Gespräch mit Dr. Wolfgang Bachleitner

Die Gefahr lauert vor der Tür - Experte warnt vor den „gefährlichsten Tieren unserer Wälder“

Dr. Wolfgang Bachleitner mit Zeckenbild
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Dr. Wolfgang Bachleitner klärt über die Gefahren „neuer“ Zecken in Bayern auf.

Landkreis - Es ist ein beunruhigendes Phänomen, welches sich im vergangenen Sommer beobachten ließ: Kinder, die selbst nach kurzen Aufenthalten in nur knöchelhohem Gras mit Zecken übersät waren. Wir haben mit Dr. Wolfgang Bachleitner von der FOS/BOS Rosenheim über das Thema gesprochen.

Eins, zwei. Dann drei. Schließlich vier. Da! Eine Fünfte ist noch hinter dem Ohr! Unvorstellbar, aber wahr, die Tochter spielt kurz mit ihrer Freundin im hauseigenen Garten, doch den kleinen Milbentieren reicht die Zeit vollkommen aus und schon ist das Mädchen übersät mit Zecken. Nach jedem Besuch im Garten muss die Zeckenpinzette herausgeholt werden. Das war doch früher nicht so, oder?

Nicht nur in diesem, in vielen anderen Haushalten wurde es im vergangenen Sommer zum Ritual: Kinder täglich nach Zecken abzusuchen. Doch auch Erwachsene blieben nicht verschont. Auch vielzitierte Grundweisheiten schienen nicht mehr zu gelten - jene, wonach Zecken sich in hohen Wiesen, Hecken und Wiesen verstecken. Nein, die parasitären Tierchen legen sich nun auch in unseren Gärten auf die Lauer.

Dr. Wolfgang Bachleitner von der FOS/BOS Rosenheim beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Parasiten. Und er hat eine Erklärung für das „ungewöhnliche“ Verhalten der Zecken parat. Mit einem Wort gesagt: Klimaerwärmung. Schon in einem vorangegangenen Interview betonte er, dass es den Zecken immer leichter fiele, neue Lebensräume zu erobern - sprich auch in höhergelegene Lagen vorzudringen. Doch nicht nur das: Sie verbreiten sich nicht nur in neue Gebiete - sie sind auch länger im Jahr aktiv. Selbst im späten Herbst sind sie noch anzutreffen, er fand aktive Individuen im November und heuer im März. Auf Wirtstieren überstehen sie inzwischen das ganze Jahr. Und sie treten in rauen Massen auf.

Das Leben der Zecken ist mysteriös

Grundsätzlich ist das Leben der Zecken mysteriös. 95 Prozent der Lebenszeit einer Zecke sind unbekannt, wie Dr. Bachleitner erklärt. Immer noch ist nur wenig über den Lebenszyklus der Tiere bekannt. Was man weiß ist, dass ihnen unsere Winter eigentlich zu schaffen machen. Um der Kälte zu entgehen, verkriechen sie sich in obere Erdschichten. Doch in strengen Wintern hilft nicht einmal das: Dann findet eine Ausdünnung der Bestände statt, „bis hin zum Zusammenbruch der Population“, wie Dr. Bachleitner ergänzt. . Womit wir beim Kernpunkt des Problems angelangt wären.

Bedingt durch den Klimawandel sind unsere Winter viel zu mild. Die Bodenfestigkeit unserer Thermometer wird nur mehr selten geprüft, länger dauernde Phasen mit tiefen Minustemperaturen sind rar. Vor allem sogenannte Kahlfröste - Frost bei wenig oder keinem Schnee - treten immer seltener auf. Paradiesische Zustände für alle Schädlinge, und auch für Zecken. Im Frühjahr können sie sich rasend vermehren. Da der Bestandsdruck immer höher wird, suchen sie sich neue „Jagdgebiete“. So auch unsere Gärten.

Für unsere Lebensweise hat das neue Leben der Parasiten dramatische Auswirkungen. Nicht nur, dass diese vermehrt auftreten. Sie übertragen auch neue Krankheiten.

Die Braune Hundezecke stammt ursprünglich aus Nordafrika. Sie überträgt eine ganze Reihe an Krankheiten.

„Das gefährlichste Tier in unserem Wald“

Wie Dr. Bachleitner ausführt, ist das südliche Oberbayern - und insbesondere das Rosenheimer Land - ohnedies ein Hochrisikogebiet, was Zecken anbelangt. Sie übertragen hauptsächlich zwei Krankheiten: Borreliose - eine bakterielle Erkrankung - und die gefürchtete Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Viruserkrankung. Eine zu spät gestellte Diagnose und ein verzögerter Behandlungsbeginn führt zu dramatischen gesundheitlichen Spätfolgen. Dem nicht genug, ist „dank“ höherer Temperaturen das Auftreten neuer Zeckenarten in unseren Breitengraden zu beobachten - konkret wird von Dr. Bachleitner die tropische Riesenzecke, welche das Fleckfieber überträgt, oder die braune Hundezecke genannt. Auch sie kommen mit gefährlicher Fracht in Form von neuen Parasiten, welche für Hunde und Menschen gefährlich sind.

Eine tropische Riesenzecke: 2019 soll erstmals ein Mensch in Deutschland durch ihren Biss am Fleckfieber erkrankt sein.

Der Experte appelliert in dieser Hinsicht an die Eltern: „In Zukunft wird es nötig sein, Kinder nach Zecken abzusuchen“. Zur Prävention empfiehlt er, auf lange Kleidung und Zeckenmittel zu setzen. Generell empfiehlt er, nach Zeckenbissen unbedingt einen Arzt aufzusuchen um die Zecke entfernen zu lassen und die Bissstelle zu kontrollieren. Sollten schnupfenartigen Symptome innerhalb der folgenden Wochen nach dem Biss auftreten, könnte das als Folge einer Infektion durch den Zeckenbiss passieren. Der Arzt sollte darüber unbedingt informiert werden. Denn der sogenannte „rote Hof“, welcher bekanntermaßen eine Borreliose-Infektion anzeigt, zeichne sich nicht immer deutlich ab, oder er ist gar nicht erkennbar!  Denn eines muss uns klar sein: „Die Zecke ist derzeit das gefährlichste Tier in unseren Wäldern“.

-dp-

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