Berufungsverhandlung um schweren Unfall

Nach Hütten-Sturz gelähmt: OLG sieht Mitschuld des Wanderers

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Die Tutzinger Hütte

Benediktbeuern/Bad Tölz - Eine Tour auf die Benediktenwand endete tragisch für einen Bergsteiger. Er stürzte in der Tutzinger Hütte auf dem Weg zum Klo und sitzt seitdem im Rollstuhl. Vom Hüttenwirt und dem DAV fordert er Schadensersatz. In zweiter Instanz sieht das Gericht aber ein deutliches Mitverschulden des Mannes.

Update, 6.40 Uhr - Querschnittsgelähmt nach Sturz aus Tutzinger Hütte - Gericht regt Einigung an

Es war ein ungewöhnliches Unglück: Bei einer Übernachtung auf der Tutzinger Hütte bei Benediktbeuern stürzte ein Wanderer aus einer Fluchttüre in die Tiefe und ist seither querschnittgelähmt. Der Mann verklagte die Betreiber der Hütte auf Schadenersatz. In der zweiten Instanz sah das Oberlandesgericht München am Dienstag allerdings ein deutliches Mitverschulden des Mannes. Der Senat habe darauf hingewiesen, dass dieses Mitverschulden erheblich zu gewichten sei und auch bei 80 bis 90 Prozent liegen könne, teilte ein Gerichtssprecher mit.

Der Senat regte den Angaben zufolge an, dass die Parteien sich auf einen Schadenersatz-Betrag einigen. Um den Vergleichsgesprächen Zeit zu geben, will das Gericht im September entscheiden.

Der Mann war im Oktober 2016 nachts angetrunken durch eine Fluchttür auf eine Plattform ins Freie gelangt und dreieinhalb Meter tief auf eine Steinmauer gestürzt. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Das Landgericht München II hatte ihm vor einem Jahr Schadenersatz zugesprochen. Demnach sollte der Betreiber der Hütte und die betreffende Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) dem Kläger 60 Prozent aller aus dem Unfall resultierenden Schäden zu ersetzen. Das Gericht sah aber damals schon ein Mitverschulden des Klägers: Der Mann sei alkoholisiert gewesen und habe die Kennzeichnung als Fluchttür nicht beachtet. Zugleich habe es auch auf der Hütte Versäumnisse gegeben. Dass es an der Plattform kein Geländer gab, wertete das Gericht als eklatanten Sicherheitsmangel.

Vorbericht

Ein Wanderer aus Grafing im Landkreis Ebersber war im Oktober 2016 nachts angetrunken durch eine Fluchttür auf der Tutzinger Hütte auf eine Plattform ins Freie gelangt und dreieinhalb Meter in die Tiefe auf eine Steinmauer gestürzt. Seither ist der Mann querschnittsgelähmt. Das Landgericht München II sprach ihm im Juli 2016 Schadenersatz zu, gab ihm jedoch nur teilweise Recht. Das Gericht sah auch ein Mitverschulden des Klägers. Darum geht es nun erneut um den Anspruch auf Schadensersatz - vor dem Oberlandesgericht in München.

Christian G. war nachts angetrunken auf dem Weg zur Toilette durch eine Fluchttur der Tutzinger Hütte gegangen, dann von einer Plattform rund dreieinhalb Meter in die Tiefe gefallen und auf einen Steinboden gestürzt. Darum sah das Münchner Landgericht II auch eine Mitschuld des Wanderers: Der Mann sei alkoholisiert gewesen (1,9 Promille) und habe die Kennzeichnung als Fluchttür nicht beachtet. Auch habe er nicht bemerkt, dass die Türe einen anderen Öffnungsmechanismus hatte. Zudem sei auf Berghütten nicht der gleiche Sicherheitsstandard zu erwarten wie im Tal.

Doch auch auf der Hütte habe es Versäumnisse gegeben. Dass es an der Plattform keine Absturzsicherung gab, wertete das Gericht als eklatanten Sicherheitsmangel. Der Fluchtweg berge damit das Risiko eines Sturzes auf die Steinmauer, für den die Betreiber einstehen müssten. Denn auch in einem Notfall bestehe die Gefahr, dass sich Flüchtende bei Dunkelheit, Qualm und Panik verletzen könnten. Auch wer nicht vor einem Brand flüchte, müsse nicht mit einem solchen Sicherheitsmangel rechnen. Hinzu komme, dass es in der Vergangenheit an dieser Stelle schon zu Unfällen gekommen war.

Das Münchner Landgericht sah es beim Prozess im Juli 2019 als erwiesen an, dass der Betreiber der Hütte und die betreffende Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) dem Kläger 60 Prozent aller aus dem Unfall resultierenden Schäden zu ersetzen haben.

mh

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