Lokführer will Schmerzensgeld - Täter oder Opfer?

Nürnberg/Frankfurt - Ein junger Mann stürzt sich vor einem Zug in den Tod - und der Lokführer fordert Schmerzensgeld von den Eltern. Was makaber klingt, ist juristisch gar nicht so abwegig.

Es ist eine traurige Geschichte, die vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth erzählt wird: Ein junger Mann, 20 Jahre alt, wird in einer Januarnacht vor zwei Jahren in Nordbayern von einem Zug überrollt und stirbt. Wohl, weil er nicht mehr leben will. Die Nächte des Lokführers, der im Führerhaus durch diese Nacht fährt, werden fortan eine Qual. Er bekommt Alpträume, als er erfährt, dass sein Zug einen Menschen getötet hat. Und die Eltern, die lange um ihren Sohn trauern, sollen jetzt für die Leiden des Lokführers zahlen.

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Die Frau des Bahn-Mitarbeiters will vor Gericht Schadensersatz und Schmerzensgeld erstreiten. Der Mann hat seine Forderungen an seine Partnerin abgetreten, um im Prozess als Zeuge aussagen zu können. Die geforderten 15 000 Euro dürfte das Paar zwar nicht bekommen - das sei zu viel, sagte die Richterin am Dienstag. Aber es sieht so aus, dass die Eheleute zumindest 3000 bis 5000 erhalten können. Zwei Wochen Zeit hat das Gericht beiden Seiten und der Versicherung der Eltern gegeben, um sich über den Vorschlag zu einigen. Man zeigt sich kompromissbereit - niemand will einen langen Prozess.

Nach solch einem Verlust noch Entschädigung von den Eltern zu fordern, das klingt makaber und moralisch falsch. Aber juristisch sind sie als Erben für den Sohn verantwortlich - selbst für den letzten Akt. “Sie haften auch für alle Schäden, die der Erblasser verursacht hat. Es sei denn, sie haben das Erbe ausgeschlagen“, sagte der Frankfurter Anwalt Andreas Wirz der Nachrichtenagentur dpa. Zu einem Erbe gehört das Vermögen ebenso wie die Schulden. Wer die Möbel und die Armbanduhr des Toten annimmt, der kann auch belangt werden, wenn der Tote mit seinem Sterben einen Schaden angerichtet hat.

Das ist in dieser Form zwar selten - juristisches Neuland ist es aber nicht. “Im Prinzip steht es jedem Lokführer frei, in so einem Fall Schadensersatz zu fordern“, sagt Wirz. “Die Bahn könnte auch Schäden an ihrem Zug erstattet bekommen.“ Das Unternehmen selber teilte aber mit, dass es davon grundsätzlich absehe.

Dass kaum ein Lokführer bisher vor Gericht zog, hat für Wirz mehrere Gründe: Schlagen die Angehörigen ihr Erbe frühzeitig aus, bleibt niemand zurück, der für die Taten des Gestorbenen haftet. Klagen blieben dann erfolglos. Den Anspruch auf Schadensersatz nachzuweisen, sei außerdem schwierig - und nicht zuletzt halte die Moral viele von einem solchen Unterfangen ab.

Denn schnell kann der traumatisierte Zugführer in der Wahrnehmung zum Täter werden, der die trauernde Familie ausnehmen will. Dabei könnte der junge Mann durch seinen Selbstmord ebenso Täter sein: Derjenige, der nicht nur sein eigenes Leben beendet, sondern auch das eines Fremden ins Unglück stürzt.

Wer außer Opfer am ehesten auch Täter ist - diese Entscheidung wird das Gericht nicht unbedingt fällen wollen und daher an einem Vergleich sehr interessiert sein. Schon bei der Verhandlung zeigte sich, wie der Streit um Opfer- und Täterrolle aussehen könnte: Mit Zweifeln an der psychischen Schädigung des Lokführers und dem Hinweis, dass der für solche Fälle zuständige Amtsarzt ihn nur für zwei Wochen arbeitsunfähig geschrieben hatte. Zurück blieben nur Opfer, die ihre Qualen noch einmal durchleben müssten.

dpa/lby

Rubriklistenbild: © dpa

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