Die Region kämpft weiter für die Gedenkstätte

Mühldorfer Hart: "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

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Nur noch einer der ehemals sieben Bunkerbögen ist erhalten. Die anderen hat das US-Militär nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt.
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Mühldorf - Verkehrssicherung, Eigentumsverhältnisse, Finanzierung: Der Weg zu einer Gedenkstätte im Mühldorfer Hart ist steinig. Ans Aufgeben denkt jedoch keiner.

Unter dem an Zynismus schwer zu überbietenden Decknamen "Weingut I" wollte das Nazi-Regime in den letzten Jahres des Zweiten Weltkriegs eine Bunkeranlage gigantischen Ausmaßes errichten lassen. Unter zwölf riesigen Bögen aus Beton sollten halbunterirdisch Kriegsflugzeuge produziert werden. Die Anlage wurde nie fertiggestellt, bei Kriegsende waren lediglich sieben Bögen errichtet. Das Leid, das den Arbeitern im Mühldorfer Hart angetan wurde, war indes verheerend.

Zwischen August 1944 und Mai 1945 arbeiteten über 8000 Häftlinge, ein Großteil davon aus Ungarn, am Rüstungsbunker. Beinahe die Hälfte von ihnen fand im Mühldorfer Hart den Tod. Einige fielen der körperlichen Schwerstarbeit und den menschenunwürdigen Lebensbedingungen zum Opfer, viele Häftlinge wurden aber auch einfach umgebracht. Wer am Rüstungsbunker arbeiten musste, hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von unter zwei Monaten.

Ist das Areal nicht bedeutend genug?

Eigentlich ist man sich in der Region längst einig, dass im Mühldorfer Hart eine Gedenkstätte entstehen soll - im Gedenken an die Opfer und als Erinnerungsort für künftige Generationen. Das Konzept steht längst, aus dem einzigen bis heute erhaltenen Bunkerbogen, dem ehemaligen Waldlager und dem früheren Massengrab sollen Gedenkorte werden. Außerdem soll ergänzend dazu im Mühldorfer Haberkasten eine Dauerausstellung eingerichtet werden.

Charlotte Knobloch bei ihrer Ansprache auf dem Mühldorfer KZ-Friedhof im Januar 2013.

Vor genau einem Jahr, am 27. Januar 2013, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, war das Konzept bereits präsentiert worden. Sehr beeindruckt zeigte sich damals der Ehrengast der Veranstaltung, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch. Auch sie wollte sich dafür stark machen, dass das Projekt vom Bund gefördert wird.

Im Sommer dann die enttäuschende Nachricht: Der Förderantrag in Höhe von 1,6 Millionen Euro wird abgelehnt, das Bunkergelände sei schlicht nicht bedeutend genug, so die Begründung. Für die Verantwortlichen in der Region kam dies völlig unerwartet. "Das war natürlich sehr enttäuschend. Mit dem habe ich nicht gerechnet", erinnert sich Eva Köhr im Gespräch mit unserer Redaktion. Die stellvertretende Landrätin engagiert sich als Vorsitzende des Arbeitskreises KZ-Gedenkstätte für das Projekt.

Man habe ein gutes Konzept vorgelegt, so Köhr. Die Begründung des Bundes ist für die stellvertretende Landrätin deshalb nach wie vor nicht nachvollziehbar. "Das Bunkergelände hat nicht nur eine bundesweite Bedeutung, sondern eine globale Bedeutung", sagt Köhr, die insbesondere auf die Erwähnung des Geländes im jüdischen Museum in New York verweist. Aufgeben, auch das steht für Köhr fest, werde man wegen der Absage des Bundes aber noch lange nicht.

Massengrab und Waldlager werden schon heuer zu Gedenkorten

Mit der Umsetzung eines Teils des Gesamtkonzepts soll schon in diesem Jahr begonnen werden. Auf dem Areal des Waldlagers und des Massengrabs sollen Gedenkorte entstehen, die Finanzierung ist durch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten gesichert. Gestaltet werden die Gedenkorte genau so, wie das Architektenbüro Latz und Partner in seinem Entwurf "Zusammenhänge verstehen - gegen das Vergessen" vorgeschlagen hat. Prägnante Stellen des früheren Waldlagers sollen mit großen "Erinnerungssteinen" markiert werden und auf dem Gelände des früheren Massengrabs soll eine Lichtung aus Baumstämmen symbolisch an die Verstorbenen erinnern.

Eva Köhr.

Die Ausstellung im Haberkasten soll in diesem Jahr zumindest vorbereitet werden. "Die Eröffnung 2015 wäre das Ziel. Ich denke, zumindest das Konzept wird bis dahin stehen", erklärt Köhr. Für eine Zeitspanne von 18 Monate soll ein Experte eingestellt werden, der die Ausstellung vorbereitet, die Finanzierung übernimmt der Förderverein Kreismuseum und die Landesstelle für nichtstaatliche Museen. Die Finanzierung der Ausstellung selbst durch Stadt und Landkreis ist eigentlich auch schon beschlossen - realisiert werde die Ausstellung "aber nur, wenn es draußen geklärt ist", so Köhr.

Wer übernimmt die Verkehrssicherung? Wer zahlt?

Draußen, das ist das Bunkergelände. Die Ideen der Architekten auch dort umzusetzen - unter anderem sollen die Besucher das Bunkergelände von einer Plattform aus überblicken - droht nicht nur an der Finanzierung zu scheitern. Fraglich ist auch, wer die Verkehrssicherungspflicht übernimmt. Fakt ist: Das Gelände befindet sich in den Händen mehrerer Privatleute, die Überreste des Bunkers gehören dem Bund, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reichs.

Betreten verboten: Wann wird aus der Ruine des Bunkergeländes eine Gedenkstätte?

Ein Runder Tisch mit Vertretern von Bund und Freistaat sollte die Frage der Verkehrssicherung klären, findet Köhr, die die Verkehrssicherung grundsätzlich bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten gut aufgehoben sähe. Als Stellvertreterin des Freistaats hat die Stiftung bereits die Trägerschaft der Teilprojekte Waldlager und Massengrab inne. Von der Bayerischen Staatskanzlei hatte Köhr unlängst bereits erfahren, dass sich das Bayerische Kultusministerium schon mit der Problematik befasst.

Eine weitere Hürde sind die komplizierten Eigentumsverhältnisse auf dem Bunkergelände. Das Gebiet befinde sich "handtuchartig" in Privatbesitz, so Köhr. Sollte das Bunkergelände zu einer Gedenkstätte werden, müssten die Eigentümer entweder entschädigt werden oder aber man findet eine Mietlösung, schätzt Köhr.

Sind all diese Fragen geklärt, davon ist Köhr überzeugt, dürfte das Projekt auch an der Finanzierung nicht mehr scheitern. "Ich habe die Hoffnung, dass die Gedenkstätte kommt, sonst machen wir uns lächerlich." Immerhin arbeite man schon seit 30 Jahren daran, auch mit dem Einsatz vieler Ehrenamtlicher. "Die lassen wir sonst hängen."

"Das ist eine Neverending Story"

Eva Köhr (2.v.l.) bei der letztjährigen Holocaust-Gedenkfeier auf dem Mühldorfer KZ-Friedhof.

Einer dieser Ehrenamtlichen ist Dr. Erhard Bosch, Zweiter Vorsitzender des Vereins "Für das Erinnern". Auch er ist überzeugt, dass das Projekt letztlich nicht am Geld scheitern wird: "Wenn die Verkehrssicherungspflicht geklärt ist, glaube ich nicht, dass es an den Mitteln scheitert." Ob ein Runder Tisch so bald die Frage der Verkehrssicherungspflicht klären wird, bezweifelt Bosch jedoch. "Ich habe schon so viele Sitzungen im Kultusministerium erlebt...", erinnert sich der Winhöringer. "Seit 1985 sind Bestrebungen da. Das sind bald 30 Jahre und es rührt sich nichts. Das ist eine Neverending Story - aber die Hoffnung stirbt zuletzt."

Die Hoffnung Boschs ist im Moment, dass man bis 2015, wenn sich das Kriegsende zum 70. Mal jährt, "wenigstens irgendetwas vorweisen" könne. Dass Bund, Freistaat und Landkreis keine gemeinsame Lösung finden können, mag der Winhöringer nicht so recht glauben.

Auftrieb für die Erinnerungskultur

Mehrstündige Führungen, Informationsfahrten, Vorträge, Schulungen, Gedenkfeiern und die Pflege der Internetseite des Vereins - Bosch und seine Mitstreiter investieren Jahr für Jahr unzählige Stunden in die Erinnerungsarbeit. Das Interesse an Führungen zu Bunkergelände, Waldlager und Massengrab ist inzwischen allerdings zurückgegangen. In diesem Sommer hat der Verein nur zwei große Führungen ausgeschrieben.

Bosch ist überzeugt, dass eine Gedenkstätte im Mühldorfer Hart der Erinnerungskultur neuen Auftrieb geben könnte. "Wenn jetzt eine Gedenkstätte kommt, würde sicher ein großer Zulauf kommen", findet der Winhöringer. "Normalerweise fährt jede Schule nach Dachau. Es ist aber noch beeindruckender, wenn man es direkt vor Ort hat."

Für Eva Köhr ist die Gedenkstätte schlicht unverzichtbar. Man müsse dem "rechten Sumpf", der wieder hochkomme, entgegenwirken. Von "Wollen" könne deshalb keine Rede sein. "Man muss sich der Vergangenheit stellen."

Quelle: innsalzach24.de

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