksfeste und Großveranstaltungen geben darf." Auch beispielsweise in der Wasserburger Innenstadt gähnt im August 2020 mancher Leerstand.

Bild der Lage stimmt nicht optimistisch

"Selbst wenn es gut läuft, kommt ja immer noch auf jeden eine Zusatzbelastung durch die Maßnahmen zum Infektionsschutz zu", merkt wiederum Birner an. "Auch wenn man also wieder annähernd Umsätze wie vor der Krise hat, muss man Geld für Desinfektionsmittel, Eingangskontrollen, Schutzschilde an der Kasse und so weiter ausgeben."

Zusammenfassend, da sind sich alle einig, zeichne sich kein unbedingt optimistisch stimmendes Bild der Lage. Das bedeute aber nicht unbedingt, dass das Szenario, welches der Verein Creditreform zeichnet, eintreffen müsse. "Wie gesagt: Noch ist es etwas hin bis Herbst und es gibt durchaus auch Anzeichen dafür, dass es weniger dramatisch wird. Das sehen auch einige Fachleute so", schließt Birner ab. "Aber insgesamt gibt die Lage auch nicht unbedingt Grund zum Übermut."

Auch wenn es also nicht unbedingt die besten Vorzeichen gibt, lassen sich einige Geschäftsleute und Gastronomen davon nicht abschrecken. Cornelia Marchner erfüllt sich mit einem Brautmodengeschäft für Übergrößen einen jahrelangen Traum.  Unterdessen hat in Neuötting hat die Altöttinger Möbeloase eine neue Ladenfläche in der Nagelschmiedstraße gefunden. Wiederum in Aschau am Inn eröffnete vor kurzem eine neue griechische Taverne.

„Uns ist schon klar, dass es derzeit eine schwierige Zeit für die Gastronomie ist. Aber es kann ja wegen Corona nicht alles zum Stillstand kommen“, betonen die Betreiber im Gespräch mit innsalzach24.de.

hs

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